Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Das Delta der Venus
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Das Delta der Venus
1977
– Werkseintrag –

Das Delta der Venus

1977 · Erzählung

Anaïs Nin schrieb diese erotischen Erzählungen bereits in den 1940er Jahren im Auftrag eines einzelnen Kunden, doch als Buch erschienen sie erst Jahrzehnte später. Der Band versammelt Geschichten aus Paris, New York und Südamerika, in denen dieselben Figuren immer wieder auftauchen.

Überblick↑

Bei Das Delta der Venus handelt es sich um eine Sammlung erotischer Erzählungen der amerikanischen Autorin Anaïs Nin. Der Band erschien 1977 im Verlag Harcourt in den Vereinigten Staaten unter dem Titel Delta of Venus. Nach den Angaben der Autorin im Vorwort entstanden die Texte bereits in den 1940er Jahren. Sie schrieb sie im Auftrag eines Kunden, der als „der Sammler“ bekannt wurde und die Texte für den privaten Gebrauch bestellte. Erst Jahrzehnte später kamen sie als Buch heraus. Der Band gilt als eines der bekanntesten Beispiele erotischer Literatur aus weiblicher Feder.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Versammelt sind Erzählungen von sehr unterschiedlicher Länge, die lose miteinander verbunden sind. Einzelne Figuren tauchen in mehreren Geschichten wieder auf, so dass ein Geflecht von Beziehungen entsteht. Den Auftakt bildet Der ungarische Abenteurer: ein Mann, der wegen seines herrischen Auftretens „der Baron“ genannt wird und auf seinen Reisen Frauen verführt, heiratet, um ihr Vermögen bringt und dann in ein anderes Land weiterzieht. In seiner Gestalt spiegelt sich der Auftraggeber der Sammlung.

Die Schauplätze wechseln zwischen Paris, New York, den Alpen, Mallorca und Südamerika. Eine Pariser Modistin bricht nach Lima auf. In einem brasilianischen Jesuiteninternat verbirgt ein Priester seine Neigung zu den Zöglingen. Ein junger Indio in Peru flieht mit einer Kreolin, weil die Verwandtschaft die Heirat verweigert. Ein Bildhauer aus dem New Yorker Greenwich Village erzählt seinem Modell von seiner Vergangenheit in Montparnasse, und die junge Frau beginnt, ihre eigene Sinnlichkeit zu erkunden. Weitere Geschichten führen zu einer Malerin, die nebenbei erotische Texte abtippt, zu einer verschleierten Unbekannten in einem prächtigen Haus, zu der Schriftstellerin Elena und ihren Liebschaften sowie zu Linda, die ihre Neugier immer weiter treibt.

Die Autorin behandelt eine breite Skala sexueller Themen, darunter manche, die zur Entstehungszeit als Tabu galten. Trotz der drastischen Stoffe bleibt der Blick auf die weiblichen Gestalten gerichtet, die sich durch die Erzählungen ziehen.

Die Handlung im Detail↑

Am Anfang steht Der ungarische Abenteurer. Der „Baron“ heiratet auf seinen Reisen Frauen, nimmt ihnen ihr Vermögen und verschwindet. Bei der brasilianischen Tänzerin Anita bleibt er länger und hat mit ihr zwei Töchter, verlässt sie aber für eine andere Frau. Als Anita stirbt, muss er sich um die inzwischen halbwüchsigen Mädchen kümmern. Er vergreift sich an ihnen. Am Ende verlassen ihn seine Frau, der gemeinsame Sohn, den er ebenfalls missbraucht hat, und schließlich auch die Töchter.

In Matilde wird eine junge Pariser Modistin vom Baron verführt. Seine Schilderungen bewegen sie, nach Südamerika aufzubrechen. In Lima eröffnet sie ein Boudoir und verkehrt mit vielen Männern. Einer von ihnen, der Boxer Antonio, lädt sie in seine ärmliche Wohnung ein und will ihr mit dem Messer den Leib aufschlitzen. Im letzten Augenblick dringt die Polizei ein und verhaftet ihn wegen Drogenhandels.

Das Internat spielt in einer ländlichen Gegend Brasiliens, in einem von Jesuiten geführten Institut für Söhne guter Familien. Pater Dobo fühlt sich heimlich zu den Zöglingen hingezogen. Ein blonder Junge von zartem Äußeren, der bei ihm während des Unterrichts sichtbare Erregung auslöst, wird später von seinen Kameraden vergewaltigt.

In Der Ring flieht ein junger Indio in Peru mit einer Kreolin, weil ihre Verwandten die Heirat ablehnen. Als Liebespfand tauschen sie zwei Verlobungsringe. Später verdächtigt der Mann den Nachtwächter der Stadt, in der sie sich niedergelassen haben und der ihnen zu einer Unterkunft verholfen hatte, eines Verhältnisses mit seiner Frau. Er unterwirft sie einer Folter mit dem Strick, überzeugt sich von ihrer Unschuld und versöhnt sich mit ihr.

