Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Hotel Savoy
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Cover Hotel Savoy
Hotel Savoy
1924
– Werkseintrag –

Hotel Savoy

1924 · Roman

Ein heimgekehrter Soldat strandet 1919 in einem riesigen Hotel, in dem die Armen oben unter dem Dach hausen und die Reichen unten residieren – Joseph Roths nüchternes Sinnbild für eine aus den Fugen geratene Nachkriegswelt.

Überblick↑

Der Roman Hotel Savoy von Joseph Roth erschien zunächst als Vorabdruck in der Frankfurter Zeitung. Der Abdruck lief zwischen dem 9. Februar und dem 16. März 1924. Noch im selben Jahr kam das Buch in Berlin heraus. Schauplatz ist das tatsächlich existierende Hotel Savoy in der polnischen Industriestadt Łódź. Roth nutzt das große Haus mit seinen sechs Stockwerken als gesellschaftliches Modell. Wer arm ist, wohnt oben unter dem Dach. Wer reich ist, wohnt unten in den teuren Etagen. Zusammen mit Das Spinnennetz, Die Rebellion und Rechts und links gehört das Buch zu jenen frühen Werken, in denen Roth die Jahre zwischen 1919 und 1929 beschreibt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Sommer 1919 kehrt Gabriel Dan nach drei Jahren russischer Kriegsgefangenschaft heim. Ohne Gepäck, ohne Eltern, ohne Frau und Kind erreicht er eine fremde, vom Krieg erschöpfte Stadt. Er quartiert sich im Hotel Savoy ein, einem Riesenhaus mit 864 Zimmern. In diesem Haus zeigen sich die Verhältnisse der Nachkriegswelt wie unter einem Brennglas. Gabriel bekommt eines der billigsten Zimmer ganz oben im sechsten Stock, dort wo die Mittellosen wohnen. In den unteren Etagen wirtschaften dagegen die Reichen.

Er sucht seinen wohlhabenden Onkel Phöbus Böhlaug auf. Von der knausrigen Verwandtschaft erhält er nicht viel mehr als einen abgelegten Anzug. Im Hotel verliebt er sich in die junge Varietétänzerin Stasia, die genau über ihm im siebten Stock haust. Dabei gerät er in Konkurrenz zu seinem Cousin Alexander. Bald taucht auch sein Regimentskamerad Zwonimir Pansin auf, ein Kroate. Der versorgt ihn mit Geld und träumt zugleich davon, in der Stadt eine Revolution anzuzetteln.

Im Savoy regiert der alte Liftboy Ignatz als Geldverleiher über die Koffer der zahlungsunfähigen Gäste. Zugleich führt ein nie sichtbarer Direktor Kaleguropulos sein Regiment. Vor den Toren der Stadt schwillt der Strom der Heimkehrer an, und in den Fabriken murren die Arbeiter. Mit der Ankunft des amerikanischen Milliardärs Henry Bloomfield setzen sich Hoffnungen, Drohungen und alte Rechnungen in Bewegung.

Die Handlung im Detail↑

Gabriel Dan trifft im Sommer 1919 nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft in Sibirien in einer Stadt ein, in der das Hotel Savoy mit seinen 864 Zimmern voll belegt ist. Er bekommt das billige Zimmer Nr. 703 im sechsten Stockwerk. Beim Hinuntergehen durch die Etagen bemerkt er, dass die Hoteluhren in jedem tieferen Stockwerk zehn Minuten weiter nachgehen – die Reichen haben Zeit. In den unteren Etagen wohnen die Wohlhabenden, in den oberen die Armen. In der Hotelbar müssen nachts junge Mädchen, die keinen Koffer mehr zu verpfänden haben, sich vor Fabrikanten und Häusermaklern nackt ausziehen.

Gabriel besucht seinen Onkel Phöbus Böhlaug, der in der Stadt in Saus und Braus lebt, und bekommt von ihm als schäbig angezogener Soldat nur einen abgetragenen Anzug. Im Savoy verleiht der alte Liftboy Ignatz Geld an Gäste, die ihre Rechnung nicht mehr bezahlen können, und verriegelt ihre Koffer mit Patentschlössern. Ein Hoteldirektor namens Kaleguropulos, von dem es heißt, er sei Grieche, lässt sich nie blicken, hält aber durch Kontrollgänge die armen Gäste in Furcht. Gabriel will dem Geheimnis dieses unsichtbaren Direktors auf die Spur kommen.

