1800
Hymnen an die Nacht
Überblick↑
Der Gedichtzyklus Hymnen an die Nacht stammt von Friedrich von Hardenberg, der sich als Dichter Novalis nannte. Er gilt als die bedeutendste Dichtung der deutschen Frühromantik. Der Zyklus erschien 1800 in der letzten Ausgabe der Zeitschrift Athenäum. Es ist das einzige größere Werk, das Novalis zu Lebzeiten vollendet und veröffentlicht hat. Zusammen mit den Geistlichen Liedern bilden die sechs Hymnen den Höhepunkt seines lyrischen Schaffens. In ihnen verbindet Novalis persönliches Erleben, christliche Überlieferung und eine eigene, neu erfundene Bilderwelt. So entsteht eine Dichtung, die das Verhältnis von Tag und Nacht, Licht und Dunkel, Leben und Tod auf den Kopf stellt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Sechs Hymnen bilden den Zyklus, der sich in drei Paare gliedert. In jedem Paar folgt auf eine erhabene, visionäre Schilderung eine ernüchterte Rückkehr ins Alltägliche. Zugleich bleibt die Sehnsucht, die Vision wieder zu erreichen.
Die erste Hymne beginnt mit einem Lob des Lichts, das alles Lebendige durchdringt. Doch das lyrische Ich wendet sich von dieser hellen, vertrauten Welt ab und entdeckt die Nacht. Was zunächst als Einsamkeit und Leere erscheint, verwandelt sich in ein Gefühl der Geborgenheit. Die Nacht wird zur Mutter, zum Raum der Liebe und zur Heimat einer Geliebten, die als „Sonne der Nacht“ erscheint.
Die zweite Hymne führt zurück in den hellen Tag und seine Geschäftigkeit. Doch das Ich weiß nun, dass die Herrschaft des Lichts begrenzt ist. Es zählt jene Augenblicke auf, in denen sich die Nacht auch am Tage öffnet, durch Wein, Schlaf, Liebe oder alte Geschichten aus einer goldenen Zeit.
Die dritte Hymne wechselt vom Allgemeinen ins Persönliche. Das Ich erinnert sich an einen Augenblick tiefen Schmerzes an einem Grab. Es erinnert sich auch an eine geistige Erfahrung, die diesen Schmerz verwandelt. Die vierte Hymne kehrt erneut zum Tagwerk zurück, jetzt jedoch im Vertrauen darauf, dass hinter aller Arbeit ein heiliges Ziel wartet. Die beiden letzten Hymnen führen den Gedanken auf eine umfassendere, geschichtlich und religiös getönte Ebene weiter. Den Eindruck davon sollte sich der Leser hier aber nicht vorab nehmen lassen.
Die Handlung im Detail↑
Der Zyklus besteht aus sechs Hymnen, die zwei verschiedene Fassungen kennen: eine handschriftliche Versfassung von Ende 1799 oder Anfang 1800 und die wenig später entstandene Druckfassung in rhythmisierter Prosa mit eingestreuten Versen. Novalis selbst hatte für die Druckfassung den Titel Die Nacht vorgesehen und sie als endgültige Gestalt ausgewählt; die Forschung folgt deshalb meist der Athenäumsfassung. Die sechs Hymnen lassen sich in drei Teile zu je zwei Hymnen ordnen. Jede der ersten Hymnen eines Paares zeichnet ein dreistufiges Modell, vom irdischen Reich des Lichts über schmerzhafte Entfremdung bis zur Befreiung in der ewigen Nacht. Die jeweils zweite Hymne schildert das Aufwachen aus dieser Vision und die Sehnsucht, dorthin zurückzukehren. Die drei Zyklen sind als Steigerung angelegt.
