1930
The Bridge
Überblick↑
Mit The Bridge unternahm Hart Crane seinen ersten und einzigen Versuch, ein langes Gedicht zu schreiben. Das Buch erschien 1930 bei der Black Sun Press. Bis heute ist umstritten, ob es sich um ein Epos oder eher um eine Sammlung lyrischer Gedichte handelt; die neuere Kritik neigt dazu, es als Mischform zu sehen, womöglich als Beispiel einer eigenen Gattung, die man modernistisches Epos genannt hat.
Angeregt wurde das Werk von der Brooklyn Bridge in New York. Crane wohnte eine Zeitlang in Brooklyn, in der Columbia Heights Nummer 110, und hatte von dort einen weiten Blick auf die Brücke und den East River. Erst nach Abschluss des Buches erfuhr er, dass Washington Roebling, einer der Ingenieure des Brückenbaus, an derselben Adresse gelebt hatte. Die erste Ausgabe enthält Fotografien seines Freundes Walker Evans.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Das Buch versammelt fünfzehn lyrische Gedichte von sehr unterschiedlicher Länge und mit sehr unterschiedlichen Themen. Am Anfang steht ein Proömium, eine kleine Ode an die Brooklyn Bridge und an New York. Es führt in die folgenden Abteilungen ein; die Großstadtlandschaft bleibt im ganzen Buch bestimmend.
Die erste nummerierte Abteilung trägt den Titel „Ave Maria“. Sie erzählt von der Rückkehr des Christoph Kolumbus nach Europa nach seiner beschwerlichen Fahrt. Der Titel geht darauf zurück, dass Kolumbus das Überleben seiner Mannschaft der Fürbitte der Jungfrau Maria zuschrieb.
Die zweite und längste Abteilung heißt „Powhatans Tochter“ und zerfällt in fünf Teile. Eines der bekanntesten Stücke daraus, „The River“, schildert eine Gruppe von Landstreichern, die im 20. Jahrhundert mit einem amerikanischen Zug nach Osten fährt. Crane mischt hier Werbeslogans und Anspielungen auf die Minstrel-Shows ein; in einem Brief schrieb er, der Rhythmus dieser Abteilung sei Jazz. Zu dieser Abteilung gehören außerdem die Geschichte der Pocahontas, der Tochter des Häuptlings Powhatan, und ein Gedicht über die Figur Rip Van Winkle.
Es folgen weitere Abteilungen mit den Titeln „Cutty Sark“, „Cape Hatteras“ mit dem längsten Gedicht des Buches, „Three Songs“, „Quaker Hill“, „The Tunnel“ und zuletzt „Atlantis“. Über allem steht die Brücke, die Crane als Bild für die Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft verstand.
Die Handlung im Detail↑
Der Gang des Buches führt von der Entdeckung Amerikas bis in die moderne Großstadt. Nach dem Proömium an die Brooklyn Bridge setzt „Ave Maria“ mit der Heimfahrt des Kolumbus ein. In „Powhatans Tochter“ verschränken sich dann mehrere Zeitebenen: die Gestalt der Pocahontas, die Figur des Rip Van Winkle und die Landstreicher, die in „The River“ mit dem Zug ostwärts fahren. Werbesprache, Anspielungen auf die Minstrel-Shows und ein Rhythmus, den Crane selbst als Jazz bezeichnete, treiben diesen Teil voran.
Die späteren Abteilungen „Cutty Sark“, „Cape Hatteras“, „Three Songs“, „Quaker Hill“ und „The Tunnel“ führen weiter in die Gegenwart hinein, bis hin zur Untergrundbahn. Die abschließende Abteilung „Atlantis“ nimmt die Brooklyn Bridge wieder auf und steigert sich zu einer ekstatischen Vision. Obwohl sie das Buch beschließt, war sie tatsächlich das zuerst geschriebene Gedicht des Ganzen.
Die Entstehung verlief mühsam. Nach der PBS-Dokumentation über Hart Crane fühlte er sich zu Beginn der Arbeit blockiert und brachte kaum mehr als wenige Zeilen zustande. Er schrieb damals, gefühlsmäßig wolle er das Werk schreiben, doch bei näherem Nachdenken erscheine ihm der Gegenstand immer absurder: Die Idee der Brücke selbst sei ein Akt des Glaubens, und er sei ratlos angesichts der Möglichkeit, dass zwischen der Vergangenheit und einer Zukunft, die sie verdiente, gar keine wirkliche Verbindung bestehe. Als das Gedicht Gestalt annahm, beschrieb er es dagegen als sinfonische Dichtung, die viele Fäden verflicht: Kolumbus, die Eroberung der Meere, das Land, Pocahontas, die Untergrundbahn, die Büros. Die Brücke werde darin zum Schiff, zur Welt, zur Frau und am Ende zu einer riesigen Harfe. Begonnen hatte er die Arbeit, während er fern von New York in der Karibik lebte, und griff für die Stadtbilder auf Erinnerung und Vorstellungskraft zurück.
