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Werkseintrag · Die Legende vom heiligen Trinker
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Die Legende vom heiligen Trinker
1939
– Werkseintrag –

Die Legende vom heiligen Trinker

1939 · Erzählung

Ein obdachloser Trinker in Paris will nur eine kleine Schuld zurückzahlen – doch zwischen Vorsatz und nächstem Glas geschieht ein Wunder nach dem anderen.

Überblick↑

Mit der Erzählung Die Legende vom heiligen Trinker schuf Joseph Roth ein schmales, eindringliches Spätwerk. Die Novelle erschien 1939 posthum im Amsterdamer Verlag Allert de Lange. Im Mittelpunkt steht Andreas Kartak, ein obdachloser Trinker in Paris, der trotz aller Not ein Mann von Ehre bleibt. Er will geliehenes Geld zurückzahlen, kommt aber nicht dazu – immer wieder, weil er trinkt. Roth schrieb das Werk in seinen letzten Lebensmonaten und beobachtete darin auch die eigene Trunksucht. Die Erzählung gilt als eine zarte, fast märchenhafte Wunschpoesie.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In den letzten Wochen seines Lebens, im Frühling 1934, widerfährt dem obdachlosen Andreas Kartak eine ganze Reihe von Wundern. Andreas stammt aus dem polnischen Schlesien und arbeitete einst, wie sein Vater, als Kohlenarbeiter. In Paris ist er zum Stadtstreicher geworden und nächtigt gewöhnlich unter den Brücken über die Seine.

Eines Tages leiht ihm ein fremder Herr zweihundert Francs. Andreas soll den Betrag bei der Statue der heiligen Therese von Lisieux in einer Pariser Kapelle hinterlegen. Doch der Trinker kommt nicht dazu, denn das Geld zerrinnt ihm immer wieder. Zugleich häufen sich erstaunliche Glücksfälle: Er findet Geld, trifft einen alten Schulkameraden, der für ihn sorgt, und begegnet Frauen, die ihm freundlich gesinnt sind. Über allem schwebt sein redlicher Vorsatz, die Schuld zu begleichen – und die Frage, ob er es schaffen wird.

Die Handlung im Detail↑

Andreas Kartak stammt aus Olschowice im polnischen Schlesien. Wie sein Vater arbeitete er als Kohlenarbeiter. Weil man in Frankreich Kohlenarbeiter suchte, ging er dorthin und schuftete in den Gruben von Quebecque. Einquartiert war er bei dem Ehepaar Schebiec. Er schlief mit der Frau, Karoline, wurde vom Ehemann ertappt und erschlug diesen in Notwehr. Dafür saß Andreas zwei Jahre im Gefängnis. Danach wurde er zum Pariser Stadtstreicher, der unter den Seine-Brücken nächtigt.

Das erste Wunder geschieht, als ein fremder Herr ihm zweihundert Francs leiht. Andreas soll den Betrag bei der Statue der heiligen Therese von Lisieux in der Kapelle Ste-Marie des Batignolles hinterlegen. Doch er vertrinkt das Geld. Er besinnt sich, verdient durch ehrliche Arbeit erneut zweihundert Francs – und vergeudet auch diese wieder. Zu dem Wunder, überhaupt Geld durch Arbeit zu verdienen, gesellen sich weitere: Andreas kauft eine gebrauchte Brieftasche und findet darin tausend Francs. Er begegnet einem ehemaligen Schulkameraden, der für ihn sorgt. Und auch Karoline, seine einstige Geliebte, läuft ihm über den Weg. Sie zieht mit ihm durch Paris und schläft mit ihm. Andreas aber macht sich aus dem Staube, weil sie gealtert ist. Das kann er sich leisten, denn die Wunder dauern an.

Ihm begegnen entgegenkommende junge Frauen und zutrauliche junge Mädchen. Eine heißt Therese. Der nicht ganz nüchterne Trinker hält sie für die erwähnte Heilige. Doch diese Therese ist aus Fleisch und Blut. Sie nimmt kein Geld von Andreas – im Gegenteil, sie schenkt ihm einen Hundertfrancschein. Das geschieht gerade, als der Trinker sich an der Theke den nächsten Pernod genehmigen möchte. Dazu kommt es nicht mehr: Andreas fällt um und stirbt. Der Erzähler schließt mit dem Wunsch: „Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!“

Stil↑

Geprägt ist die Erzählung von einer Sprache, die als vollkommene, vollendete Prosa gerühmt wurde. Von ihr geht eine vollkommene Ruhe aus, ja eine Abgeklärtheit. Roth erzählt das Schicksal seines Trinkers ohne Anklage und ohne Rührseligkeit, in einem ruhigen, fast schwebenden Ton. Schon der Titel weist auf die Form: Es ist eine Legende, eine Geschichte von Wundern, erzählt mit der Schlichtheit eines frommen Berichts. Die scheinbar mühelose Folge glücklicher Fügungen verleiht dem Werk den Charakter einer zarten, kindlichen Wunschpoesie. Der Erzähler tritt am Ende selbst hervor und schließt sich in seinem abschließenden Segenswunsch ausdrücklich mit den Trinkern zusammen.

Rezeption↑

Bewundert wurde an dem Werk vor allem die Sprache. In einer Rede aus dem Jahr 1989 hob Marcel Reich-Ranicki die „vollkommene, vollendete Prosa“ hervor, von der „vollkommene Ruhe, ja Abgeklärtheit“ ausgehe. Mehrere Deutungen betonen den persönlichen Hintergrund: Roth gelang die Legende 1939 in viermonatiger Arbeit, und er unterzog darin die eigene Trunksucht einer Selbstbeobachtung. Das Unverbesserliche am Gewohnheitstrinker wurde dabei ebenso herausgestellt wie die christlich-jüdische Färbung des Textes. In dem spendablen fremden Herrn wollte man Stefan Zweig erkennen. 1988 verfilmte Ermanno Olmi die Erzählung unter dem gleichen Titel.

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