1772 – 1801
Novalis
Kurzporträt↑
Novalis, mit bürgerlichem Namen Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (1772–1801), gilt als einer der wichtigsten Dichter und Denker der deutschen Frühromantik. Sein Werk ist schmal und größtenteils unvollendet. Dazu gehören die Hymnen an die Nacht, der Romanfragment Heinrich von Ofterdingen mit der berühmten blauen Blume, die Fragmentsammlungen und die Rede Die Christenheit oder Europa. Es entstand in nur wenigen Jahren, bevor er mit 28 Jahren an einem Lungenleiden starb. Hardenberg verband dichterische Arbeit mit einer naturwissenschaftlichen und juristischen Bildung. Tagsüber übte er das Amt eines Salinenassessors aus. Die Nachwelt sah lange den schwärmerischen Jüngling, der seiner früh verstorbenen Verlobten Sophie von Kühn nachtrauerte. Erst spät wurde der hochgebildete Theoretiker neben dem Dichter wahrgenommen.
Biografie↑
Friedrich von Hardenberg wurde am 2. Mai 1772 auf Schloss Oberwiederstedt in der Grafschaft Mansfeld geboren, das damals unter kursächsischer Verwaltung stand. Er entstammte einem alten niedersächsischen Adelsgeschlecht. Sein Vater Heinrich Ulrich Erasmus von Hardenberg war ein streng pietistischer Mann und Mitglied der Herrnhuter Brüdergemeine. Der frühe Tod seiner ersten Frau hatte ihn als göttliche Strafe für ein weltliches Vorleben erscheinen lassen. Aus der zweiten Ehe mit Auguste Bernhardine, geborene von Bölzig, gingen elf Kinder hervor. Friedrich war das zweitgeborene. Getauft wurde er auf die Namen Georg Philipp Friedrich. Gerufen wurde er nach damaligem Brauch beim letzten Vornamen, also Friedrich oder kurz Fritz.
1784 wurde der Vater zum Direktor der Salinen in Dürrenberg, Artern und Kösen ernannt. 1786 zog die Familie nach Weißenfels. Als Zwölfjähriger verbrachte Friedrich fast ein Jahr bei seinem Onkel Friedrich Wilhelm von Hardenberg, dem Landkomtur des Deutschen Ordens, auf der Deutschordenskommende Lucklum. Dessen weltmännischer Lebensstil bildete einen starken Kontrast zur Frömmigkeit des Elternhauses und prägte ihn nachhaltig. Zunächst unterrichteten ihn Hauslehrer, unter anderem 1781/82 Carl Christian Erhard Schmid. 1790 besuchte Hardenberg die Prima des Gymnasiums in Eisleben unter Rektor Christian David Jani. Dort erlernte er Rhetorik und antike Literatur.
Im Oktober 1790 begann er ein Jurastudium in Jena, das er in Leipzig und Wittenberg fortsetzte. In Jena lernte er Schillers Geschichtsvorlesung kennen und kam ihm persönlich nahe. Er begegnete Goethe, Herder und Jean Paul. In Leipzig schloss er Freundschaft mit Friedrich Schlegel – ein Verhältnis, das für die spätere Jenaer Frühromantik bestimmend werden sollte. Auch mit Ludwig Tieck, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und August Wilhelm Schlegel war er befreundet. Im Juni 1794 schloss er sein Jurastudium mit bestem Examen ab.
Statt in den geplanten Staatsdienst zu wechseln, trat Hardenberg im Oktober 1794 als Aktuarius bei Kreisamtmann Coelestin August Just in Tennstedt in den Dienst. Just wurde ihm Vorgesetzter, Freund und später Biograph. Im nahen Schloss Grüningen lernte er Sophie von Kühn kennen. Am 15. März 1795 verlobte er sich mit ihr, kurz vor ihrem 13. Geburtstag. Am 19. März 1797 starb Sophie qualvoll im Alter von nur 15 Jahren – ein Erlebnis, das sein dichterisches Werk tief prägte. Im Januar 1796 war er Akzessist an der Lokalsalinendirektion in Weißenfels geworden.
1795/96 setzte sich Hardenberg intensiv mit der Wissenschaftslehre Johann Gottlieb Fichtes auseinander. Deren „Ich" dachte er zu einem gleichwertigen „Du" um und legte so die Grundlage einer Liebesreligion. 1797 nahm er an der Bergakademie in Freiberg ein Studium der Montanwissenschaften auf, einer der damals führenden naturwissenschaftlichen Hochschulen. Er studierte bei Wilhelm August Lampadius und vor allem bei Abraham Gottlob Werner, mit dem er sich freundschaftlich verband. Das Studium umfasste Bergwerkskunde, Mathematik, Chemie und praktische Grubenarbeit.
