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Werkseintrag · Vater Goriot
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Vater Goriot
1835
– Werkseintrag –

Vater Goriot

1835 · Roman

Ein Vater, der sein ganzes Vermögen an die Töchter verschenkt, und ein junger Mann, der lernt, was der Aufstieg in der feinen Pariser Gesellschaft wirklich kostet.

Überblick

Der Roman Vater Goriot von Honoré de Balzac erschien Mitte der 1830er Jahre und gehört zu dem großen Romanzyklus Die menschliche Komödie, innerhalb dessen er den „Szenen aus dem Privatleben" zugeordnet ist. Die Handlung spielt im Paris des Jahres 1819. An einem Personenkreis, der nahezu alle Schichten der Gesellschaft umfasst, zeigt Balzac den gesellschaftlichen Aufstieg ebenso wie dessen Abgründe in der Zeit der Restauration. Im Mittelpunkt steht der frühere Nudelfabrikant Goriot, der durch Mehlspekulation in der Revolutionszeit zu Reichtum gekommen war, der nur noch im Leben seiner beiden Töchter aufgeht, von ihnen ausgenutzt wird und am Ende verarmt zugrunde geht. Das Werk zählt zu den bekanntesten Romanen Balzacs und ist ein Schlüsselwerk des französischen Realismus.

Inhalt (ohne Spoiler)

Schauplatz des Romans ist eine schäbige Pariser Pension, die von Madame Vauquer geführt wird. Unter ihrem Dach lebt eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft: der alte Goriot, ein ehemaliger Nudelfabrikant, der durch Mehlspekulation in der Revolutionszeit zu Vermögen gekommen war; der ehrgeizige, aber mittellose Eugène de Rastignac, ein junger Mann vom Land, der in Paris Karriere machen will; ein undurchsichtiger Mitbewohner namens Vautrin, der sich als ehrbarer Bürger gibt; das arme Mädchen Victorine Taillefer mit ihrer Gouvernante sowie weitere zwielichtige Gestalten wie die geldgierige Mademoiselle Michonneau und der kriecherische Beamte Poiret.

Goriot hat sein ganzes Vermögen seinen beiden Töchtern hingegeben, damit sie in die feine Gesellschaft einheiraten konnten. Die ältere, Anastasie, wurde die Frau eines Adligen, die jüngere, Delphine, die Frau eines Bankiers. Während die Töchter in Reichtum leben, verarmt der Vater zusehends in seiner kärglichen Kammer, denn seine grenzenlose Liebe lässt ihn immer wieder für sie zahlen. Zugleich tut sich für den jungen Rastignac über die Verbindung zu diesen Kreisen die glanzvolle, aber kalte Welt der Pariser Salons auf. Er steht bald vor der Frage, wie weit er gehen will, um in dieser Gesellschaft aufzusteigen.

Die Handlung im Detail

In der ärmlichen Pension der Madame Vauquer kreuzen sich die Wege höchst unterschiedlicher Menschen. Vater Goriot, früher ein wohlhabender Nudelfabrikant, der durch Mehlspekulation in der Revolutionszeit reich geworden war, gilt den anderen Bewohnern als wunderlicher, immer ärmer werdender Sonderling. Der Grund seines Niedergangs ist seine maßlose Vaterliebe: Sein gesamtes Vermögen hat er auf seine beiden Töchter übertragen, um ihnen eine vornehme Heirat zu ermöglichen. Anastasie de Restaud ist mit einem Adligen verheiratet, Delphine de Nucingen mit einem Bankier. Beide leben im Luxus, suchen den Vater aber nur auf, wenn sie wieder Geld brauchen. Goriot gibt willig alles her und begnügt sich damit, in ihrer Nähe nicht mehr sein zu dürfen als ihr „kleiner Hund".

Der junge Eugène de Rastignac, ehrgeizig und mittellos aus der Provinz nach Paris gekommen, lernt durch seine Verbindungen die glänzende Welt der Salons kennen und nähert sich Delphine an. So wird er Zeuge des Schicksals Goriots und gerät zugleich in einen inneren Zwiespalt zwischen seinem moralischen Anstand und seinem Verlangen nach gesellschaftlichem Erfolg. Diesen Konflikt verschärft der Mitbewohner Vautrin, in Wahrheit der gewissenlose Verbrecher Jacques Collin, der sich nur als ehrbarer Bürger ausgibt. Er durchschaut die Spielregeln der Gesellschaft schonungslos und stellt Rastignac eine rasche, doch verbrecherische Möglichkeit des Aufstiegs in Aussicht.