Er verliebt sich in die Varietétänzerin Stasia, die direkt über ihm im siebten Stock wohnt. Sein Cousin Alexander Böhlaug, Student in Paris, zieht ebenfalls ins Savoy ein, um Stasia nahe zu sein. Bald kommt auch Gabriels Regimentskamerad Zwonimir Pansin, ein Kroate, in der Stadt an. Gabriel nimmt ihn in seinem Zimmer auf und lässt sich von ihm mit Geld versorgen. Zwonimir lernt Stasia kennen und erkennt, dass sie eigentlich in Gabriel verliebt ist; Gabriel deutet die Lage jedoch falsch und verliert sie an Alexander.

Für einige Tage finden Zwonimir und Gabriel auf dem Güterbahnhof Arbeit und verladen Hopfenballen für den Transport nach Deutschland. Eine Flut von Heimkehrern ergießt sich in die Stadt; Gabriel fühlt sich mit ihnen verbunden, wenn er an den Krieg zurückdenkt. Auch die Arbeiter aus Herrn Neuners Borstenreinigungsfabrik, die gewöhnlich in ihrem fünfzigsten Jahr an Lungenbluten sterben, begehren auf. Zwonimir mischt sich unter sie und wiegelt das Volk zum Widerstand auf.

Als Rettung aus der wirtschaftlichen Not erscheint der amerikanische Milliardär Henry Bloomfield, der seine Heimatstadt besucht. Gabriel wird sein zweiter Sekretär. Doch Bloomfield erfüllt die Hoffnungen nicht: Er sucht nur das Grab seines Vaters auf und macht sich heimlich davon, kurz bevor eine große Menge revoltierend gegen das Hotel Savoy zieht, in dessen Bar sich Neuner unterdessen amüsiert. Ein Revolutionär wirft eine Handgranate ins Gebäude, die Bargäste flüchten, die reichen Bewohner der unteren Etagen haben das Haus längst verlassen. Militär rückt an, im Hotel bricht Feuer aus, die Menge stürmt das Savoy. In den Flammen kommt der Liftboy Ignatz ums Leben – und es zeigt sich, dass er und der unsichtbare Direktor Kaleguropulos ein und dieselbe Person waren.

Stil↑

Roth erzählt aus der Ich-Perspektive seines Heimkehrers Gabriel Dan. Den Ton hält er dabei knapp, beobachtend, fast protokollarisch. Die Sätze sind kurz, oft trocken. Der Blick richtet sich auf scharf umrissene Einzelheiten: einen abgetragenen Anzug, ein Patentschloss am Koffer, die Uhren in den Stockwerken, die mit jeder Etage tiefer um zehn Minuten nachgehen. Aus solchen Details baut Roth seine Bilder.

Das Hotel selbst ist die zentrale Bauform des Romans. Sechs Stockwerke ordnen die Gesellschaft von oben nach unten: arm im Dach, reich im Parterre. Die Figuren – der unsichtbare Direktor, der geldverleihende Liftboy, der amerikanische Milliardär, der revolutionäre Soldat – tragen über ihre persönliche Geschichte hinaus eine sinnbildliche Bedeutung. So wird die Erzählung von einer realistischen Heimkehrergeschichte zugleich zu einer Parabel auf die Nachkriegszeit.

Rezeption↑

Der Roman gilt als Analyse des gesellschaftlichen Umbruchs der Nachkriegszeit. Die Forschung hat besonders auf den Sinnbild-Charakter der Handlung hingewiesen, so etwa Steierwald. Zusammen mit Das Spinnennetz, Die Rebellion und Rechts und links bildet Hotel Savoy eine Werkgruppe. In dieser Gruppe zeichnet Roth ein Bild der Gegend um Łódź unmittelbar nach dem Krieg und nimmt die Jahre zwischen 1919 und 1929 in den Blick.

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