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Werkseintrag · Das Chagrinleder
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Das Chagrinleder
1831
– Werkseintrag –

Das Chagrinleder

1831 · Roman

Ein junger Mann am Rand des Selbstmords erhält ein Zauberleder, das ihm jeden Wunsch erfüllt, mit jeder Erfüllung aber schrumpft und sein Leben verkürzt.

Überblick

Der Roman Das Chagrinleder von Honoré de Balzac erschien 1831 und brachte dem Autor neben kommerziellem Erfolg erstmals auch Anerkennung als Künstler. Im Mittelpunkt steht ein junger Mann, der zum Selbstmord entschlossen ist und einen Teufelspakt eingeht. Er erhält ein magisches Chagrinleder, das ihm jeden Wunsch erfüllt, dafür aber mit jeder Erfüllung schrumpft und sein Leben verkürzt. Die Handlung spielt in der jüngsten Vergangenheit, im Jahr nach der gescheiterten Julirevolution, und zeichnet das Bild einer jungen Generation, die in einer vom Geld beherrschten Gesellschaft politisch und metaphysisch entwurzelt ist. Der Roman verbindet Züge fantastischer und realistischer Literatur. Innerhalb von Balzacs großem Werkzyklus Die menschliche Komödie gehört er formal zu den Philosophischen Studien, bildet laut Vorwort aber eine Brücke zu den Sittenstudien.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Paris des Jahres 1830, kurz nach der Julirevolution, verspielt ein junger Mann im Palais Royal seine letzte Münze beim Roulette. Entschlossen, sein Leben zu beenden, will er sich in die Seine stürzen. Um die Stunden bis zur Nacht zu überbrücken, verschlägt es ihn in ein prächtiges Antiquitätengeschäft. Dort bietet ihm der greise Inhaber einen geheimnisvollen Talisman an: ein funkelndes Chagrinleder, dessen arabische Inschrift dem Besitzer die Erfüllung aller Wünsche verheißt. Doch der Preis ist hoch, denn mit jedem erfüllten Wunsch schrumpft das Leder, und wenn es ganz verschwunden ist, bedeutet das den Tod.

Der Alte warnt ihn eindringlich vor dem Pakt. Vergeblich, denn der junge Mann will gerade jetzt im Übermaß leben und ergreift den Talisman. Kaum hat er das Geschäft verlassen, stoßen seine Freunde auf ihn und nehmen ihn mit zu einem rauschenden Bankett. Im Verlauf des Festes legt der junge Mann, Raphaël de Valentin, eine umfassende Beichte seines bisherigen Lebens ab. Er erzählt von strengen Jugendjahren, von kärglicher Arbeit in einer ärmlichen Dachkammer, von der anmutigen Pauline und von seiner unerwiderten Leidenschaft für die kühle, prachtliebende Fœdora. Von nun an muss Raphaël lernen, mit der unheimlichen Macht des Talismans zu leben, der ihn zugleich beschenkt und bedroht.

Die Handlung im Detail

Der Roman gliedert sich in drei Teile: „Der Talisman", „Die Frau ohne Herz" und „Der Todeskampf". Ende Oktober 1830 verspielt ein zunächst nur „der Unbekannte" genannter junger Mann im Palais Royal seine letzte Münze beim Roulette. Zum Selbstmord entschlossen, geht er zur Seine. Der Spott einer alten Frau, die seine Absicht errät, lässt ihn die Tat auf die Nacht verschieben. In den verbleibenden Stunden betritt er ein imposantes Antiquitätengeschäft. Im obersten Stockwerk bietet ihm der Inhaber ein Chagrinleder an. Dessen arabische Inschrift verheißt die Erfüllung aller Wünsche, doch mit jedem Mal schrumpft das Leder, und sein völliges Verschwinden bedeutet den Tod. Der rüstige Greis warnt: Wollen und Können zerstörten den Menschen, das rein genießende Wissen hingegen beruhige und habe ihn selbst 102 Jahre alt werden lassen. Der junge Mann aber will im Übermaß leben und wünscht sich ein dreitägiges Fest, so berauschend, dass alle Freuden zu einer verschmelzen. Damit ist der Pakt besiegelt. Beim Verlassen des Geschäfts trifft er auf seine Freunde, die ihn seit Tagen suchen. Sie wollen ihn an die Spitze einer neuen Zeitung stellen und nehmen ihn mit zu einem Bankett des Zeitungsgründers. In dessen Glanz erfüllt sich der erste Wunsch.