Vautrin wird schließlich in der Pension entlarvt und verhaftet – eine Schlüsselszene, in der Balzac den Verbrecher mit dem Teufel in Verbindung bringt. An dem Aufdecken sind die geldgierige Mademoiselle Michonneau und der Beamte Poiret beteiligt.

Goriots Lage spitzt sich indessen zu. Bis zuletzt opfert er sich für die Töchter auf und ruiniert sich vollends. Auf dem Sterbebett hat er seine Kinder durchschaut und erkennt, wie sie ihn ausgenutzt haben – und doch sehnt er sich verzweifelt nach ihrer Gegenwart. Doch die Töchter, mit ihren eigenen gesellschaftlichen Verpflichtungen beschäftigt, kommen nicht. So stirbt der Vater, der nur in seinen Kindern lebte, einsam und verarmt – „wie ein Hund". Allein der junge Rastignac und ein weiterer mittelloser Bewohner kümmern sich um ihn und bezahlen das ärmliche Begräbnis. Goriot wird auf dem Friedhof Père-Lachaise beigesetzt, einer Anhöhe über der Stadt. An diesem Grab steht Rastignac, durch das Erlebte verändert und in seinem Streben nach Erfolg endgültig geprägt, der kalten, geldbeherrschten Pariser Gesellschaft gegenüber.

Stil

Kennzeichnend für den Roman ist eine ausgefeilte Erzähltechnik. Balzac setzt vor allem auf einen auktorialen Erzähler, der die Geschichte als wahr verbürgt vorträgt und sie zugleich deutend begleitet. Dieser Erzähler steht in einem Spannungsverhältnis zu Rastignac, der zeitweise selbst zur wahrnehmenden Figur wird und dessen Blick der Leser folgt. In den entscheidenden Augenblicken – etwa an Goriots Sterbebett – rückt die Erzählperspektive nah an die Figuren heran, sodass der Leser sich unmittelbar in ihre Empfindungen und inneren Konflikte hineinversetzen kann.

Balzacs Erzählweise gilt als realistisch, trägt aber an einigen Stellen stark mythologisierende Züge, etwa wenn der entlarvte Verbrecher mit dem Teufel in Verbindung gebracht wird. Auffällig ist auch die bedeutungsvolle Gestaltung der Räume: Orte und Höhenlagen werden zu Zeichen für das moralische Niveau, so der hoch gelegene Friedhof Père-Lachaise als letzte Ruhestätte Goriots. Wiederkehrende Bilder verdichten die Aussage, allen voran der Vergleich des sich erniedrigenden Vaters mit einem Hund. Bemerkenswert ist zudem, dass Balzac sich an naturwissenschaftlichen Vorbildern orientiert: Dem Zoologen Étienne Geoffroy Saint-Hilaire, dem das Buch gewidmet ist, folgend, ordnet er die Menschen gleichsam in „Arten" ein, vergleichbar den Tierarten – so erscheint etwa Mademoiselle Michonneau als Viper.

Rezeption

Über die einzelne Figur hinaus versteht sich Balzacs Werk als gesellschaftliche Untersuchung. Der Autor tritt durch seinen Erzähler gleichsam als Sozialwissenschaftler auf, der Analyst, Kritiker und Visionär zugleich ist. Er verschränkt Wirklichkeit und Erfindung und beansprucht, aus einer übergreifenden Perspektive Aussagen über die ganze Gesellschaft zu treffen. Damit begründet er den Roman als eine Form gesellschaftlicher Erkenntnis. Die schonungslose Darstellung mündet in eine deutliche Kritik: Sozialer Aufstieg ist möglich, doch er gelingt nur jenen, die sich Egoismus, Skrupellosigkeit, Eitelkeit und Geldgier zu eigen machen. Goriots reine Vaterliebe dagegen muss in einer auf Schein und Geld gegründeten Welt zugrunde gehen. So wird das Werk zu einer Abrechnung mit einer Gesellschaft der nachnapoleonischen Zeit, in der das Geld in alle Lebensbereiche eindringt und überlieferte sittliche Werte verlorengehen.

Die nachhaltige Wirkung des Romans zeigt sich an den zahlreichen deutschen Übersetzungen, die über das 20. Jahrhundert hinweg immer wieder neu erschienen – unter anderem von Gisela Etzel, Rosa Schapire, Franz Hessel, Ernst Sander und Elisabeth Kuhs. Auch das Kino und das Fernsehen griffen den Stoff mehrfach auf: Schon 1915 entstand ein Kurzfilm, weitere Verfilmungen folgten in den Jahren 1921, 1926 und 1945, und 2004 wurde der Stoff erneut als Fernsehfilm umgesetzt. Als Teil von Balzacs großem Zyklus Die menschliche Komödie zählt das Werk bis heute zu den meistgelesenen Romanen des Autors.

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