1982
Das Buch der Unruhe
Überblick↑
Das Werk Das Buch der Unruhe gilt als eines der wichtigsten Prosawerke des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa. Es besteht aus rund 520 einzelnen Notizen. An dieser Sammlung von Beobachtungen und Gedanken arbeitete Pessoa über zwei Jahrzehnte hinweg, zwischen 1913 und 1934. Zu einem fertigen Buch fügte er die Aufzeichnungen jedoch nie selbst zusammen. Erst 1982, siebenundvierzig Jahre nach dem Tod des Dichters, erschien die Sammlung in Lissabon. Sie ist kein Roman im herkömmlichen Sinn, sondern ein loses Geflecht aus Stimmungen, Betrachtungen und Selbstbefragungen eines einsamen Angestellten.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Bernardo Soares, ein Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft der Firma Vasques & Co. Der Laden liegt in der Rua dos Douradores, einer Straße in der Lissaboner Unterstadt Baixa. In derselben Straße bewohnt Soares ein möbliertes Zimmer im zweiten Stock. Bis gegen sechs Uhr abends sitzt er über den Geschäftsbüchern. Nur in den kurzen Arbeitspausen und an seinen Abenden bleibt ihm Zeit, seine Beobachtungen, Gedanken und Träume aufzuschreiben.
So gleichgültig ihm die eintönige Arbeit ist, so sehr braucht er das Büro als Zufluchtsort. Es ist ihm ein Ort der Sicherheit und der Ruhe. Soares ist überempfindlich; schon ein trüber Tag erfüllt ihn mit Angst. Freunde hat er keine, gesellige Vergnügungen meidet er, denn sie interessieren ihn nicht. Was ihn allein fesselt, sind die Gefühle und Gedanken, die in der Berührung mit der Außenwelt in ihm entstehen. So eng seine äußere Welt ist, so grenzenlos weit ist sein inneres Nachdenken. Das Buch führt den Leser in diese stille, in sich gekehrte Gedankenwelt hinein, in der sich Beobachtung, Schwermut und Selbstbetrachtung unablässig umkreisen.
Die Handlung im Detail↑
Eine fortlaufende Geschichte erzählt das Werk nicht. Es reiht rund fünfhundert kurze Aufzeichnungen aneinander, in denen Bernardo Soares immer wieder um sein eigenes Ich kreist. Im Rückblick sieht er sich zunächst als zufriedenes Kind, dann als einen jungen Mann, der nach den Sternen greift. Inzwischen aber hält er sich für einen „reifen Mann ohne Freude und ohne Streben". Seine Lebensbilanz fällt trostlos aus. Zwischen Selbsterniedrigung und der Erhöhung zum Genie schwankt er beständig hin und her.
Immer wieder kommt Soares auf die „höheren Menschen" zu sprechen, auf die wenigen seiner Art, die sich vor den Durchschnittsmenschen in ihre Empfindsamkeit zurückziehen. Die anderen Menschen betrachtet er wie eine „endlose Galerie von Gemälden". Doch keiner hält ihn fest. Aus dieser vergeblichen Suche nach den wenigen Gleichgesinnten entsteht die „Unruhe" des Titels: eine wachsende Ungeduld, ein Überdruss, ja ein Ekel gegenüber den Menschen um ihn herum.
Seine Notizen folgen oft einer festen Stufenfolge. Am Anfang steht eine Beobachtung. Dann prüft er das Gefühl, das sie in ihm auslöst. Zuletzt spitzt er den Gedanken zu einer allgemeinen Erkenntnis zu. Die Schauplätze wechseln: mal blickt er aus dem erhöhten Fenster seines Büros, mal geht er über die Straße, sitzt im Restaurant oder beim Friseur. So betrachtet er etwa das eintönige Leben eines Kochs und eines Obers und schreibt ihnen ein stilles Glück zu. Daraus zieht er den Schluss: „Man sollte die Existenz eintönig gestalten, damit sie nicht eintönig werde." Ein andermal erblickt er sich auf einem Foto seiner Arbeitskollegen und empfindet die eigene Person als nichtig. Eine Schmeißfliege auf dem Tintenfass bringt ihn auf den Gedanken, dass auch er nur eine glitzernde Fliege in den Augen anderer sein könnte.