Mallorca erzählt von Maria, der achtzehnjährigen Tochter eines Fischers. Sie badet im Meer mit der amerikanischen Touristin Evelyn. Deren Bruder nutzt die Gelegenheit zu einer körperlichen Annäherung. Das Mädchen wehrt sich zunächst und gibt sich dann der Leidenschaft hin.

In Künstler und Modelle berichtet der Bildhauer Millard aus dem New Yorker Greenwich Village seinem Modell von seiner Zeit in Montparnasse: von Louise, der nymphomanischen Frau eines Malers, die den Kopf an den Kubaner Antonio verlor, und von Mafouka, einem Mädchen von androgynem Aussehen, das sich als Zwitter herausstellte. Auf einem Fest beim Maler Brown lernt das Modell andere junge Frauen kennen, die ebenfalls für Künstler posieren. Ihre Erzählungen wecken in ihr den Wunsch, die eigene Sinnlichkeit zu erproben. Im Theater begegnet sie einem Mann namens John und wird seine Geliebte. Zugleich beginnt sie ein Verhältnis mit Millard und beschließt, beide Beziehungen nebeneinander weiterzuführen.

In Lilith behauptet Billy gegenüber seiner frigiden Frau, er habe ihr statt des üblichen Süßstoffs das Aphrodisiakum Kantharide in den Kaffee getan, um sie aus ihrer Erstarrung zu lösen. Die Frau ist aufgewühlt. Auch als der Mann gesteht, ihr nichts gegeben zu haben, bleiben ihre Gedanken an Aphrodisiaka geheftet.

Marianne handelt von einer Malerin am Anfang ihres Weges, die sich mit dem Abtippen erotischer Erzählungen etwas dazuverdient. Eines Tages kommt ein junger Mann namens Fred zu ihr, um sich unbekleidet porträtieren zu lassen. Marianne ist von seiner Erscheinung fasziniert und ergreift bei den folgenden Sitzungen die Initiative. Als Fred Geld braucht, schreibt er seine eigenen Erlebnisse nieder, und die Aufzeichnungen werden Marianne zum Abtippen gegeben. Sie erkennt, dass es Fred vor allem darum geht, bewundert zu werden. Als er an einer Kunstschule als Modell angestellt wird, hat ihre Verbindung keinen Grund mehr.

In Die verschleierte Frau beobachtet George in einer Bar einen eleganten Herrn in Begleitung einer Frau mit schwarzem Schleier, die bald weggeht. Der Herr bietet ihm Geld dafür, sich mit einer Frau einzulassen, die Fremde sucht. George willigt ein und wird in ein prächtiges Haus geführt, wo er die verschleierte Frau wiedertrifft. Später begegnet er einem alten Bekannten, der als Voyeur bekannt ist. Dieser erzählt ihm, er habe dem Beisammensein einer Nymphomanin mit einem stattlichen Mann zugesehen. George begreift, dass von seinem eigenen Erlebnis die Rede ist.

Elena stellt eine Verfasserin erotischer Texte in den Mittelpunkt, die ihre Ferien im schweizerischen Caux verbringt. Dort lernt sie Pierre kennen und wird seine Geliebte. Zurück in Paris trifft sie ihre erste Liebe Miguel wieder, der ihr seinen neuen Gefährten Donald vorstellt. Donald vertraut ihr an, dass er unter der Verbindung leidet: Miguel sehe in ihm nur ein Objekt und zwinge ihm die passive Rolle auf. Als Miguels Neigungen auch Elena zu weit gehen, sucht sie Pierre auf, der ebenfalls nach Paris zurückgekehrt ist. Ihre Freundin Kay macht sie mit der lesbischen Sängerin Leila und deren Geliebter Mary bekannt. Elena fantasiert von Leila und von Bijou, einer Prostituierten und früheren Geliebten Pierres. Das Verhältnis zwischen Elena und Pierre vertieft sich, doch beschäftigt ihn der Altersunterschied von fünfzehn Jahren.

Der Baske und Bijou folgt einem Maler, der sich in Paris niedergelassen hat und auf Anerkennung hofft. Nach einem guten Bildverkauf besucht er ein Bordell, wo ihm die Wirtin die Prostituierte Bijou vorstellt. Er nimmt sie als Gefährtin zu sich. Nach einiger Zeit langweilt Bijou das häusliche Leben. Sie findet eine Stelle als Modell an einer Kunstschule und verführt die Studenten, die ihr gefallen. Aus Neugier sucht sie einen Hellseher aus Westafrika auf, der ihrer Sinnlichkeit nicht gleichgültig gegenübersteht. Er versucht, sie zu hypnotisieren, um sich an ihr zu vergehen; Bijou lässt es geschehen und empfindet großes Vergnügen dabei. Sie zieht sogar ihre Freundinnen Elena und Leila in erotische Spiele mit ihm hinein. Bei einem Waldpicknick, an dem auch Pierre und der Baske teilnehmen, wird Bijou in entwürdigende Spiele der Männer verwickelt, die ihr zuerst Angst machen und die sie am Ende genießt. Als der Baske ihrer überdrüssig wird und sie verlässt, verliert sie auch die Lust am Modellstehen und kehrt zur Straßenprostitution zurück.

