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Werkseintrag · Das Bildnis des Dorian Gray
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Das Bildnis des Dorian Gray
1890
– Werkseintrag –

Das Bildnis des Dorian Gray

1890 · Roman

Ein junger Mann von vollkommener Schönheit wünscht sich, ein Porträt möge an seiner Stelle altern – und lebt von da an in einem London der Salons, Theater und Opiumhöhlen, in dem nur die Leinwand unter dem Dachboden noch sein wahres Gesicht zeigt.

Überblick

Mit dem Bildnis des Dorian Gray legte Oscar Wilde 1890 seinen einzigen Roman vor. Eine erste Fassung erschien in Lippincott's Monthly Magazine aus Philadelphia. Im Jahr darauf folgte beim Londoner Verlag Ward, Lock and Co. die heute bekannte, überarbeitete und erweiterte Buchausgabe. Schon bei seinem Erscheinen galt der Text als anrüchig. Im späteren Unzuchtprozess gegen Wilde wurde er als Beweisstück gegen den Autor verwendet.

Im Zentrum steht ein junger Mann von vollkommener Schönheit. Ihm wird ein Porträt zugespielt, das alle Spuren seines Lebens an seiner Stelle aufnimmt. Während Dorian Gray immer maßloser lebt, bleibt er äußerlich jung und makellos. Das Bild jedoch verändert sich. Der Roman gilt als Wildes Prosahauptwerk. Er verhandelt Sinnlichkeit und Hedonismus im viktorianischen England sowie die Dekadenz der Oberschicht. Zugleich lässt er sich als Bekenntnis zum Ästhetizismus des Fin de Siècle wie als dessen Kritik lesen.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Atelier des Malers Basil Hallward steht das Ganzkörper-Porträt eines schönen jungen Mannes. Das Bild hat den Maler in eine Krise gestürzt. Basil fürchtet, in dem Bild zu viel von seiner eigenen Bewunderung für das Modell preiszugeben. Als der gebildete Dandy Lord Henry Wotton das Atelier betritt, lernt er Dorian Gray kennen. Sogleich beginnt er, ihn mit Reden über Selbstentfaltung, Schönheit und einen neuen Hedonismus zu betören.

Vor seinem eigenen Bildnis stehend wird Dorian sich erstmals seiner Schönheit bewusst. Zugleich erschrickt er vor dem Gedanken an deren Verfall. Er wünscht sich sehnlich, das Porträt möge an seiner Stelle altern. Bald darauf verliebt er sich in die siebzehnjährige Schauspielerin Sibyl Vane. Er sieht sie an einem drittklassigen Londoner Theater Shakespeare-Heldinnen spielen. Die Verlobung mit ihr stürzt ihn in einen Konflikt zwischen aufrichtigem Gefühl und der von Lord Henry gepredigten Lebenshaltung.

Was dann mit dem Bild geschieht, prägt Dorians weiteres Leben. In der Londoner Gesellschaft brilliert er als gelehrter, weltläufiger Mann von skandalösem Ruf. Er umgibt sich mit alten Düften, Edelsteinen, Stickereien und einem geheimnisvollen französischen Roman. Immer wieder aber kehrt er zu jenem verhüllten Gemälde zurück, das ihm sein eigentliches Gesicht zeigt.

Die Handlung im Detail

Im Atelier Basil Hallwards, das sich in einen Garten öffnet, sprechen der Maler und der Dandy Lord Henry Wotton über Kunst und Selbstinszenierung. Basil hat das Ganzkörper-Porträt des jungen Dorian Gray vollendet, weigert sich aber, es auszustellen: Das Bild trage zu sichtbar die Spuren seiner künstlerischen Vergötterung des Modells. Lord Henry wird neugierig, und Basil erzählt von der ersten, ergreifenden Begegnung mit Dorian, die ihn an den Rand einer Lebenskrise geführt habe. Basil hat Vorbehalte, Dorian seinem Freund vorzustellen, weil er einen schlechten Einfluss befürchtet.