Als das Gelage abklingt, will einer der Freunde den Grund für den geplanten Selbstmord erfahren. Raphaël de Valentin legt eine umfassende Lebensbeichte ab. Seine Mutter verlor er mit zehn Jahren, sein aus altem Adel stammender Vater führte ein strenges Regiment und verstrickte sich nach dem Verlust seiner Besitztümer in Prozesse. Nach der Schule lebte Raphaël vier Jahre lang nach minutiösem Plan, studierte Jura und arbeitete bei einem Anwalt. Das Erbe nach dem Tod des Vaters betrug nur 1112 Francs. Der 22-Jährige beschloss, davon drei Jahre klösterlich zu leben, um zwei Werke zu schaffen, die ihn berühmt machen sollten: eine Komödie und eine „Theorie des Willens". In einer ärmlichen Dachkammer fand er menschliche Wärme bei der Wirtin und ihrer anmutigen, vierzehnjährigen Tochter Pauline, die er unterrichtete. Dann begegnete er dem weltgewandten Rastignac, der ihn lehrte, Erfolg habe nur, wer blendet und auf Pump lebt. Durch ihn lernte er auch Fœdora kennen, die kalte Schönheit der Gesellschaft des schönen Scheins. Raphaël verliebte sich in sie, ohne wiedergeliebt zu werden. Er durchschaute Fœdora, drang aber nicht zu ihrem Herzen durch, und immer wieder beschämte ihn, dass ihm die Mittel für den Verkehr mit ihr fehlten. So folgte er dem ausschweifenden Lebenswandel Rastignacs. Der Spielgewinn war bald aufgebraucht, Schulden häuften sich, der Gerichtsvollzieher stand vor der Tür. Da erinnert sich Raphaël seines neuen Besitzes, schwenkt triumphierend das Chagrinleder und wünscht sich eine Rente von 200.000 Francs. Noch am Morgen wird auf dem Fest verkündet, dass er sechs Millionen erbt.

Wenige Wochen später residiert Raphaël in einem der prunkvollsten Anwesen von Paris. Wenige Bedienstete schirmen ihn von der Außenwelt ab. Er muss sich nicht nur vor den eigenen Wünschen hüten, denn das Leder schrumpft auch, wenn er den Wünschen anderer nachgibt. Angstvoll meidet er das Leben, um am Leben zu bleiben. Nur den Besuch der Oper gönnt er sich gelegentlich. Dort kehrt die Liebe in sein Leben zurück, in Gestalt von Pauline. Ihr in Napoleons Russlandfeldzug verschollener Vater ist heimgekehrt, und durch ihn ist sie nun ebenso reich wie Raphaël. Sie gesteht ihm ihre Zuneigung. Raphaël ist selig, doch der Anblick des Talismans stürzt ihn umso tiefer. Wutentbrannt wirft er ihn in einen tiefen Brunnen. Einige Tage ungetrübten Glücks folgen, die Hochzeit rückt näher. Da bringt der Gärtner das Leder zurück, unversehrt und noch kleiner geworden.

Nun soll die Wissenschaft helfen. Eine stoffliche Analyse ergibt, dass das Leder von einem Onager stammt, einem seltenen Esel, dem im Orient fabelhafte Eigenschaften zugeschrieben werden. Gleichwohl, so versichert man Raphaël, müsse auch diese Haut den gewöhnlichen Gesetzen gehorchen und sich erweichen und ausdehnen lassen. Physiker und Chemiker teilen diese Ansicht und scheitern. Raphaël erkrankt, die Symptome deuten auf Schwindsucht. Sein Arzt rät ihm, Heilung in der Natur zu suchen. Er reist zur Kur nach Aix-les-Bains, von wo ihn die gute Gesellschaft wegen seines Hustens wie einen Aussätzigen vertreibt. Er zieht weiter in die Berge der Auvergne und findet auf einem abgelegenen Gehöft eine Heimstatt, wo ihm die Bewohner und die einsamen Wanderungen guttun. Doch die Krankheit schreitet unerbittlich voran. Den Tod vor Augen, kehrt er nach Paris zurück. Mit Opium lässt er sich in einen Dämmerzustand versetzen, und Paulines Briefe verbrennt er. An seinem Sterbebett aber ist sie zugegen, von seinem treuen Diener gerufen. Den winzigen Rest des Chagrinleders in der Hand, liest sie in seinen Augen seinen letzten Wunsch, sie zu lieben, und will sich erdrosseln, um ihn zu retten. Mit letzter Kraft hält Raphaël sie davon ab, setzt seinen Wunsch durch und stirbt.

