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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Lehrlinge zu Sais
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Die Lehrlinge zu Sais
1802
– Werkseintrag –

Die Lehrlinge zu Sais

1802 · Roman

In einem ägyptischen Tempel ringen viele Stimmen um die eine Frage, ob der Mensch die geheime Schrift der Natur entziffern und so sich selbst erkennen kann.

Überblick

Das Romanfragment Die Lehrlinge zu Sais stammt von Novalis, mit bürgerlichem Namen Friedrich von Hardenberg. Es entstand in den Jahren 1798 und 1799 und erschien erst nach dem Tod des Autors im Jahr 1802, herausgegeben von Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck. Geplant war ein naturphilosophischer Roman, dessen Grundthema der Zusammenhang von Geist und Natur ist. Selbsterkenntnis und Naturerkenntnis gehören für Novalis untrennbar zusammen. Mit dem Begriff „Natur" meint er dabei nicht nur die physische Welt, sondern das gesamte Verhältnis des Menschen zur Welt. Vollendet hat Novalis das Werk nie, denn er wandte sich seinem bekannteren Roman Heinrich von Ofterdingen zu und starb früh.

Inhalt (ohne Spoiler)

Schauplatz des Geschehens ist der Tempel zu Sais. Eine äußere Handlung gibt es kaum. Stattdessen treten viele verschiedene Stimmen auf, die sich auf unterschiedliche Weise über die Natur und über deren Erkenntnis äußern.

Das Werk gliedert sich in zwei Teile. Der erste, kürzere trägt den Titel „Der Lehrling", der zweite, längere heißt „Die Natur". Im ersten Teil geht es um die Frage, ob die Natur eine geheime Schrift besitzt, die der Mensch entziffern kann. Ein Lehrer, ein Kind und ein ungeschickter Schüler treten auf. Im Mittelpunkt steht ein junger Lehrling, der mit den Ansichten der anderen ringt und seinen eigenen Weg zur Natur sucht.

Im zweiten Teil kommen mehrere miteinander streitende Auffassungen über die Natur zu Wort. Eine besondere Stellung nimmt ein eingelegtes Kunstmärchen ein: die Geschichte von Hyacinth und Rosenblüthe, zwei jungen Menschen, die sich in der Kindheit lieben, bis ein fremder Wanderer Hyacinth eine Sehnsucht nach der Ferne einpflanzt. Wer das Werk noch nicht kennt, kann es gefahrlos zur Hand nehmen, denn vieles bleibt ein offenes Gespräch über große Fragen.

Die Handlung im Detail

Der erste Teil, „Der Lehrling", beginnt mit einer Überlegung über die geheime Zeichenschrift der Natur. Danach treten der Lehrer, das Kind und der Ungeschickte auf. Den Abschluss bildet ein Selbstgespräch des Lehrlings: Er weist die zuvor geäußerten Ansichten zurück und erkennt, dass er seinen eigenen Weg finden muss. In der Figur des Lehrlings sah man möglicherweise ein Selbstbildnis des Novalis aus seiner Zeit an der Bergakademie Freiberg, in der Figur des Lehrers seinen dortigen Professor Abraham Gottlob Werner.

Der zweite Teil, „Die Natur", folgt einem dreigliedrigen Aufbau. Am Anfang steht ein einfacher Urzustand, in dem die Natur dem Menschen noch verständlich war. Darauf folgt ein Zeitalter der Entfremdung zwischen Mensch und Natur. Als drittes erscheint die Hoffnung auf eine Rückkehr dieses verlorenen Einklangs auf höherer Stufe. Anschließend werden vier verschiedene, teils widerstreitende Auffassungen von der Natur vorgetragen, darunter Anspielungen auf das vernunftbetonte Denken und auf die Philosophie Johann Gottlieb Fichtes. Der Lehrling gerät in Verwirrung, weil er jeder dieser Ansichten etwas Wahres abgewinnen kann. Da tritt ein heiterer Gespiele auf und sagt, der Philosophie fehle die rechte Stimmung, nämlich Liebe und Sehnsucht. Diese Gestalt erzählt das Märchen von Hyacinth und Rosenblüthe.

