1932
Radetzkymarsch
Überblick↑
Der Radetzkymarsch von Joseph Roth erschien 1932 im Berliner Verlag Kiepenheuer. Er gilt als das Hauptwerk des Autors und als einer der großen Romane über das Ende der Habsburgermonarchie. Vor der Buchausgabe lief das Werk als Fortsetzungsroman in der Frankfurter Zeitung. Roth erzählt über drei Generationen die Geschichte der Familie Trotta. Ihren Aufstieg und Niedergang verknüpft er eng mit dem Schicksal des Vielvölkerreichs. Der Titel verweist auf den Marsch von Johann Strauss Vater aus dem Jahr 1848. Dieser klingt wie ein wiederkehrendes Motiv durch das Buch. Marcel Reich-Ranicki zählte den Roman zu den zwanzig wichtigsten Werken der deutschsprachigen Literatur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Drei Generationen einer Familie stehen im Mittelpunkt. Die Trottas sind einfache Bauern aus dem slowenischen Dorf Sipolje. Ihr Schicksal verändert sich durch einen einzigen Augenblick auf dem Schlachtfeld für immer. In der Schlacht von Solferino rettet ein junger Leutnant dem Kaiser Franz Joseph I. das Leben und wird dafür geadelt. Aus dem unscheinbaren Bauernsohn wird der „Held von Solferino" und der Begründer eines neuen Geschlechts.
Sein Sohn schlägt eine zivile Beamtenlaufbahn ein und wird Bezirkshauptmann in einer mährischen Stadt. Im Zentrum des Romans steht jedoch der Enkel Carl Joseph. Er ist ein weicher, empfindsamer junger Mann. Gegen seine eigentliche Neigung wird er Offizier, weil die Familie es so will. Roth begleitet ihn durch Kasernenleben, erste Liebschaften und Freundschaften unter Offizieren. Er begleitet ihn auch durch die trostlose Stille der östlichen Grenzgarnison nahe der russischen Grenze.
Über allem liegt die Ahnung, dass eine Welt zu Ende geht. Der alte Kaiser regiert noch, der Radetzkymarsch wird noch gespielt. Doch die Donaumonarchie zerfällt von innen. Roth erzählt davon nicht in großen historischen Bildern. Er zeigt es an den Brüchen und kleinen Erschütterungen eines einzelnen Lebens.
Die Handlung im Detail↑
Am Anfang steht ein einfacher Soldat aus einer ärmlichen Bauernfamilie im slowenischen Dorf Sipolje. Er dient sich in der Armee zum Rechnungs-Unteroffizier und später zum Gendarmerie-Wachtmeister hoch. Im Kampf mit bosnischen Schmugglern verliert er ein Auge und lebt fortan als Militärinvalide und Parkwächter des Schlosses Laxenburg bei Wien. Seinem Sohn Joseph ermöglicht er den Aufstieg zum Offizier.
In der Schlacht von Solferino rettet Leutnant Joseph Trotta unter Einsatz seines Lebens dem jungen Kaiser Franz Joseph I. das Leben. Er erhält den Militär-Maria-Theresien-Orden, wird als „Joseph Trotta von Sipolje" in den Adelsstand erhoben und zum Hauptmann befördert. Damit verlässt er endgültig die bäuerliche Welt seiner Vorfahren und wird zum Ahnherrn eines neuen Geschlechts. Als der Hauptmann später zufällig im Schulbuch seines Sohnes eine heroisch ausgeschmückte Darstellung seiner Tat entdeckt, beschwert er sich beim Kaiser. Zwar wird er in den Freiherrenstand erhoben, verlässt aber verbittert die Armee und zieht sich nach Mähren zurück. Seinem Sohn Franz verbietet er die militärische Laufbahn.
Franz Freiherr von Trotta und Sipolje wird stattdessen Beamter und steigt durch die Gunst des Kaisers zum Bezirkshauptmann in der mährischen Stadt W. auf. Sein Sohn Carl Joseph, der dritte Trotta, ist ganz anders als der Großvater. Von der „knorrigen Stärke" des Helden von Solferino ist bei ihm nichts mehr übrig. Er ist weich, feinfühlig, unsicher und wird nicht aus eigenem Entschluss Offizier, sondern weil der Vater es bestimmt. Aus Pflichtgefühl gegenüber der Familie fügt er sich.
Schon früh häuft sich Schuld auf seinem Leben. Während eines Heimatbesuchs beginnt er eine Affäre mit der jungen Frau Slama, der Ehefrau des Gendarmerie-Wachtmeisters. Sie stirbt bei der Geburt eines Kindes. Carl Joseph fühlt sich für ihren Tod verantwortlich, und beim Kondolenzbesuch gibt ihm der Witwer demütigend die Liebesbriefe zurück, die er der Frau geschrieben hatte.