Im Epilog wendet sich der Erzähler unmittelbar an den Leser und spielt mit dessen Erwartung, mehr über das Schicksal der Figuren zu erfahren. Statt die Erzählung fortzuführen, bietet er eine Deutung der beiden weiblichen Hauptfiguren an. Pauline führt er als Luftgestalt, als Projektion und Ideal vor, als ein Wesen, das nicht von dieser Welt ist. Über Fœdora teilt er kurz und nüchtern mit, man werde ihr überall begegnen, sie sei, wenn man so wolle, die Gesellschaft selbst.

Stil

Festgehalten hat Balzac unverrückbar an der Architektur des Romans, der Gliederung in drei etwa gleich große Teile. Dabei steht der mittlere Teil in mehrfacher Hinsicht im Gegensatz zu den beiden äußeren. In den Außenteilen herrscht die erzählte Gegenwart vor, im Mittelteil die Vergangenheit der Lebensbeichte. Außen dominiert die Außensicht, innen die Innensicht. Und während die Außenteile vom Tod bestimmt sind, treibt den Mittelteil das Lebensbegehren an. Das Todesmotiv selbst ist noch einmal gegensätzlich angelegt, als Todessehnsucht im ersten und als Todesfurcht im dritten Teil.

Auf die schwierige Einordnung in ein bestimmtes Genre stimmt Balzac seine Leser bereits im Vorwort ein. Zunächst bekennt er sich klar zum Realismus: Die Wiedergabe der Natur sei die komplizierteste aller Künste, und einen Schriftsteller zeichne aus, dass er über Beobachtungsgabe und Stil verfüge. Später aber fügt er hinzu, es gebe auch wahrhaft philosophische Dichter, die die Wahrheit mit einer Art zweitem Blick zu erraten vermögen. Damit rechtfertigt er die Abweichungen von seinem Realismuskonzept, die im Stellenwert des Fantastischen und in dem etwas konstruiert wirkenden Figurenensemble erkennbar sind. Seiner Fähigkeit zu nüchterner, illusionsloser Betrachtung tut das keinen Abbruch. Der erste Teil liefert dafür reiches Anschauungsmaterial, etwa in der knappen Schilderung eines großen Pariser Spielsalons bei Tag oder in der Figur des prunksüchtigen Bankiers und Zeitungsgründers Taillefer, eines Gewinnlers der gescheiterten Revolution.

Reizvoll ist der Originaltitel La peau de chagrin, der im Französischen mehr Assoziationen weckt als das deutsche Wort Chagrinleder. Im Grunde ist Chagrinleder ein Pleonasmus, denn Chagrin bezeichnet bereits eine besonders strapazierfähige Ledersorte aus der Rückenhaut von Tieren wie Esel, Pferd oder Hai. Im Französischen aber steht „chagrin" zugleich für einen von Trauer und Schmerz bestimmten Gemütszustand, der dem deutschen Kummer entspricht. Mit „peau" wiederum verbindet sich die natürliche Hülle eines Lebewesens, also Haut, Fell oder Schale. So ruft der Originaltitel die Vorstellung eines Stücks Lederhaut hervor, das einem Tier entstammt und Kummer bereitet. Eine neuere Übertragung versucht mit dem Titel Die Schicksalshaut, dem auch im Deutschen näherzukommen. Die geschwungene Linie auf der Titelseite der Erstausgabe stammt aus Lawrence Sternes Tristram Shandy, wo eine Figur sie in die Luft zeichnet, um die Freiheit des Menschen auszudrücken; warum Balzac sie hier einsetzt, hat er nicht erklärt, und die Deutungen gehen bis heute auseinander.

Rezeption

Mit diesem Roman gelang Balzac 1831 nicht nur ein kommerzieller Erfolg, sondern er erntete erstmals auch Anerkennung als Künstler. Innerhalb seines großen Zyklus Die menschliche Komödie nimmt das Werk eine besondere Stellung ein: Formal zählt es zu den Philosophischen Studien, doch im Vorwort weist Balzac ihm eine Brückenfunktion zu den Sittenstudien zu. In der Figur Rastignacs erscheint hier zum ersten Mal eine Gestalt, die Balzac später in Le Père Goriot (1835) zur Hauptfigur machte. Eine spätere Neuauflage der Erstfassung machte 1972 eine größere Leserschaft mit der ursprünglichen Textgestalt vertraut. Sie wurde als voller verbaler Kühnheit beschrieben, während die Ausgabe letzter Hand als stilistisch korrekter, prägnanter und kompakter gilt. Der Stoff fand auch Eingang in andere Künste und wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1917 unter dem Titel Das Spiel vom Tode.

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