Als Dorian erscheint und für Basil Modell steht, redet Lord Henry vor ihm über einen neuen Hedonismus, über Selbstentfaltung ohne Furcht vor moralischen Vorstellungen und über den körperlichen Verfall. Dorian ist tief bewegt. Vor seinem fertigen Porträt sieht er sich – anspielend auf den Narziss-Mythos – zum ersten Mal selbst, und das Bewusstsein seiner Schönheit überkommt ihn wie eine Offenbarung. Zugleich halluziniert er deren Verfall und wird eifersüchtig auf das Bild. Er wünscht sich sehnlich, das Porträt möge an seiner Stelle altern. Basil bietet an, es zu zerstören, doch Dorian hindert ihn daran. Lord Henry beschließt, den unbefleckten jungen Mann nach seinem eigenen Vorbild wie ein Kunstwerk zu formen.

Bei seinem Onkel Lord Fermor, einem zurückgezogen lebenden, snobistischen Adligen, erkundigt sich Lord Henry über Dorians Herkunft. Eine Tischgesellschaft bei seiner Tante Lady Agatha nutzt Wilde, um Typen der englischen Oberschicht zu karikieren; Lord Henry brilliert mit Aphorismen und Paradoxien.

Beim Besuch eines drittklassigen Theaters verliebt sich Dorian in die siebzehnjährige Schauspielerin Sibyl Vane, die ihm in Shakespeare-Rollen begegnet. Lord Henry reagiert auf die rasch gemeldete Verlobung mit zynischen Bemerkungen. Sibyl erzählt ihrer Mutter, einer alternden Schauspielerin, und ihrem sechzehnjährigen Bruder James, der nach Australien aufbrechen will, von ihrem Märchenprinzen. James schwört Blutrache, falls Dorian ihr Unrecht antue. Dorian schwärmt unterdessen Basil und Lord Henry davon, in Sibyl nicht eine gewöhnliche Frau, sondern eine zu besitzen, mit der er die berühmten Theaterheldinnen küssen könne; er will sie zur berühmten Schauspielerin machen und aus ihrem Vertrag freikaufen.

Der gemeinsame Theaterbesuch wird zur Enttäuschung. Sibyl spielt plötzlich so schlecht, dass der Saal sich leert. Hinter der Bühne gesteht sie, sie habe bislang nur Theaterrollen gekannt und für das wahre Leben gehalten; durch ihn wisse sie nun, was die Wirklichkeit wirklich sei. Dorian weist sie brüsk zurück und flieht. Zu Hause bemerkt er die erste Veränderung am Porträt: einen Zug von Grausamkeit. Das Bild, begreift er, berge das Geheimnis seines Lebens. Er will den Fehler rückgängig machen und Sibyl heiraten. Doch Lord Henry teilt ihm mit, dass Sibyl sich noch in der Nacht mit Blausäure oder Bleiweiß getötet habe. Nach kurzem Entsetzen findet Dorian, sie sei entsetzlich pathetisch gewesen und habe kein Recht gehabt, sich zu töten; er erkennt die schreckliche Schönheit einer griechischen Tragödie und verabredet sich für denselben Abend mit Lord Henry in der Oper.

Das Porträt wird ihm fortan zum Zauberspiegel seiner Seele. Basil ist entsetzt über Dorians Gleichgültigkeit; als er das Bild noch einmal sehen will, verweigert Dorian den Zugang, selbst nach einem persönlichen Geständnis Basils. Dorian lässt das Porträt verhüllen und in sein ehemaliges Kinderzimmer unter dem Dach tragen. Ein symbolistischer französischer Roman, oft als Anspielung auf Huysmans' Gegen den Strich gedeutet, wirkt auf ihn betörend und vergiftend; er schafft sich neun Erstausgaben in unterschiedlichen Farben an.