Stil↑
In seiner Machart verbindet das Werk sehr verschiedene Register. Es trägt Züge der Chorlyrik pindarischer Tradition: einen feierlich-erhobenen Ton, das Nebeneinander mehrerer Stimmen, schroffe Gedankensprünge und eine Fülle rhetorischer Mittel. Crane setzt das jedoch mit modernen Mitteln um und mischt freie Verse, unregelmäßig betonte Maße nach Art des sprung rhythm, eine gehobene elisabethanische Diktion und volkstümliche Sprache. Der Wechsel geschieht nicht nur zwischen den Strophen, sondern manchmal auch innerhalb einer einzigen.
So besitzt das Buch zwar eine thematische Fortschreitung, spielt aber frei mit mehreren Blickwinkeln zugleich. Der Klang folgt einer eigenen Ordnung, die vom Leser verlangt, den Pausen und Bindungen der Zeilensprünge zu folgen. Crane wollte damit dem Fluss des Jazz und der klassischen Musik nahekommen, die er beim Schreiben zu hören pflegte.
Die Brücke selbst ist das zentrale Bild. Eine Analyse auf der Seite zur modernen amerikanischen Poesie der Universität von Illinois beschreibt die Doppelrolle des Sprechers: Wer im Schatten der Brücke steht, ist einerseits der romantische Dichter, der Beobachter, der zurücktritt, um besser zu sehen. Andererseits ist er der homosexuelle junge Mann, der eine Gegend flüchtiger Begegnungen durchquert. Für Crane war die Brücke eng mit seinem Geliebten Emil Opffer verbunden, dem er einen früheren Gedichtzyklus gewidmet hatte. Sein amerikanisches Epos ist damit zugleich von einer persönlichen Suche getrieben, und es bleibt ein in sich zerrissenes Gedicht, dessen verschlüsselte Andeutungen ihren Sinn nur wenigen preisgeben.
Rezeption↑
Nach dem Erscheinen fielen die Besprechungen überwiegend ablehnend aus. Yvor Winters, ein Zeitgenosse und Freund Cranes, der dessen früheres Buch White Buildings gelobt hatte, schrieb eine einzige Rezension. Darin stellte er das Werk in eine Reihe mit James Joyce und William Carlos Williams, was er wegen seiner grundsätzlichen Ablehnung der Moderne als Vorwurf verstand. Ihm fehlte ein erzählerischer Rahmen, was seiner Ansicht nach die formale Einheit eines Epos belastete. Cudworth Flint urteilte in seinem Text über die Metapher in der zeitgenössischen Dichtung offener: Er sah darin zweifellos das Werk eines genialen Mannes mit Passagen von kraftvoller Einbildungskraft und bewundernswerten Rhythmen, hielt aber das Hauptziel für verfehlt, den Vereinigten Staaten einen Mythos zu geben, der ähnlich tragen könne wie einst das Christentum.
Bis heute ist die Kritik tief gespalten, auch was Cranes Rang innerhalb der literarischen Moderne betrifft. Gregory Woods schrieb, Cranes Platz im Pantheon der Moderne sei durch dieses Werk gesichert. Harold Bloom zählt Crane zu den bedeutenden amerikanischen Dichtern der Moderne des 20. Jahrhunderts und sieht in dem Buch dessen wichtigste Leistung; er stellt es neben The Waste Land von T. S. Eliot und beschreibt seinen Glanz als eine zwiespältige Auseinandersetzung mit ebendiesem Werk. Randall Jarrell urteilte gemischt: Als organisches Kunstwerk scheitere das Buch, auch weil einzelne Gedichte schwach oder mittelmäßig seien. Zugleich rühmte er einzelne Stellen und nannte „Van Winkle“ eines der klarsten, frischesten und echtesten Gedichte, die in Amerika geschrieben wurden. Allen Ginsberg hielt „Atlantis“ für eines der großen Werke der westlichen rhetorischen Tradition seit dem Adonaïs von Shelley.
In jüngerer Zeit fanden die Vorbehalte Jarrells und Flints stärkeren Widerhall. Adam Kirsch und William Logan besprachen die 2006 bei der Library of America erschienene Ausgabe von Cranes gesammelten Gedichten und Briefen recht kritisch. Kirsch nannte das Werk in einem Artikel im New Yorker ein beeindruckendes Scheitern von äußerst schwankender Qualität, das einige der besten und zugleich einige der schwächsten Texte Cranes enthalte; Passagen aus „Atlantis“ fand er bezwingend, die Abteilung „Indiana“ dagegen allzu gefühlig. Freundlicher urteilte die Academy of American Poets, die das Buch zu den innovativsten des 20. Jahrhunderts zählte. Sie hob hervor, wie Crane aus der Ferne, aus Erinnerung und Vorstellungskraft, die erstaunlichen und grotesken Facetten New Yorks festhielt, etwa in „The Tunnel“ und „Cutty Sark“. Nach seinem Freitod im April 1932 hat Crane nichts von vergleichbarer Verdichtung mehr vollenden können.
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