In Pierre hilft der noch junge Titelheld einem Mann, den nackten, leblosen Körper einer sehr schönen Frau aus einem Fluss zu ziehen. Während der Mann die Polizei holt, vergeht sich Pierre an der Toten. Von diesem Erlebnis gezeichnet, lässt er sich später auf ältere Frauen ein, etwa auf Mary Ann, eine Freundin seiner Mutter, die in ihrer Jugend von preußischen Soldaten vergewaltigt worden war. Mit vierzig ist Pierre noch immer ein schöner Mann mit Erfolg bei Frauen. Nach dem Ende seiner Verbindung mit Elena heiratet er Sylvie, eine anziehende, aber kränkliche Frau. Da sie keine Kinder bekommen können, nehmen sie zwei Waisen an, John und Martha, die im Heim unzertrennlich waren wie Geschwister. Zu langer Enthaltsamkeit gezwungen, weil es seiner Frau schlecht geht, beginnt Pierre ein Verhältnis mit Martha. John wird eifersüchtig. Martha bemerkt es und schlägt ihm vor, keusch im selben Bett zu schlafen, doch John wird mit der Zeit kühner und schläft schließlich mit ihr. So wird Martha zur Geliebten des Adoptivvaters und des Adoptivbruders.

Miguel zeigt einen Exhibitionisten, der sein außergewöhnlich großes Glied möglichst vielen Menschen zeigen will. In einem Eisenbahnabteil führt er es einer älteren Prostituierten vor, die ihm gegenübersitzt. Sie betrachtet es bewundernd und gerät in Erregung, ohne ihn auch nur zu berühren. Damit hat er seine Seelenverwandte gefunden.

In Linda steht eine Frau um die dreißig im Mittelpunkt, verheiratet mit dem etwa zehn Jahre älteren Maler André, der sie die verschiedenen Seiten der Sinnlichkeit gelehrt hat. In Abwesenheit ihres Mannes nimmt sie an einem Fest teil, das in einer Orgie endet und bei dem ein Mann aus einfachen Verhältnissen sie mehrfach heftig nimmt. Linda sucht ihn zu Hause auf; nach einem Jahr verlässt er sie, um zu heiraten. Auf Anregung ihres Vertrauten, des Friseurs Michel, erprobt Linda die Prostitution in einem Haus, das Frauen aus gutem Hause gelegentlich nutzen. Der Kunde, der ihr zufällt, will nichts von ihr als ein Taschentuch, das sie sich zwischen die Beine führt. Im Bois de Boulogne nimmt sie an einem Mann ein Parfum wahr, das sie an einen Araber erinnert, in den sie in Fez verliebt gewesen war. Sie spricht ihn an und wird seine Geliebte. Als das Parfum aufgebraucht ist, erlischt auch ihre Anziehung zu ihm. Zuletzt erinnert sie sich an ihre erste kindliche Selbstberührung: Als man sie zur Beichte zu einem Mönch schickte, warf sie sich auf seine Knie, um sich an der bloßen Berührung mit der Quaste seines Gürtelstricks zu erregen.

Den Beschluss macht Marcel. Der Erzähler muss seine Geliebte, die auf einem Lastkahn an der Seine lebt, mit ihren anderen Liebhabern Gustavo und Hans teilen. Er nimmt es hin, auch wenn es ihn nicht begeistert. Mit ihr spricht er darüber, wie schwer Männer und Frauen einander wirklich verstehen, und ruft sich die glücklichsten Augenblicke ihrer Verbindung in Erinnerung.

Stil↑

Kennzeichnend für die Sammlung ist die offene, unverhüllte Darstellung der Sexualität. Die Erzählungen sind von unterschiedlicher Länge, von wenigen Seiten bis zu weit ausgreifenden Geschichten. Zusammengehalten werden sie dadurch, dass einzelne Figuren mehrfach auftreten und so ein Netz von Verbindungen zwischen den Texten knüpfen. Elena, Pierre, Bijou, Miguel und der Baron begegnen dem Leser in wechselnden Zusammenhängen wieder.

Bestimmend ist der weibliche Blickwinkel, aus dem heraus die Geschichten angelegt sind. Die Autorin greift eine große Bandbreite sexueller Themen auf, darunter Voyeurismus, sexuelle Gewalt, Inzest, Homosexualität, eheliche Untreue und den Missbrauch von Kindern. Manches davon galt zur Entstehungszeit als starkes Tabu. Trotz der drastischen Stoffe bleibt die Aufmerksamkeit auf die Zeichnung der weiblichen Gestalten gerichtet, deren Wege sich immer wieder kreuzen.

Rezeption↑

Auffällig ist der lange Weg vom Entstehen zur Veröffentlichung: Die Texte wurden in den 1940er Jahren für einen einzelnen privaten Auftraggeber geschrieben und erst 1977 als Buch zugänglich gemacht. In Italien erschien der Band schon 1978 in der Übersetzung von Delfina Vezzoli und wurde dort über Jahrzehnte hinweg immer wieder neu aufgelegt, zuletzt in einer Taschenbuchausgabe des Verlags Bompiani.

In den 1990er Jahren verfilmte der Regisseur Zalman King den Stoff unter dem Titel Delta of Venus.

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