Belastet tritt Carl Joseph in der Kavallerie-Kaserne in W. seinen Dienst an. Er freundet sich mit dem Regimentsarzt Max Demant an; beide widert der Korpsgeist mit seinen Pflicht-Bordellbesuchen an. Als Carl Joseph eines Abends Demants Frau nach dem Theater heimbegleitet und unbedacht mit ihr am Offizierskasino vorbeigeht, sieht Rittmeister Tattenbach das Paar und vermutet sofort Untreue. Er verhöhnt Demant so lange, bis dieser zum Duell fordert. Beide Männer sterben. Demant hinterlässt Carl Joseph seinen Säbel mit der Inschrift „Lebe wohl und frei!". Wieder fühlt sich Carl Joseph schuldig.
Er lässt sich an die östlichste Grenze des Kaiserreichs versetzen, in eine Infanterie-Garnison kurz vor der russischen Grenze, die im Roman mit „B." angedeutet wird und an Roths Geburtsort Brody erinnert. In der Tristesse dieses Ortes verfällt er dem Alkohol. Für seinen spielsüchtigen Hauptmann bürgt er für Spielschulden, die immer weiter wachsen. Als der Gläubiger seine Forderung anmeldet, kann Carl Joseph nicht zahlen; die unehrenhafte Entlassung droht. Der Bezirkshauptmann reist nach Wien und erwirkt mit Berufung auf den Helden von Solferino eine Audienz beim greisen Kaiser, der die Sache niederschlagen lässt. Die Begegnung zwischen dem alternden Beamten und dem ebenso müde gewordenen Kaiser zeigt zwei Männer, die einer untergehenden Welt angehören.
Der Erste Weltkrieg bricht aus. Carl Joseph fällt nicht in einer großen heroischen Tat, sondern beim Versuch, für seine durstigen Soldaten Wasser zu holen. Der einfache Opfergang für die namenlosen Kameraden steht am Ende dort, wo am Anfang der Einsatz eines Mannes für den Kaiser stand. Mit Carl Joseph erlischt der adelige Zweig der Familie Trotta. Zwei Jahre später, am Tag der Beisetzung Kaiser Franz Josephs, stirbt auch der Bezirkshauptmann. Die Familie und das Reich, an das sie sich gebunden fühlte, gehen gemeinsam zu Ende.
Ein Nebenzweig der Familie lebt weiter: Der bürgerliche Franz Ferdinand Trotta, ein Nachfahre des Parkwächters von Laxenburg, wird die Hauptfigur von Roths sechs Jahre später erschienenem Roman Die Kapuzinergruft.
Stil↑
Roth erzählt in einer ruhigen, gemessenen Sprache. Sie entspricht der untergehenden Welt des Romans. Der Stil ist klar und anschaulich, oft melancholisch gefärbt, ohne in Sentimentalität abzugleiten. Große historische Ereignisse erscheinen nicht als Panorama. Sie spiegeln sich in den kleinen Lebensszenen der Trottas.
Ein durchgehendes Mittel ist die Parallelführung von Familiengeschichte und Reichsgeschichte. Der Aufstieg und Niedergang der Trottas läuft Schritt für Schritt parallel zum Schicksal der Habsburgermonarchie. Der titelgebende Radetzkymarsch von Johann Strauss Vater zieht sich als wiederkehrendes Motiv durch das Buch. Er wird von Militärkapellen gespielt und aus offenen Fenstern gehört, immer als Klangzeichen einer Welt, die sich selbst noch glaubt. Auch der Kaiser und das Bild des Helden von Solferino kehren als Motive wieder und verbinden die drei Generationen.
Die Erzählhaltung ist auktorial und distanziert, mit einer leisen, oft ironischen Wehmut. Roth schreibt eine Familienchronik, die zugleich eine politische Diagnose ist, ohne politische Reden zu halten.
Rezeption↑
Der Radetzkymarsch gilt allgemein als Roths bedeutendster Roman. Marcel Reich-Ranicki zählte ihn zu den zwanzig wichtigsten Romanen in deutscher Sprache. Der ungarische Literaturhistoriker Georg Lukács würdigte das Werk 1939 in einer Moskauer Zeitschrift als „eines der künstlerisch geschlossensten und überzeugendsten der neueren deutschen Literatur". Volker Weidermann schrieb 2004 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das Buch sei „das schönste Buch der Welt. Das traurigste. Sentimentalste. Wundersamste. Es ist ein Wunder." Der Schriftsteller Mario Vargas Llosa nannte den Roman den besten politischen Roman, der je geschrieben worden sei. Der österreichische Künstler André Heller stellte das Buch 2007 in der ZDF-Sendung Lesen! als sein persönliches Lieblingsbuch vor.
Auch international fand der Roman früh seinen Weg zu den Lesern. Bereits 1933 erschien die englische Übersetzung von Geoffrey Dunlop bei Viking Press in den USA. 1934 folgte die Londoner Ausgabe bei Heinemann. 2002 legte Michael Hofmann eine Neuübersetzung vor. 1939 erschien eine russische Übersetzung von Natalia Mann in der Sowjetunion. Der Roman ist zudem Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden, etwa in der 1985 in Leningrad verteidigten Dissertation von Lilia Basirewa über den „habsburgischen Mythos". 1995 verfilmte Axel Corti den Stoff als Fernsehfilm. Roth selbst nahm die Familiengeschichte 1938 in seinem Roman Die Kapuzinergruft wieder auf. Dort wird ein bürgerlicher Nachkomme der Trottas zur Hauptfigur.
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