1832
Oberst Chabert
Überblick↑
Bei Oberst Chabert handelt es sich um eine Erzählung von Honoré de Balzac. Sie erschien zunächst 1832 in der Zeitschrift L'Artiste unter dem Titel La Transaction. 1835 veröffentlichte Balzac sie unter dem neuen Titel La Comtesse à deux Maris. Den endgültigen Titel Le Colonel Chabert erhielt das Werk 1844, als Balzac es in seinen großen Romanzyklus Die menschliche Komödie aufnahm; später ordnete er es den Szenen aus dem Privatleben zu. Im Mittelpunkt steht ein totgeglaubter Offizier Napoleons, der in ein Paris zurückkehrt, das ihn längst ausgelöscht hat. Die Erzählung verbindet das Schicksal eines einzelnen Mannes mit einem schonungslosen Bild der bürgerlichen Gesellschaft nach dem Sturz des Kaiserreichs.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Oberst Graf Hyacinthe Chabert, ein Offizier Napoleons, wurde in der Schlacht bei Preußisch Eylau 1807 schwer verwundet und für tot gehalten. Man bestattete ihn in einem Massengrab. Doch Chabert überlebte, konnte sich befreien und wurde von Bauern gesundgepflegt. Nach einer langen Irrfahrt kehrt er schließlich nach Paris zurück.
Dort aber gilt er als gestorben – der Kaiser selbst hatte ihn offiziell für tot erklärt. Seine Frau hat inzwischen den Grafen Ferraud geheiratet, mit ihm zwei Kinder bekommen und sich mit Chaberts Vermögen eine angesehene Stellung in der Pariser Gesellschaft aufgebaut. Sie hat kein Interesse daran, die Rückkehr ihres ersten Mannes anzuerkennen. Der völlig verarmte Chabert besitzt keine Mittel, um vor Gericht seine Rechte einzuklagen. In seiner Not wendet er sich an den Advokaten Derville, der bereit ist, seine Sache zu übernehmen. Damit beginnt ein zäher Kampf um Namen, Vermögen und Würde – mit ungewissem Ausgang.
Die Handlung im Detail↑
Oberst Graf Hyacinthe Chabert wurde im Vierten Koalitionskrieg während Napoleons Feldzug nach Ostpreußen in der Schlacht bei Preußisch Eylau 1807 schwer verwundet. Man hielt ihn für tot und warf ihn in ein Massengrab. Chabert konnte sich daraus befreien und wurde von Bauern wieder gesundgepflegt. Nach einer langen Odyssee gelangt er zurück nach Paris, doch dort kann er seine Identität nicht nachweisen: Er ist offiziell, sogar durch den Kaiser selbst, für tot erklärt worden. Seine vermeintliche Witwe hat inzwischen den Grafen Ferraud geheiratet, von dem sie zwei Kinder hat, und sich mit Chaberts Vermögen eine anerkannte Stellung in der Gesellschaft verschafft. Sie hat keinerlei Interesse daran, die Rückkehr des Obersten anzuerkennen, während der verarmte Chabert über keine Mittel verfügt, um einen Prozess zu führen.
In seiner Not wendet sich Chabert an den Advokaten Derville – damit setzt die Erzählung ein. Chabert gewinnt dessen Vertrauen so sehr, dass Derville nicht nur die Sache übernimmt, sondern ihm auch Geld zum Lebensunterhalt vorstreckt. Weil ein Prozess langwierig werden könnte, rät Derville zu einem Vergleich mit der Gräfin Ferraud. Er sucht sie auf und erkennt ihre schwache Stelle: Der Graf Ferraud selbst hat ein Interesse an der Aufhebung der Ehe, weil ihm dann eine vorteilhaftere Heirat und die Erhebung in den Pairsstand offenstünden. Die Gräfin ist deshalb grundsätzlich zu einem Vergleich bereit, bei dem ihre zweite Ehe anerkannt wird und Chabert eine Leibrente aus seinem Vermögen erhält. Als sie eine Woche später zum Abschluss erscheint, erklärt sie jedoch, die verlangten 24.000 Francs Leibrente seien zu hoch. Ein Prozess scheint nun unvermeidlich.
Als Chabert die Kanzlei verlässt, fängt ihn die Gräfin ab und nimmt ihn mit in ihr Landhaus. Dort beherbergt sie ihn mehrere Tage und spielt ihm die verzweifelte Gattin und Mutter vor, der es vor allem um das Wohl ihrer Kinder gehe. Chabert lässt sich tatsächlich einspinnen und ist schon bereit, ohne Derville einen für ihn höchst ungünstigen Vertrag zu unterzeichnen, durch den er Namen und Vermögen ohne jede Gegenleistung verlöre. Im letzten Augenblick durchschaut er die Intrige. Angewidert von der Niedertracht seiner Frau verzichtet er freiwillig auf Namen und Vermögen.
Derville, der glaubt, Chabert habe sich stillschweigend mit der Gräfin verglichen, will bei dieser seine Auslagen geltend machen. Sie lässt ihm jedoch mitteilen, Chabert habe zugegeben, ein Hochstapler zu sein. Einige Zeit später trifft Derville Chabert bei Gericht wieder, wo dieser als Landstreicher verurteilt wird. In einem kurzen Gespräch erkennt Derville, dass Chabert kein Betrüger ist, sondern ein Ehrenmann, den seine Frau um alles gebracht hat. Viele Jahre später, im Jahr 1840, begegnet Derville ihm ein letztes Mal in einem Armenasyl, wo der ehemalige Oberst seine letzten Jahre dahinvegetiert. Derville beschließt die Erzählung mit den Worten: „… sämtliche Gräuel, die die Romandichter zu erfinden glauben, bleiben noch hinter der Wirklichkeit zurück ….“
Stil↑
Erzählt wird das Geschehen aus der nüchternen Perspektive des Advokaten Derville, der Chaberts Fall zuerst hört und zuletzt bezeugt. Diese Rahmung gibt der Erzählung den Ton eines protokollierten Falles: kein gefühliges Klagelied, sondern die genaue Beobachtung, wie aus einem ruinierten Mann ein juristischer Streitfall wird. Balzac verschränkt das persönliche Unglück mit den kühlen Mechanismen von Recht, Geld und Standesinteresse. Der Schlusssatz, in dem Derville feststellt, dass die ausgedachten Schrecken der Romane hinter der Wirklichkeit zurückbleiben, fasst diese Haltung zusammen: Die Erzählung will nicht erfinden, sondern das wahre Grauen des gesellschaftlichen Lebens vorführen.
Rezeption↑
Als Teil der Menschlichen Komödie gehört die Erzählung zu jenem groß angelegten Werk, mit dem Balzac ein umfassendes Bild der französischen Gesellschaft seiner Zeit zeichnen wollte. Der Stoff hat über die Literatur hinaus weitergewirkt und wurde mehrfach verfilmt. 1932 entstand unter der Regie von Gustav Ucicky der Film Mensch ohne Namen. 1994 folgte die Verfilmung Die Auferstehung des Colonel Chabert von Yves Angelo. Daneben wurde der Stoff auch für die Bühne als dramatisch-musikalisches Werk bearbeitet. Die Figur des totgeglaubten Heimkehrers, der in einer veränderten Welt um seinen eigenen Namen kämpfen muss, hat dabei ihre eindringliche Kraft bewahrt.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →