1859 – 1952
Knut Hamsun
Kurzporträt↑
Knut Hamsun (1859–1952) gilt als einer der bedeutendsten norwegischen Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts. Er ist ein Hauptvertreter des Übergangs von Spätromantik und Naturalismus zur klassischen Moderne. Bekannt wurde er 1890 mit dem Roman Hunger. Für Segen der Erde (1917) erhielt er 1920 den Literaturnobelpreis. Sein literarischer Ruhm wird von seinem offenen Eintreten für den Nationalsozialismus überschattet, das in einem distanzlosen Nachruf auf Hitler vom Mai 1945 gipfelte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zwangsweise untergebracht und enteignet. Wegen Kollaboration mit den deutschen Besatzern wurde er zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.
Biografie↑
Knut Hamsun wurde am 4. August 1859 als viertes von sieben Kindern der Kleinbauern Peder Pedersen und Tora Olsdatter geboren. Drei Wochen nach seiner Geburt wurde er in der Stabkirche von Garmo auf den Namen Knud Pedersen getauft. Der Vater war zusätzlich als Dorfschneider tätig. Über den genauen Geburtsort gibt es widersprüchliche Angaben. Die Deutsche Biographie nennt Lom, Wikidata verzeichnet Vågå als Geburtsort. Wikipedia spricht von Garmo bzw. Garmostrædet bei Lom oder Vågå im damaligen Fylke Oppland.
1863 zog die Familie nach Hamarøy in Nordland und kaufte dort den kleinen Hof Hamsund. Die rückständige, fast feudale Gesellschaft mit ihren patriarchalischen Beziehungen zwischen Herren und Untergebenen hat Hamsuns konservative Grundeinstellung mit bedingt. Als Neunjähriger kam er für mehrere Jahre zu seinem Onkel Hans Ohlsen nach Presteid, bei dem die Eltern verschuldet waren. Dort musste er Hilfsdienste im Pfarrhof leisten und aus dem Bibelboten vorlesen. Rückblickend bezeichnete er diese Zeit als Martyrium. Nach der Konfirmation arbeitete er bei dem Kaufmann Walsøe in Tranøy als Ladengehilfe und kritzelte dort seine ersten Verse auf die Türrahmen. 1875 begab sich der Sechzehnjährige auf Wanderschaft durch Norwegen. Er arbeitete als Hafenarbeiter, fahrender Händler und Gemeindeschreiber.
Seine ersten literarischen Versuche unternahm Hamsun 1877 mit Den Gaadefulde (Der Rätselhafte) und 1878 mit der Bauernnovelle Björger. 1882 wanderte er in die USA aus. Dort arbeitete er unter anderem als Straßenbahnschaffner in Chicago, als Farmarbeiter, Handlungsgehilfe und Sekretär. 1885 kehrte er, an einer schweren Lungenentzündung erkrankt, nach Norwegen zurück. Nach seiner Genesung versuchte er kurzzeitig, als Journalist in Kristiania (Oslo) zu arbeiten. 1886 reiste er erneut in die USA und kehrte 1888 endgültig zurück. Den "American Way of Life" lehnte er von vornherein ab. Das schlug sich in mehreren Essays nieder, darunter Fra det moderne Amerikas Aandsliv (1899). Der Name Hamsun entstand übrigens nach und nach. 1878 fügte er dem Vatersnamen den Hofnamen Hamsund hinzu. 1885 tauchte – angeblich durch einen Druckfehler – erstmals die Form Hamsun auf, die er fortan beibehielt.
1890 erschien sein Roman Sult (Hunger), der ihm erste literarische Anerkennung brachte. In den folgenden Jahren lebte er mehrere Jahre in Paris und unternahm Reisen nach Finnland, Russland, in die Türkei und nach Persien. 1892 folgte Mysterier (Mysterien), 1893 Redaktør Lynge, 1894 mit Pan eines seiner Hauptwerke. Zwischen 1895 und 1898 entstand seine Dramen-Trilogie An des Reiches Pforten, Spiel des Lebens und Abendröte. 1898 erschien der Roman Victoria. Im selben Jahr heiratete er Bergljot Bech, von der er sich 1906 wieder scheiden ließ. Aus der Ehe ging die Tochter Victoria (1902–1980) hervor.
1909 heiratete Hamsun die 22 Jahre jüngere Schauspielerin Marie Andersen, die als Kinderbuchautorin unter dem Namen Marie Hamsun bekannt wurde. Das Paar bekam vier Kinder: Tore (geboren 1912), Arild (1914), Ellinor (1916) und Cecilia (1917). 1911 erwarb Hamsun einen Hof in Hamarøy. Es entstanden die Wandertrilogie Unter Herbststernen (1906), Gedämpftes Saitenspiel (1909) und Die letzte Freude (1912) sowie die Romane Kinder ihrer Zeit (1913) und Die Stadt Segelfoß (1915). 1917 erschien sein bekanntester Roman, Markens Grøde (Segen der Erde), für den er 1920 den Literaturnobelpreis erhielt. Im selben Jahr zog er nach Südnorwegen. Es folgten Die Weiber am Brunnen (1920) und Das letzte Kapitel (1923). Diesem wurde eine Ähnlichkeit zum 1924 erschienenen Zauberberg des Hamsun-Verehrers Thomas Mann bescheinigt. Zwischen 1927 und 1933 entstand die August-Trilogie (Landstreicher, August Weltumsegler, Nach Jahr und Tag). 1936 erschien sein letzter Roman Der Ring schließt sich.
Hamsun war ein großer Bewunderer Deutschlands und ein entschiedener Gegner des britischen Imperialismus und des Kommunismus. Bereits im Ersten Weltkrieg trat er öffentlich für die deutsche Position ein. In der Zeit des Nationalsozialismus stellte er sich in Zeitungsartikeln hinter die Politik Hitlers, während seine literarische Produktion zum Erliegen kam. 1935 griff er Carl von Ossietzky scharf an und rechtfertigte die Errichtung von Konzentrationslagern. Die Entrechtung der Juden im Deutschen Reich verteidigte er ebenso öffentlich. 1936 rief er zur Wahl Vidkun Quislings auf. Während der deutschen Invasion 1940 appellierte er an seine Landsleute, das Gewehr wegzuwerfen. 1943 besuchte er Joseph Goebbels in Berlin und schenkte ihm seine Nobelpreis-Medaille. Am 26. Juni 1943 traf er Hitler auf dem Obersalzberg, wo er vergeblich auf eine Ablösung des Reichskommissars Josef Terboven drängte. Am 7. Mai 1945 erschien in der Aftenposten sein Nachruf auf Hitler, in dem er den Diktator als "reformatorische Persönlichkeit" würdigte.
Nach Kriegsende wurde Hamsun wegen seines Alters nicht in Untersuchungshaft genommen. Er kam zunächst in ein Altersheim in Landvik, dann zur Begutachtung in die psychiatrische Klinik in Vinderen. Die Einschätzung als "dauernd seelisch geschwächt" sollte ihn entlasten, doch er bestand auf einem Gerichtsprozess. Am 16. Dezember 1947 verurteilte ihn das Amtsgericht Grimstad zu einer Entschädigung von 425.000 Kronen. Im Revisionsverfahren 1948 wurde die Summe auf 325.000 Kronen reduziert – Beträge, die den finanziellen Ruin der Familie bedeuteten. Mit seiner Verteidigungsschrift und seinem letzten Buch Auf überwachsenen Pfaden (1949) bewies er, dass er noch keineswegs unzurechnungsfähig war. Nach seinem 90. Geburtstag setzte ein starker körperlicher und geistiger Verfall ein. Er starb am 19. Februar 1952 92-jährig auf seinem Gut Nørholm bei Grimstad. In dessen Garten wurde auch seine Urne beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Hamsuns Werk steht am Übergang von Spätromantik und Naturalismus zur klassischen Moderne. Sein Durchbruchsroman Hunger (1890) machte ihn zum Vertreter der Moderne in Norwegen. In der mittleren Schaffensperiode rückte er die individuelle Entwicklung weniger Hauptfiguren in den Mittelpunkt. Mysterien stellt die Zerrissenheit eines Menschen dar. Pan wurde anfänglich als Glorifizierung der Natur gelesen, doch konterkariert Hamsun diese Stimmung im zweiten Teil des Buches selbst.