1798 erschienen im Athenaeum, der Zeitschrift der Brüder Schlegel, seine ersten Fragmente unter dem Titel Blüthenstaub – erstmals unter dem Pseudonym Novalis. Den Namen wählte er nach einem alten Beinamen seiner Familie: „de novali", vom Neuland, abgeleitet vom Gut Großenrode oder „magna Novalis" bei Nörten-Hardenberg. Im Dezember 1798 verlobte er sich ein zweites Mal, mit Julie von Charpentier, der Tochter des Freiberger Berghauptmanns Johann Friedrich Wilhelm von Charpentier.
Ab Pfingsten 1799 arbeitete Novalis wieder bei der Lokalsalinendirektion. Im Dezember wurde er zum Salinenassessor und Mitglied des Salinendirektoriums ernannt. In dieser Funktion war er an der Erschließung der Braunkohlelagerstätten in der Gegend des heutigen Tagebaus Profen beteiligt, denn Braunkohle befeuerte die Salzpfannen. Im Spätherbst 1799 traf er in Jena auf die übrigen Schriftsteller der Jenaer Romantik. Am 6. Dezember 1800 wurde der 28-Jährige zum Supernumerar-Amtshauptmann für den Thüringischen Kreis ernannt – eine Anwartschaft, vergleichbar mit der Stellung eines heutigen Landrats. 1800 war er außerdem an der ersten geologischen Vermessung der Region zwischen Zeitz, Köstritz, Gera, Ronneburg und Meuselwitz beteiligt.
Bereits ab August 1800 war Novalis unheilbar an einem Lungenleiden erkrankt, das ihm die Berufsausübung unmöglich machte. Am 25. März 1801 starb er gegen 13 Uhr in Weißenfels an einem Blutsturz infolge der „Schwindsucht", also Tuberkulose. Neuere Forschungen vermuten allerdings, dass die Erbkrankheit Mukoviszidose die eigentliche Todesursache war. Denn schon als Kind hatte er unter Lungenentzündungen und allgemeiner Körperschwäche gelitten. Beigesetzt wurde er auf dem Alten Friedhof in Weißenfels. Zu Lebzeiten hatte er nur die Blüthenstaub-Fragmente, die Sammlung Glauben und Liebe oder Der König und die Königin (1798) und die Hymnen an die Nacht (1800) gedruckt gesehen. Die Werke Heinrich von Ofterdingen, Die Lehrlinge zu Sais und Die Christenheit oder Europa wurden erst posthum von Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel veröffentlicht.
Literarische Merkmale↑
Im Zentrum von Novalis' Schaffen steht der Versuch, Wissenschaft und Poesie miteinander zu verbinden und die Welt poetisch zu durchdringen – das Programm der „Romantisierung der Welt" und der „progressiven Universalpoesie". Schon das Jugendwerk zeigt einen außerordentlich belesenen Autor. Sein Werk umfasst neben Dichtungen, Fragmenten und Essays eine Fülle von Aufzeichnungen zu Geschichte, Politik, Philosophie, Religion, Ästhetik und Naturwissenschaft.
Ausgehend von Kant und Fichte entwarf Novalis eine neue Ästhetik. Diese ahmt nicht mehr die Natur nach, sondern bringt aus eigener Kraft Bilder und Stimmungen hervor. Kunst war für ihn die Fähigkeit, „bestimmt und frey zu produciren". Die Einbildungskraft galt ihm als der „wunderbare Sinn, der uns alle Sinne ersetzen kann". Diese Produktionsästhetik wirkt weit über ihn hinaus bis zu Coleridge, Baudelaire und in die Moderne. Zusammen mit Friedrich Schlegel formte er das Fragment zur eigenständigen literarischen Gattung. Seine Aufzeichnungen aus den Jahren 1798/99, das sogenannte Allgemeine Brouillon, gehen den Zusammenhängen aller Künste und Wissenschaften nach – eine Art Enzyklopädie aus dichterischem Geist.
Vielen seiner Werke liegt eine sogenannte Triadenstruktur zugrunde: drei aufeinander bezogene Strukturelemente, in denen sich der Augenblick der Entscheidung immer wieder neu darstellt, also Lessings Begriff des Kairos. Damit verbindet sich ein Bildungsgedanke. Er begreift den Menschen als ständig Werdenden, der einer ursprünglichen Harmonie von Mensch und Natur entgegenstrebt.
Religiös sucht Novalis im Zeitalter der mechanistischen Aufklärung eine neue Spiritualität. Sie knüpft an das Christentum an, soll aber frei von kirchlichem Zwang sein. Er folgt darin Friedrich Daniel Schleiermacher und nähert sich pantheistischen Gedanken Spinozas. Seit 1800 setzt er sich intensiv mit dem Mystiker Jakob Böhme auseinander. Mystische Weltsicht, hohe Bildung und pietistische Prägung verschmelzen in dem Versuch, eine neue Auffassung von Glaube und Gott zu gewinnen. Aus dieser Spannung gehen auch die Geistlichen Lieder hervor. Einige davon fanden Eingang in lutherische Gesangbücher, etwa Wenn alle untreu werden und Wenn ich ihn nur habe.
