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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Anaïs Nin
Anaïs Nin
1903 – 1977
– Autorenporträt –

Anaïs Nin

1903 – 1977 · 73 Jahre

Schriftstellerin, die von Kindheit an Tagebuch führte und ihr Leben zwischen Paris und den Vereinigten Staaten verbrachte – in ihren Romanen und erotischen Erzählungen vermischte sie Selbsterlebtes mit Erfundenem.

Kurzbiografie↑

Anaïs Nin wurde 1903 in Neuilly-sur-Seine bei Paris geboren und starb 1977 in Los Angeles. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Tagebücher, die sie schon als Kind zu führen begann und die in vielen Bänden erschienen sind. Daneben schrieb sie Romane und erotische Erzählungen, unter anderem die Sammlung Das Delta der Venus. In ihren Büchern gehen Selbsterlebtes und Erfundenes ineinander über; Träume und seelische Untergründe nehmen darin viel Raum ein. Ihr Leben zwischen Paris und den Vereinigten Staaten, ihre Nähe zur Psychoanalyse und ihre Verbindung zu Henry Miller prägen das Bild, das man sich von ihr macht.


Biografie↑

Geboren wurde sie am 21. Februar 1903 in Neuilly-sur-Seine bei Paris, mit vollem Namen Angela Anaïs Juana Antolina Rosa Edelmira Nin y Culmell. Ihr Vater war der kubanisch-spanische Konzertpianist und Komponist Joaquín Nin y Castellanos, damals 23 Jahre alt. Die Mutter, Rosa Culmell y Vigaraud (1871–1954), war acht Jahre älter und stammte aus einer dänisch-französisch-kubanischen Familie. Der Großvater väterlicherseits war während der Französischen Revolution aus Frankreich geflohen: über Saint-Domingue und New Orleans kam er nach Kuba, wo er am Bau der ersten Eisenbahn des Landes mitwirkte.

Zwei jüngere Brüder wuchsen mit ihr auf, Thorvald, 1905 in Havanna geboren, und Joaquín (1908–2004), der in Berlin zur Welt kam. Die Familie zog 1910 nach Brüssel und 1912 nach Arcachon. Als Anaïs elf Jahre alt war, verließ der Vater die Familie. Die Mutter ging daraufhin mit den drei Kindern nach Barcelona. Nach Kriegsbeginn siedelte sie mit ihnen nach New York über.

Dort besuchte Anaïs die Schule, brach sie 1918 ab und arbeitete zeitweise als Modell. Die Trennung vom Vater beschäftigte sie lange. Sie versuchte sie in ihrem Tagebuch zu verarbeiten, das damit früh zu ihrem wichtigsten Schreibort wurde.

1923 heiratete sie den Bankangestellten Hugh Parker Guiler. Er wurde später als Filmproduzent unter dem Namen Ian Hugo bekannt. Ein Jahr darauf zog das Paar nach Paris. Dort förderten beide gemeinsam Künstler der Avantgarde. Auf diesem Weg lernte Nin auch Henry Miller kennen, auf dessen literarisches Schaffen sie großen Einfluss hatte. Mit ihm verband sie über viele Jahre eine Affäre. Diese Beziehung wurde 1990 in Philip Kaufmans Film Henry & June aufgegriffen.

In den Pariser Jahren wandte sie sich der Psychoanalyse zu. Sie studierte das Fach bei Otto Rank und ließ sich zeitweise selbst von Carl Gustav Jung behandeln. Die Theorien von Sigmund Freud und Jung beeinflussten sie stark und schlugen sich in ihren Büchern nieder. Ihre ersten Erzählbände erschienen in dieser Zeit: The House of Incest 1936 und Winter of Artifice 1939.

1940 kehrte sie in die Vereinigten Staaten zurück. In den folgenden Jahren erschien eine Reihe von Romanen, darunter Ladders to Fire (1946), Children of the Albatross (1947) und The Four-Chambered Heart (1950). 1946 wirkte sie in dem kurzen Experimentalfilm Ritual in Transfigured Time von Maya Deren mit.

1947 schloss sie heimlich eine zweite Ehe mit Rupert Pole, der siebzehn Jahre jünger war als sie. Mit ihm lebte sie in Los Angeles, mit Hugh Guiler zugleich weiterhin in New York. Diese Doppelexistenz zwischen der West- und der Ostküste hielt sie über Jahre aufrecht.

1954 erschien A Spy in the House of Love, deutsch Spion im Haus der Liebe. 1958 folgte Solar Barque, das sie 1961 unter dem Titel Seduction of the Minotaur erweitert herausbrachte. Vier ihrer Romane fasste sie 1959 zu dem Zyklus Cities of the Interior zusammen. 1964 erschien Collages. Ab den 1960er Jahren kamen nach und nach die Tagebücher heraus, zunächst die Bände ab 1931, später auch die frühen Aufzeichnungen aus Kindheit und Jugend.

1974 wurde sie in die American Academy of Arts and Letters gewählt. Am 14. Januar 1977 starb sie in Los Angeles. Im selben Jahr erschienen der Erzählband Waste of Timelessness und die erotischen Erzählungen Delta of Venus, auf Deutsch Das Delta der Venus. Zwei Jahre nach ihrem Tod kam mit Little Birds ein weiterer Band erotischer Erzählungen heraus.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Nins Schreiben ist die Verbindung von Autobiografie und Fiktion. Was sie erlebt hat, und was sie erfindet, lässt sich in ihren Büchern oft nicht sauber trennen. Der Roman Spion im Haus der Liebe gilt als eine besondere Art von Selbstporträt.

Traumleben und Unterbewusstes spielen in ihren Texten eine wesentliche Rolle. Das hängt eng mit ihrer Beschäftigung mit der Psychoanalyse zusammen: Die Lehren von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung prägten ihr Denken, bei Otto Rank studierte sie das Fach, und Jung behandelte sie zeitweise selbst.

Ein eigenes Feld sind die erotischen Erzählungen mit ihren offen geschilderten sexuellen Handlungen, gesammelt vor allem in Das Delta der Venus und Die verborgenen Früchte. Ihre Hauptform aber blieb das Tagebuch, das sie von Kindheit an führte und über Jahrzehnte fortschrieb.


Rezeption↑

Bekannt geworden ist Anaïs Nin vor allem durch ihre Tagebücher. Sie erschienen in zahlreichen Bänden und wurden ins Deutsche übersetzt, teils erst lange nach ihrem Tod, so die unzensierten Pariser Tagebücher unter dem Titel Feuer und ein weiterer Band unter dem Titel Nächte unterm Venusmond. Auch ihr Briefwechsel mit Henry Miller aus den Jahren 1932 bis 1953 wurde veröffentlicht.

1974 wählte man sie in die American Academy of Arts and Letters. 1990 verfilmte Philip Kaufman ihre Beziehung zu Henry Miller unter dem Titel Henry & June. 1994 wurde ein Venuskrater nach ihr benannt.

Ihr Leben hat mehrere Biografien angeregt, darunter Deirdre Bairs Anaïs Nin. Eine Biographie, Elisabeth Barillés Maskierte Venus, Noël Riley Fitchs Anaïs. Das erotische Leben der Anaïs Nin und Linde Salbers Tausendundeine Frau. 2022 erschien mit Anaïs Nin. Im Meer der Lügen von Léonie Bischoff eine Biografie in Form einer Graphic Novel.

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