Der Erzähler ist nicht eine einzige Person, sondern viele. Schon zu Beginn stellt er sich als „Sklave seiner eigenen Vielheit" vor. Pessoa erschuf zahlreiche Kunstfiguren, die er Heteronyme nannte – eigenständige Masken mit eigenem Namen, eigener Lebensgeschichte und eigenem Werk. Zu ihnen gehören etwa Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Álvaro de Campos und António Mora. Bernardo Soares selbst trägt Züge des Autors, ohne mit ihm völlig eins zu sein; das Nachwort fasst beide als „Pessoa–Soares" zusammen.
In seinen Gedanken entwirft Soares ein Bild grundlegender Trostlosigkeit. Religion, Moral und Politik gelten ihm als entwertet. Die einzige Gewissheit, die ihm bleibt, ist die Wirklichkeit seiner eigenen Empfindungen. Zugleich gesteht er sich ein, dass er Traum und Wirklichkeit oft nicht mehr auseinanderhalten kann. Glück findet er nicht; selbst in heiteren Augenblicken bleibt eine Traurigkeit. Über allem liegt das Wissen um die Vergänglichkeit: Der Sand der Zeit bedecke alles, sein Leben, seine Prosa und seine Ewigkeit. Für sich wählt er die Haltung der Distanz zu allem, die man Dekadenz nennt. Der französische Pessoa-Kritiker Robert Bréchon hat diese Aufzeichnungen als „Tagebuch eines Gefangenen" des Alltags beschrieben.
Stil↑
Auf eine geschlossene Form verzichtet das Werk bewusst. Es gibt keine durchgehende Handlung und keine folgerichtige Entwicklung der Gedanken. Stattdessen variiert Soares in seinen Fragmenten immer wieder dieselben Motive: seine seelische Verfassung in allen Abstufungen, den Überdruss, die Bedeutung des Traums und den Wunsch, sich in mehrere Personen aufzuspalten.
Seine Sätze sind kunstvoll gebaut. Die sorgsam geschmiedeten Satzketten erinnern an die Balkongitter der Lissaboner Baixa. Die Sprache ist lyrisch und reich an bildhaften Vergleichen aus der Natur, mit denen Soares seine Gemütszustände sichtbar macht. Pessoa selbst bekannte seine Freude am Formulieren: „Wörter sind für mich berührbare Körper, sichtbare Sirenen, verkörperte Sinnlichkeit."
Ein besonderes Kennzeichen ist die Aufspaltung des Erzählers in viele Stimmen. Pessoa deutete sie mit leiser Selbstironie: Wer sich derart vervielfältige, sei nicht nur ein einzelner Schriftsteller, sondern „eine ganze Literatur". So wird die zerklüftete Persönlichkeit des Sprechers selbst zum Bauprinzip des Buches.
Rezeption↑
Erst mit der postumen Veröffentlichung 1982 begann die eigentliche Wirkung des Buches. Die Kritik nahm die Entdeckung Pessoas mit großem Nachdruck auf. Für Peter Hamm war sie „ein ähnliches Wunder, als wäre auf unserem Erdball über Nacht ein neuer Kontinent entdeckt worden". Maike Albath hob den obsessiven Charakter der Fragmente hervor und das niemals nachlassende Bohren. Man könne das Buch über Jahre mit sich herumtragen, es jederzeit aufschlagen und sich immer wieder „über die Merkwürdigkeiten des Lebens belehren" lassen. Denis Scheck nannte es „von so grundstürzender Weisheit, dass man aufjauchzen möchte"; Pessoa zu lesen heiße, „sein Hirn in Ambiguitäten trainieren". Heinz Stierli sagte dem Werk voraus, es werde sich als eine „fundamentale Selbstaussage der europäischen Literatur" erweisen.
Auch auf der Bühne fand das Werk Beachtung. In der Spielzeit 2025/26 beendet eine Bearbeitung des Stoffes in der Regie von Luise Voigt die Intendanz von Wilfried Schulz am Düsseldorfer Schauspielhaus.
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