In den folgenden Jahren lebt Dorian skrupellos seine Selbstentfaltung aus. Er wird skandalumwitterter Mittelpunkt der Gesellschaft, sammelt Düfte, exotische Musik und Instrumente, Edelsteine und ihre Mythen, beschäftigt sich mit Alchemie, Stickereien und Wandteppichen und erkennt sich in Gewaltherrschern Roms und der Renaissance wieder. Regelmäßig vergleicht er die immer schlimmeren Züge des Bildes mit seinem makellosen Spiegelbild.

Am Tag vor seinem 38. Geburtstag begegnet er Basil, der vor seiner Abreise nach Paris noch einmal sprechen will. Basil warnt ihn vor kursierenden Gerüchten und hält ihm eine Moralpredigt. Aus Wut führt Dorian ihn unter das Dach und zeigt ihm das Porträt, dessen Gesicht sich in das eines Satyrs verwandelt hat. Basil begreift – und Dorian ersticht ihn mit einem Messer. Den jungen Chemiker Alan Campbell, dessen Ruf er einst ruiniert hatte und gegen den er erpresserisches Material besitzt, zwingt er, die Leiche mit Salpetersäure zu beseitigen. Beim Dinner der Lady Narborough wirkt Dorian äußerlich selbstsicher; zu Hause verbrennt er Basils Tasche und Umhang.

Anschließend lässt er sich in eine entlegene Hafenecke fahren und sucht eine Opiumhöhle auf. Auf der Fahrt plagen ihn wahnhafte Bilder eines Mondes wie ein gelber Schädel und von Straßen wie dem Netz einer webenden Spinne. In der Bar trifft er eines seiner Opfer, den bankrotten, opiumsüchtigen Adrian. In den verzerrten Fratzen der Süchtigen erscheint ihm Hässlichkeit als einzige Wirklichkeit. Auf der Straße tritt ihm James Vane mit einem Revolver entgegen, der ihn am Kosenamen erkannt hat, den seine Schwester ihm einst gab. Da Dorian jedoch das Gesicht eines Zwanzigjährigen hat, folgert James, der Mann könne nicht jener von vor achtzehn Jahren sein. Dorian flieht, ehe eine Prostituierte James über den Irrtum aufklären kann.

Dorian wird paranoid. Bei einem Wochenende auf dem Lande bei Lord Henrys Cousine, der Herzogin von Monmouth, und ihrem Käfer sammelnden Ehemann fällt er in Ohnmacht, weil er glaubt, James' Gesicht am Fenster zu sehen. Auf einem Spaziergang gerät er in eine Jagdgesellschaft, bei der versehentlich ein Treiber erschossen wird. Als sich herausstellt, dass der Tote ein bewaffneter Seemann ist, eilt Dorian hin und erkennt James Vane.

Dorian beschließt, sein Leben zu ändern. Als er andeutet, er habe Basil ermordet, glaubt Lord Henry ihm nicht; Mord und Kunst seien für ihn nur Methoden, außergewöhnliche Empfindungen hervorzurufen – Kunst für die Oberschicht, Mord für die Arbeiterklasse. Dorian versucht verzweifelt, ihn von der Existenz der Seele zu überzeugen: Die Seele sei eine schreckliche Wirklichkeit, man könne sie kaufen, verkaufen und um ihren Preis feilschen.

Stil

Erzählt wird in einer auktorialen, häufig ironisch gefärbten Prosa. Ihre Glanzpunkte sind die zugespitzten Aphorismen und Paradoxien Lord Henrys. Wilde nutzt Tischgesellschaften und Salonszenen, um die englische Oberschicht in scharf konturierten Typen zu karikieren. Seinem Dandy legt er ein Feuerwerk schwindelerregender Sentenzen in den Mund.