In der Lyrik gelten die Hymnen an die Nacht, 1800 im Athenaeum erschienen, als Höhepunkt seines Schaffens. Die sechs Hymnen verweben Eigenes mit Erdachtem. Im Bild der Nacht werden Leben und Tod zu ineinandergreifenden Bereichen, der Tod erscheint als „das romantisierende Prinzip des Lebens". Eine universale Mittlerreligion entfaltet sich zwischen Mensch und Göttlichem: Mittler kann Christus sein, aber auch die verstorbene Geliebte. Die Hymnenpaare steigern sich stufenweise und vermitteln immer höhere Erfahrungsebenen.
In der Prosa stehen die Romanfragmente Heinrich von Ofterdingen und Die Lehrlinge zu Sais für die Idee einer dichterisch zu vermittelnden Weltharmonie. Aus dem Ofterdingen-Roman stammt die blaue Blume, die zum Sinnbild der ganzen Romantik wurde. Ursprünglich war das Werk als Gegenstück zu Goethes Wilhelm Meister geplant, den Novalis als „gegen die Poesie gerichtet" ablehnte. Die Rede Die Christenheit oder Europa, schon 1799 entstanden, entwirft ein neues Europa auf den Grundfesten eines „poetischen Christentums", das Einheit und Freiheit zur Symbiose führt.
Rezeption↑
Die ersten umfassenden Ausgaben seines Werkes besorgten Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck 1802 und 1837 in Berlin. Den dritten Band gaben Tieck und Eduard von Bülow 1846 heraus. Schon bald nach dem frühen Tod entstand ein bestimmtes Bild: das des frühvollendeten Jünglings, dem die Braut entrissen wurde und der ihr nachstarb. Tieck und andere Zeitgenossen wie Henrik Steffens prägten dieses Bild. Für Tieck war Hardenberg „die reinste und lieblichste Verkörperung eines hohen unsterblichen Geistes". Das gesamte Werk wurde lange stark biographisch im Licht des frühen Todes Sophies von Kühn ausgedeutet.
Karoline von Günderrode verehrte Novalis und lehnte sich in ihren eigenen Gedichten an ihn an. Die Brüder Schlegel und andere Frühromantiker lasen ihn früh und intensiv. Heinrich Heine erarbeitete sich einen eigenen Zugang, würdigte ihn aber nur spärlich. Eichendorff räumte ihm in seiner Literaturgeschichte einen Platz ein. Eichendorffs Jugendfreund Otto von Loeben war ein glühender Verehrer Hardenbergs und lehnte sich in der Lyrik stark an ihn an. Auch Philosophen und Kulturtheoretiker wie Hegel, Wilhelm Dilthey und Rudolf Haym arbeiteten sich an seinem Werk ab. Thomas Mann sah in ihm später, in seiner Wendung zum Vernunftrepublikaner, einen Gewährsmann für die Symbiose von Republik und Kunst.
Zugleich rief die Novalis-Legende früh Kritik hervor. An ihr entzündete sich der Spott Heines und des Jungen Deutschland. Sein Brotberuf im Bergbau und die zugehörigen Salinenschriften wurden lange kaum beachtet. Schon Justinus Kerner schrieb an Uhland, es störe, „wenn man sich den Novalis als Amtshauptmann oder als Salzbeisitzer denkt". Erst nach 1960 begann die Germanistik, allen voran Gerhard Schulz und Hans-Joachim Mähl, den Arbeitsalltag des vermeintlichen Schwärmers nachzuvollziehen. Besonders kritisch sieht die Forschung die Rezeption während der NS-Diktatur und in der frühen DDR-Literaturwissenschaft.
Seine Wirkung reicht weit über die deutsche Literatur hinaus. Laut der Deutschen Biographie sind seine Einflüsse auf den französischen Symbolismus, auf Keats und Poe, Nerval und Maeterlinck sowie auf Hofmannsthal, Musil und Benn vielfach belegt. Die moderne Lyrik beruft sich auf ihn als Ahnherrn, und der moderne Roman verdankt seinen kunsttheoretischen Überlegungen wichtige Anstöße. Wagners Musikdrama Tristan und Isolde ist ohne die Umdeutung der Nacht in den Hymnen an die Nacht nicht denkbar. Die Gesänge des Bergmanns aus dem Heinrich von Ofterdingen fanden Eingang in bergmännische Liedersammlungen, einzelne Geistliche Lieder wurden Teil lutherischer Gesangbücher, und zahlreiche Vertonungen seiner Gedichte entstanden. Rudolf Steiner deutete sein Werk intensiv aus, und Anthroposophen beschäftigen sich bis heute mit einer eigenen Interpretation seiner Weltsicht. Die Kanonisierung als Schul- und Studienlektüre sicherte schließlich seine breite Wirkung. Die Deutsche Biographie fasst die späte Entdeckung Hardenbergs als hochintellektueller Dichter und Theoretiker so zusammen, dass bei ihm Romantik und Modernität nahe beieinanderliegen.
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