Mit Redaktør Lynge (1893) trat er zugleich als kritischer Beobachter hervor und nahm das Pressewesen der norwegischen Hauptstadt aufs Korn. Die Wandertrilogie (1906–1912) – Unter Herbststernen, Gedämpftes Saitenspiel und Die letzte Freude – kreist um einen Wanderer, der sich nicht binden will. Diese Bücher sind zugleich die letzten in der Ich-Form geschriebenen Werke.
Die späteren Romane zeigen jeweils eine Vielzahl von Figuren in ihren gesellschaftlichen Verflechtungen. Der Erzähler spricht hier in der dritten Person. In Kinder ihrer Zeit (1913) und Die Stadt Segelfoß (1915) beschreibt Hamsun den Untergang der alten Gutsbesitzerfamilien und den Aufstieg neuer Gruppen. Segen der Erde (1917) erzählt die Geschichte eines tugendhaften Ödlandbauern, der sein Land urbar macht und von den Früchten seiner Arbeit lebt. In Die Weiber am Brunnen (1920) wird Selbstbetrug als Überlebensstrategie zum Thema. Das letzte Kapitel (1923) spielt in einem Sanatorium. Die August-Trilogie (1927–1933) behandelt Auswanderung, Heimat und Industrialisierung in Norwegen. Sein letzter Roman Der Ring schließt sich (1936) knüpft an Hunger an und stellt am Beispiel eines jungen Totalverweigerers alle traditionellen Werte in Frage.
Rezeption↑
Hamsuns Werk wurde vor allem in Deutschland begeistert aufgenommen, wo um 1900 eine starke Vorliebe für alles Nordische bestand. Bereits 1910 erschien dort seine erste Biographie. Zu seinen Verehrern gehörten Thomas Mann, Hermann Hesse, Robert Musil, Arthur Schnitzler, Jakob Wassermann, Stefan Zweig, Martin Buber, Arnold Schönberg und Alfred Einstein. Sie alle trugen zur Festschrift bei, die zu Hamsuns 70. Geburtstag in Deutschland erschien. An der norwegischen Festschrift desselben Anlasses wirkten Maxim Gorki, Gerhart Hauptmann, Heinrich Mann, Tomáš Garrigue Masaryk und André Gide mit. Weitere Verehrer waren Ernest Hemingway, Franz Kafka, John Galsworthy, Henry Miller und der junge Bertolt Brecht. Kurt Tucholsky bekannte am 1. Januar 1928 in der Vossischen Zeitung: "Kurt Tucholsky liebt … Hamsun". Seine Haltung schlug jedoch mit Hamsuns offensiver Hinwendung zum Nationalsozialismus in massive Enttäuschung um.
Hamsuns Kollaboration mit den Nationalsozialisten und seine Uneinsichtigkeit in den letzten Lebensjahren sind das Thema von Tankred Dorsts Theaterstück Eiszeit aus dem Jahr 1973. Dieses wurde 1975 unter Leitung von Peter Zadek verfilmt. Der Charakter der ideologischen Nähe Hamsuns zum Nationalsozialismus ist in der Rezeption umstritten. Teils werden gemeinsame Werte von Rasse, Mythos, Blut und Boden, Disziplin und Abenteuer betont, teils dagegen die Ablehnung des Bürgertums als Bindeglied zu Hitler gesehen.
Von 1955 bis 1978 bestand eine deutsche Knut-Hamsun-Gesellschaft. 1988 wurde in Norwegen die Hamsun-Gesellschaft gegründet. Der Film Hamsun (1996) mit Max von Sydow und Ghita Nørby behandelt die letzten 17 Jahre seines Lebens. Zum 150. Geburtstag 2009 erschien die in Norwegen sehr erfolgreiche Biografie von Ingar Sletten Kolloen, die 2011 auf Deutsch im Landt Verlag herauskam. 2010 wurde das vom amerikanischen Architekten Steven Holl entworfene Hamsun-Zentrum in Presteid in der nordnorwegischen Gemeinde Hamarøy als Literaturhaus und Dokumentationszentrum eröffnet.
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