1917
The Cantos
Überblick↑
Das umfangreiche Gedichtwerk The Cantos (deutsch „Die Gesänge“) ist das Hauptwerk des Dichters Ezra Pound. Er begann es 1915, und die ersten Gesänge erschienen 1917 in der Zeitschrift Poetry. Über ein halbes Jahrhundert arbeitete Pound daran, bis 1966. Die erste vollständige Ausgabe von 1970 versammelt 117 Gesänge. Das Werk verknüpft Wirtschaft, Politik, Kultur und Geistesgeschichte quer durch die Epochen und Weltgegenden. International zählt es zu den einflussreichen Beiträgen der angloamerikanischen Lyrik. In Deutschland wurde es wegen seiner offenen Nähe zum italienischen Faschismus zurückhaltend aufgenommen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Einen erzählten Handlungsfaden sucht man in diesem Werk vergebens. Es reiht Gesänge aneinander, die weit auseinanderliegende Zeiten und Länder nebeneinanderstellen – vom antiken China über die amerikanische Unabhängigkeit bis zum Ersten Weltkrieg. Immer wieder geht es um die Verflechtung von Wirtschaftssystemen, Regierungswesen, Kultur und Geistesgeschichte. Die frühen Gesänge sind geprägt von Pounds Auseinandersetzung mit Dichtern wie Homer, Ovid und Dante sowie mit Rémy de Gourmont. Daneben stehen Erinnerungen an Jugendreisen nach Europa. Als Leitmotiv zieht sich das Verhältnis von Vergangenheit und Zukunft, von Tradition und utopischem Traum durch das ganze Werk.
Die Handlung im Detail↑
Wer das Werk als Ganzes liest, folgt keiner Geschichte, sondern einer Zusammenschau vieler Stimmen, Zitate und Bilder. Pound verwebt Homer, Ovid und Dante mit den Worten von Politikern und Ökonomen. Die Gesänge greifen dabei weit in die Geschichte aus. Die Cantos LII bis LXI befassen sich mit der Geschichte des alten China. Die beiden Gesänge 72 und 73 schrieb Pound auf Italienisch; sie enthalten antisemitische Motive und eine offene Huldigung des Faschismus.
Pound hatte im Zweiten Weltkrieg über den italienischen Rundfunk propagandistische Reden für Mussolinis Regime gehalten, auch mit antisemitischen Ausfällen. 1945 nahmen ihn US-Truppen fest; in einem Gefangenenlager bei Pisa entstand der Teil, der 1948 als Pisan Cantos („Pisaner Gesänge“) erschien. In den USA klagte man ihn wegen Hochverrats an, erklärte ihn für verhandlungsunfähig und hielt ihn über zwölf Jahre in einer psychiatrischen Anstalt (St. Elizabeths in Washington) fest. Insgesamt zog sich die Arbeit über mehr als fünfzig Jahre hin, bis 1966. Erst 1970 lag das Werk vollständig vor, mit 117 Gesängen. Aus der Fülle der einzelnen Gesänge tritt am Ende kein geschlossener Schluss hervor, sondern das offene Nebeneinander von Vergangenheit und utopischem Traum.
Stil↑
Kennzeichnend für das Werk ist eine Technik der Montage. Pound fügt Bruchstücke aus vielen Quellen dicht nebeneinander und lässt Epochen und Weltgegenden unmittelbar aufeinanderprallen. Er zieht dabei Homer, Ovid, Dante und Rémy de Gourmont heran, ebenso Politiker und Ökonomen. Das Werk ist mehrsprachig angelegt: Zwei der Gesänge verfasste Pound sogar ganz auf Italienisch. So entsteht ein vielstimmiges Geflecht aus Zitaten, Anspielungen und Erinnerungen, das antike Dichtung, historische Dokumente und persönliche Eindrücke miteinander verbindet.
Rezeption↑
International zählt das Werk zu den einflussreichen Beiträgen der angloamerikanischen Lyrik. In Deutschland fiel die Aufnahme zurückhaltender aus, vor allem wegen der deutlichen Bezüge zum italienischen Faschismus. Die in Gefangenschaft entstandenen Pisaner Gesänge erhielten 1949 den Bollingen Prize. Eine zweisprachige Gesamtausgabe in der Übertragung von Eva Hesse, ediert und kommentiert von Heinz Ickstadt und Manfred Pfister, erschien 2012 im Arche Verlag. Diese Übersetzung wurde 2013 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Noch 2019 sorgte ein Zitat aus dem Werk auf einer Platte bei den Leibniz-Kolonnaden in Berlin für Kontroversen.
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