In dem Märchen leben Hyacinth und Rosenblüthe als Kinder glücklich und in gegenseitiger Liebe. Dieses Glück wird gestört, als ein fremder, alter Mann auftaucht und Hyacinth drei Tage lang von fernen Ländern und wunderbaren Dingen erzählt. Nach dem Besuch erkrankt Hyacinth an der Schwermut. Er lebt still und einsam vor sich hin, bis ihm eines Tages eine alte Frau im Wald erklärt, wie er Heilung finden kann. Hyacinth verlässt sein Zuhause und wandert durch die Natur, auf der Suche nach der verschleierten Jungfrau. Die zunächst fremde Natur wird ihm auf der Wanderung immer vertrauter. Schließlich erreicht er den Tempel der Isis und schläft dort ein. Im Traum gelingt es ihm, den Schleier der Göttin zu lüften. Dahinter erkennt er das höhere Wesen seiner geliebten Rosenblüthe, das zugleich sein eigenes höheres Ich bedeutet. Mit ihr lebt er von da an glücklich bis an sein Lebensende. Durch die Liebe vermag Hyacinth also hinter den Schleier zu blicken; am Ende seiner Entwicklung steht die Erkenntnis, dass Göttin und Geliebte eins sind.

Der dritte Abschnitt des zweiten Teils beginnt damit, dass die Natur selbst das Wort ergreift und sich darüber beklagt, dass den Menschen das Gefühl für die ursprüngliche Einheit fehlt. Es folgen vier Ansichten von Reisenden darüber, wie Mensch und Natur einander wieder näherkommen könnten. An dieser Stelle bricht der Roman ab. Die Reisenden, der Lehrling und der Lehrer treffen zusammen. Die Reisenden berichten von ihrer Suche nach der Ursprache, die sie nach Sais geführt hat. Der Lehrer erzählt von seinen Bemühungen, die Anlagen seiner Schüler zu erkennen und zu pflegen. Eine abschließende Lösung der aufgeworfenen Fragen gibt das Fragment nicht.

Stil

Bemerkenswert an dem Werk ist, dass es fast ohne äußere Handlung auskommt. An ihre Stelle treten Gespräche und Aussagen, die alle um ein gemeinsames Thema kreisen. Eine Vielzahl unterschiedlicher Stimmen äußert sich über die Natur, und die Grundidee besteht darin, diese vielen Vorstellungen in ein Gespräch miteinander zu verwandeln. Keine einzelne Stimme verkündet die endgültige Wahrheit; die Einheit des Werkes liegt gerade in seiner Stimmenvielfalt.

Beide Teile lassen sich in ein dreigliedriges Schema bringen, das jedoch keine festen Lösungen anbietet und in der Forschung verschieden bestimmt wird. Wiederkehrende Motive und Leitgedanken verknüpfen die einzelnen Abschnitte wie Fäden zu einem Gewebe. Dieses Bauprinzip ähnelt der Zusammensetzung der Natur selbst, sodass die Form des Romans das Thema widerspiegelt. Das Gewebe bleibt dabei bewusst offen: Das Universum erscheint als ein ewiges Gespräch, und der Leser ist eingeladen, dieses begonnene Gespräch fortzuführen. Eine Sonderstellung nimmt das eingelegte Kunstmärchen von Hyacinth und Rosenblüthe ein, das die Gedanken des Werkes in eine anschauliche Erzählung verdichtet.

Rezeption

Da das Werk ein Fragment geblieben ist, steht jede Deutung unter dem Vorbehalt, dass über seine endgültige Gestalt keine letzte Gewissheit besteht. Trotz vieler überlieferter Vorarbeiten lässt sich nicht sagen, wie Novalis den Roman vollendet hätte. Die Forschung sieht die Bedeutung des Werkes daher besonders in seiner offenen Form und in seinem vielstimmigen Aufbau.

Das Romanfragment ist auch über den deutschen Sprachraum hinaus aufgenommen worden. Im Jahr 2011 widmete sich ein internationales Symposium, veranstaltet von der University of Waikato und dem Waikato-Tainui College for Research and Development, unter dem Titel „In die Natur, Ki te Wheiao, Into Nature" den Verbindungen zwischen indigenen māorischen und frühromantischen Vorstellungen von Natur und Sprache. Die Idee einer sprechenden Natur und der Gedanke, dass Naturphänomenen wie Flüssen ein eigener Status zukommt, fanden auch Eingang in das neuseeländische Recht. Im Jahr 2017 erhielt der Whanganui River als erster Fluss überhaupt den Rechtsstatus einer juristischen Person; das Gesetz erklärt ihn zu einem ganzheitlichen Wesen.

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