Die Bauform des Romans verbindet drei Register: das Gesellschaftsbild des viktorianischen London, das phantastische Motiv des magisch veränderten Porträts und ausgedehnte Passagen über Düfte, Edelsteine, Stickereien, Wandteppiche, alte Instrumente und Mythen. In diesen Passagen wird die Erzählung beinahe zum Katalog. Schon im Atelier öffnet sich der Raum in einen Garten. Wilde arbeitet durchgängig mit dichten, oft visionären Bildern: der Mond wie ein gelber Schädel, die Straßen wie das Netz einer webenden Spinne, das Bild als Zauberspiegel der Seele. Anspielungen auf den Narziss-Mythos, auf Shakespeare und auf einen symbolistischen französischen Roman binden den Text in das literarische Erbe des Fin de Siècle ein.

Schon das Vorwort gehört formal zum Werk. In ihm lehnt Wilde die Vorstellung von moralischen und unmoralischen Büchern ab. So wird die Programmschrift des Ästhetizismus zum Bestandteil des Romans selbst.

Rezeption

Bereits vier Tage nach Erscheinen der Lippincott-Fassung lag die erste Rezension vor. Die Kritiker nahmen den Text meist wenig wohlwollend auf, oft als skandalös. Der Stil galt als langatmig, die Handlung als anstößig, schmutzig und unmoralisch. Wilde reagierte mit zahlreichen Briefen an die Presse. Darin stellte er die unterschwellige Moral des Werks heraus – dass Ausschweifung bestraft werde. Konsequent blieb er dabei aber nicht. Im Vorwort lehnte er die Vorstellung moralischer und unmoralischer Bücher überhaupt ab. Zugleich überarbeitete er für die Buchausgabe von 1891 als anrüchig kritisierte Passagen. Im späteren Unzuchtprozess gegen Wilde wurde der Roman als Beweisstück herangezogen. Vor allem das Vorwort wurde zitiert.

Die überarbeitete Fassung wurde in der literarischen Welt weniger kritisch aufgenommen. Walter Pater hob die gelungene subtile Darstellung des moralischen Verfalls hervor. Auch Arthur Conan Doyle, William Butler Yeats und später James Joyce äußerten sich anerkennend, wenn auch zum Teil verhalten. Joyce sprach in einem Brief an seinen Bruder von guten Ansätzen, zugleich von einem Übermaß an Lügen und Epigrammen. André Gide bewunderte die Person Wilde. Dem schriftstellerischen Werk aber sprach er gerade mit Blick auf Dorian Gray jeden künstlerischen Anspruch ab. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte sich die Literaturwissenschaft intensiver mit dem Roman, meist im Zusammenhang mit der Erforschung von Fin de Siècle und Dekadenzdichtung. Feuilletonistische Werturteile traten zurück, ebenso die Debatte um Moralität und Immoralität. Trotz weiterhin betonter stilistischer und struktureller Mängel ist Das Bildnis des Dorian Gray als Klassiker der Weltliteratur kanonisiert. Sein Protagonist ist, wie es heißt, in die populäre Mythologie eingegangen. Das Buch wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen.

Eine breite Wirkung entfaltete der Roman in den anderen Künsten. Schon 1910 verfilmte Axel Strøm den Stoff als Stummfilm mit Valdemar Psilander. Bis 1918 folgten mehrere Verfilmungen, die nicht sonderlich populär wurden. Berühmtheit erlangte Albert Lewins Film von 1945. Er wurde mit einem Oscar ausgezeichnet und führte eine Nichte Basils neu ein. Das eigens dafür von Ivan Albright 1943/44 angefertigte Gemälde hängt heute im Art Institute of Chicago. Auch nach 1945, zuletzt 2006 und 2009, wurde der Roman mehrfach für Kino und Fernsehen adaptiert. Hinzu kommen zahlreiche Theaterfassungen, darunter Le Portrait surnaturel de Dorian Gray von Jean Cocteau. Hinzu kommt eine lange Reihe von Ballett-, Opern- und Musicalfassungen vom frühen 20. Jahrhundert bis in die jüngste Gegenwart.

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