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Werkseintrag · The Ballad of Reading Gaol
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Cover The Ballad of Reading Gaol
The Ballad of Reading Gaol
1898
– Werkseintrag –

The Ballad of Reading Gaol

1898 · Lyrik

Oscar Wildes letztes Werk: ein langes Gedicht über die Tage, in denen ein Mitgefangener im Zuchthaus von Reading auf seine Hinrichtung wartet – erzählt von denen, die zusehen müssen.

Überblick↑

Mit dem Gedicht The Ballad of Reading Gaol legte Oscar Wilde 1898 sein letztes Werk vor. Er verarbeitete darin seine Haft im Zuchthaus von Reading. 1895 war er wegen seiner Homosexualität zu harter Zwangsarbeit verurteilt worden. Das lange Gedicht klagt unmenschliche Strafen an und wirbt um Vergebung. Auf Deutsch erschienen zahlreiche Übersetzungen und Nachdichtungen, meist unter dem Titel Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht ein Mann, der im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet. Es ist ein dreißigjähriger Kavalleriesoldat, der aus Eifersucht seine Ehefrau ermordet hat und dafür zum Tode verurteilt wurde. Erzählt wird nicht aus seiner Sicht, sondern aus der der anderen Gefangenen, die ihn im Hof beobachten und das Nahen des Termins mitzählen.

Um diesen Blick herum entfaltet das Gedicht den Alltag hinter Mauern: die Zellen, die Zwangsarbeit, die Angst, die Nächte. Wilde, selbst einer der Gefangenen, bringt dabei auch eigene Erfahrungen ein. Immer wieder kehrt er zur Frage nach Schuld und Reue zurück. Daraus wird am Ende eine deutliche Anklage gegen das Strafsystem und ein Plädoyer für Vergebung.

Die Handlung im Detail↑

Den Anlass für das Gedicht gab die Hinrichtung des dreißigjährigen Kavalleriesoldaten Charles Thomas Wooldridge, der zu Wildes Zeit ebenfalls Häftling in Reading war. Wooldridge hatte aus Eifersucht seine Ehefrau ermordet und war zum Tode verurteilt worden. Sein Gnadengesuch wurde abgelehnt. Dass er sich daraufhin klaglos in sein Schicksal fügte, beeindruckte Wilde tief. Ihm ist das Gedicht gewidmet.

Geschildert werden die letzten Tage dieses Lebens aus der Sicht der Mitgefangenen. Sie sehen den Verurteilten, sie wissen, was kommt, und sie können nichts tun. Wilde zieht eine Parallele zwischen Wooldridges Lage und seiner eigenen. Auch seine Beziehung zu Lord Alfred Douglas gab den Anlass zu seiner Verurteilung. Sie musste mit derselben Unausweichlichkeit in einer Katastrophe enden. In diesem Zusammenhang steht die besonders bekannte Strophe des Gedichts. Sie beginnt mit der Zeile „Yet each man kills the thing he loves…“. Diese Zeile greift eine Frage auf, die Bassanio in Shakespeares Der Kaufmann von Venedig stellt: „Do all men kill the things they do not love?“

Nach der Hinrichtung weitet sich der Blick. Das Gedicht erzählt vom namenlosen Grab, von der Gleichgültigkeit der Anstalt und von den Zurückgebliebenen, die weiter ihre Zeit absitzen. Wilde reflektiert über Schuld und Reue und kommt zu dem Schluss, dass die Strafe selbst die Menschen zerstört. Er wendet sich gegen unmenschliche Strafen und spricht für Vergebung.

Geschrieben hat Wilde das Gedicht im Sommer 1897, wenige Wochen nach seiner Entlassung im Mai. Später fügte er noch einige Strophen hinzu. Die erste Auflage erschien im Februar 1898, und zwar nicht unter seinem Namen, sondern unter dem Pseudonym „C.3.3.“ – der Nummer seiner Gefängniszelle. Den meisten Zeitgenossen dürfte dennoch klar gewesen sein, wer der Verfasser war, denn Wildes Inhaftierung hatte großes Aufsehen erregt. Das Buch verkaufte sich außerordentlich gut und musste schon nach wenigen Wochen neu aufgelegt werden. Erst ab der siebten Auflage 1899 wurde Wildes Name genannt. Ross, der nach Wildes Tod den literarischen Nachlass verwaltete, gab das Gedicht 1911 in einer Gedichtsammlung noch einmal in der ursprünglichen, kürzeren Form heraus, die er bevorzugte. Heutige Ausgaben bringen in der Regel die erweiterte Fassung. Auf Wildes Grabmal auf dem Cimetière du Père-Lachaise in Paris, das Jacob Epstein gestaltete, steht ein Zitat aus dem Gedicht.

Stil↑

Aufgebaut ist The Ballad of Reading Gaol in sechs Teilen mit insgesamt 109 Strophen zu je sechs Zeilen. Bis auf wenige Ausnahmen reimen sich die zweite, die vierte und die sechste Zeile. Charakteristisch sind Wiederholungen einzelner Zeilen, die durch das ganze Gedicht hindurch wiederkehren und ihm den Ton eines Liedes geben.

Die schlichte Balladenform steht in einem starken Gegensatz zum Stoff. Was erzählt wird, ist ein alltäglicher Gefängnisablauf, und gerade die gleichmäßige Strophe lässt ihn umso bedrückender wirken. Erzählt wird im Wir der Mitgefangenen, doch an mehreren Stellen tritt Wilde selbst hervor und berichtet von seinem Doppelleben. Diese autobiografischen Einschübe verbinden den Einzelfall mit der eigenen Erfahrung.

Rezeption↑

Schon zu Wildes Lebzeiten war der Erfolg beträchtlich: Die Erstausgabe von 1898 war nach wenigen Wochen vergriffen und musste in höherer Zahl nachgedruckt werden. Im deutschen Sprachraum erschien eine lange Reihe von Übersetzungen und freien Nachdichtungen, beginnend mit der Fassung von Wilhelm Schölermann, die 1903 bei Insel in Leipzig in 200 Exemplaren herauskam. Weitere Übertragungen folgten über das ganze 20. Jahrhundert, unter anderem von Walther Unus, Albrecht Schaeffer, Elfriede Mund und Hedda Soellner. 2023 legte Mirko Bonné eine Neuübersetzung vor, erschienen im Carl Hanser Verlag in München.

Auch die Musik griff das Gedicht auf. Jacques Ibert komponierte das Ballett La ballade de la geôle de Reading. Arthur Wills verwendete Teile des Textes in seinem Chorwerk The Sacrifice of God. Donald Swann vertonte das Gedicht in seinem Musikzyklus The Poetic Image: A Victorian Song Cycle. Giovanna Marini verband es 2004 mit Wildes Brief De Profundis. Pete Doherty zitiert einige Zeilen in seinem Lied Broken Love Song.

Im Film reicht die Spur bis in die Stummfilmzeit: David Wark Griffith verwendet in Intoleranz eine Strophe als Zwischentitel. Richard Kwietniowski drehte mit Quentin Crisp einen Film gleichen Titels, der Wildes Verteidigungsrede aus dem Prozess von 1895 in Szene setzt. Die Wilde-Biografien Der Mann mit der grünen Nelke und Oscar Wilde zitieren jeweils gegen Ende die Strophe mit der Zeile „Yet each man kills the thing he loves…“. In Rainer Werner Fassbinders Querelle singt Jeanne Moreau das von Peer Raben komponierte Lied Each man kills the thing he loves, das später unter anderem Gavin Friday und Ingrid Caven aufnahmen.

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