Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Howl
1956
– Werkseintrag –

Howl

1956 · Lyrik

Ein langes, ungereimtes Geheul auf die zerstörten Köpfe einer Generation, das Allen Ginsberg 1955 in San Francisco zum ersten Mal laut vortrug.

Überblick↑

Das Gedicht Howl – auf Deutsch Das Geheul – stammt von dem amerikanischen Schriftsteller Allen Ginsberg. Er trug es am 7. Oktober 1955 bei der Six Gallery reading in San Francisco zum ersten Mal öffentlich vor. Gewidmet ist es Carl Solomon, einem Freund und Kollegen, den Ginsberg am New York State Psychiatric Institute kennengelernt hatte. Es gilt als herausragendes Gedicht der Beat Generation und ist Ginsbergs bekanntestes Werk.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Aufgebaut ist das Gedicht aus drei Teilen und einer angehängten „Fußnote“. Der erste Teil ist der längste. Er beginnt mit dem Satz, der Sprecher habe die besten Köpfe seiner Generation vom Wahnsinn zerstört gesehen. Danach reiht er in langen, oft durch Relativsätze verbundenen Zeilen Szene an Szene. Erzählt wird aus dem Leben der Beat Generation, dazwischen stehen abstrakte und religiöse Bilder. Immer wieder geht es um Drogen, um Jazzmusik und um den Wahnsinn, alles vor dem Hintergrund der Vereinigten Staaten der 1950er Jahre.

Der zweite Teil wechselt den Ton. Nach der Klage stellt der Sprecher die Frage, wer oder was für dieses Elend verantwortlich sei. Seine Antwort lautet: Moloch. Dieser Moloch wird mit immer neuen Eigenschaften belegt, ohne dass das Gedicht festlegt, wofür er genau steht.

Der dritte Teil klingt versöhnlicher. Er wendet sich unmittelbar an Carl Solomon, der sich in der Anstalt Rockland befindet. Nach jedem Vers kehrt dieselbe Beschwörung wieder: „I'm with you in Rockland“. Beschlossen wird das Ganze von der Footnote to Howl, die vom Wort holy, also heilig, bestimmt ist.

Die Handlung im Detail↑

Drei Teile und eine „Fußnote“ bilden das Gedicht. Der erste Teil ist der längste und bekannteste; die übrigen Teile und die Fußnote entstanden erst nach dem ersten Vortrag.

Eingeleitet wird der erste Teil mit den Zeilen „I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the Negro streets at dawn looking for an angry fix“ – auf Deutsch: Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt, wie sie sich im Morgengrauen durch die Negerstraßen schleppten auf der Suche nach einer wütenden Spritze. Danach folgt eine Aneinanderreihung von Szenen, häufig durch Relativsätze verbunden. Sie enthalten autobiographische und biographische Passagen aus dem Leben der Beat Generation, daneben abstrakt-metaphysische und religiöse Symbolik. Wiederkehrende Themen sind Drogen, Jazzmusik und Wahnsinn vor dem Hintergrund der Vereinigten Staaten in den 1950er Jahren. Beim Vortrag wirkt dieser Teil tatsächlich wie ein langes Geheul oder eine Wehklage. Nachempfunden ist er auch dem jüdischen Kaddisch. Diese Übernahme wiederholte Ginsberg später ausdrücklich in seinem zweiten dichterischen Hauptwerk Kaddish, das dem Andenken seiner 1956 verstorbenen Mutter gilt.

Nach der Klage des ersten Teils stellt der zweite die Schuldfrage: „What sphinx of cement and aluminum bashed open their skulls and ate up their brains and imagination?“ – Welche Sphinx aus Zement und Aluminium schlug ihre Schädel auf und fraß ihre Hirne und Vorstellungskraft? Die Antwort lautet Moloch. Er wird nun mit verschiedenen Attributen belegt. Deutungen sehen in ihm oft die Großstadt, aber auch das Geld oder den Kapitalismus. Das Gedicht selbst lässt das offen, zumal Moloch ebenso als metaphysische und psychische Macht auftritt: „Moloch, who entered my soul early! Moloch, in whom I am a consciousness without a body!“ – Moloch, der früh in meine Seele eindrang! Moloch, in dem ich ein Bewusstsein ohne Körper bin!

Auf die direkten Anklagen und Verfluchungen des Moloch folgt im dritten Teil ein versöhnlicherer Ton. Er eröffnet mit der unmittelbaren Anrede an Carl Solomon, der sich in der Irrenanstalt Rockland befindet. Nach jedem Vers kehrt die Beschwörung „I'm with you in Rockland“ wieder, während der Sprecher sich zu immer fantastischeren Visionen steigert. Sie enden damit, dass die Mauern von Rockland einstürzen und der Angesprochene eine Art Heimkehr erlebt.

Die Footnote to Howl schließlich wird vom wiederholten Wort holy, heilig, bestimmt. Verglichen mit dem Gedicht klingt sie sehr optimistisch, denn sie spricht alles Geschehen heilig: „Everything is holy! everybody's holy! everywhere is holy! everyday is in eternity! Everyman's an angel!“

Stil↑

Auffällig ist zunächst die Bauform: lange, atemlose Verszeilen, die sich nicht reimen und stattdessen durch den Klang der Worte zusammengehalten werden. Im ersten Teil hängen die Szenen oft als Relativsätze aneinander, sodass ein einziger Satzbogen über viele Zeilen trägt. Dazu greift Ginsberg zu Slang, etwa in der Zeile „yacketayakking screaming vomiting whispering facts and memories and anecdotes and eyeball kicks and shocks of hospitals and jails and wars“.

Jeder der drei Teile hat seinen eigenen Grundton und seine eigene wiederkehrende Formel. Der zweite Teil ruft immer wieder den Namen Moloch, der dritte den Satz „I'm with you in Rockland“, die Fußnote das Wort holy. Diese Wiederholungen geben dem Text den Charakter einer Beschwörung. Der erste Teil ist überdies dem jüdischen Kaddisch nachempfunden, und laut gelesen klingt er wie eine Wehklage. Das Gedicht ist also von vornherein auf den Vortrag hin geschrieben.

Rezeption↑

Zum ersten Mal öffentlich vorgetragen wurde das Gedicht bei der Six Gallery reading in San Francisco am 7. Oktober 1955. Es gilt als herausragendes Gedicht der Beat Generation und ist eines der bekanntesten Werke Allen Ginsbergs geblieben. Die Deutung der Moloch-Figur beschäftigt die Leser bis heute: Häufig wird sie auf die Großstadt bezogen, gelegentlich auch auf das Geld oder den Kapitalismus. Ginsberg selbst legte sich im Text nicht fest.

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