Die erste Hymne beginnt mit einem Lob des Lichts als Prinzip des Lebens. Alles in der Natur atmet das Licht, auch der Mensch, der dabei jedoch als Fremdling erscheint. Im zweiten Teil setzt die Nacht dem Licht ein anderes Reich entgegen, zunächst geprägt von Einsamkeit, Leere und gescheiterten Hoffnungen. Das lyrische Ich, das erst nach der Erwähnung der Nacht auftritt, empfindet Sehnsucht nach dem Licht. Im dritten Abschnitt aber kehrt sich diese Sehnsucht um. Die Nacht wird als Geborgenheit und Neugeburt erfahren, als Element allen Lebens. Sie wird zum Raum der Liebe. Die Mutter Nacht, von Novalis als „Weltkönigin“ personifiziert, gibt das Ich an eine Gesandte weiter, die Geliebte, mit der die ewige Brautnacht vollzogen wird. Die Geliebte heißt „Sonne der Nacht“, eine Verbindung aus Licht und Nacht, die schon auf die Aufhebung aller Grenzen vorausweist. Bemerkenswert ist die Umkehrung der gewohnten Werte: Das Licht, in der christlichen Tradition wie in der Aufklärung positiv besetzt, wird herabgesetzt; die Nacht wird emporgehoben und zum heiligen Raum religiöser Erfahrung.
Die zweite Hymne führt zur Ernüchterung, denn auf die Nacht folgt stets der Morgen. Das Ich beklagt die Geschäftigkeit des Tagwerks, erkennt aber, dass die Herrschaft des Lichts begrenzt, die der Nacht hingegen zeitlos und raumlos ist. Es geht nicht um die Nacht als bloße Schlafenszeit, sondern um eine symbolische Größe. Der Eingeweihte kann der Nacht auch am Tag begegnen: im Rausch des Weines, in der betäubenden Wirkung des Bittermandelöls, im Opiumrausch, der hier „dem braunen Safte des Mohns“ heißt, in der körperlichen Liebe und im Zauber alter Geschichten aus der goldenen Zeit. Dieser höhere Schlaf steht im Gegensatz zum Schlaf des Philisters, der ihn nur als Torheit missverstehen kann.
Die dritte Hymne wechselt vom Allgemeinen ins Persönliche. Das Präsens weicht dem Präteritum einer Ich-Erzählung. Der Sprecher steht aufgelöst in Schmerzen am Grab seiner Geliebten und erfährt dort ein mystisches Erlebnis, in dem Raum und Zeit aufgehoben werden. Er erlebt eine geistige Neugeburt, sieht die Geliebte in einer Vision und gewinnt die Gewissheit, dass am Ende das ewige Bündnis mit ihr steht. Die ewige Brautnacht wird erneut beschworen. Diese Hymne gilt seit langem als sogenannte „Urhymne“, weil Novalis hier nahezu wörtlich aus seinem Tagebuch vom 13. Mai 1797 zitiert, in dem er ein außergewöhnliches Erlebnis am Grab Sophie von Kühns festgehalten hat: „Abends ging ich zu Sophieen. Dort war ich unbeschreiblich freudig – aufblitzende Enthusiasmus Momente – Das Grab blies ich wie Staub, vor mir hin – Jahrhunderte waren wie Momente – ihre Nähe war fühlbar – ich glaubte sie solle immer vortreten." Die Forschung geht davon aus, dass Novalis sich beim Schreiben bewusst an diesen Augenblick erinnerte und ihn nachträglich zu einer Initiation auf eine höhere Erkenntnisebene ausgestaltete. Tod, Liebe und höhere Welt erschließen sich dem Ich in einem einzigen Augenblick.
Die vierte Hymne knüpft an die zweite an. Das Ich klagt nicht mehr über das Tagwerk, sondern ist bereit, es im Fleiß zu erfüllen, während das Herz der Nacht treu bleibt. Es weiß um einen letzten Morgen, nach dem die Nacht und die Teilhabe am höheren Sein ewig sein werden. Der Weg dorthin erscheint als Wallfahrt zum heiligen Grab unter der Last des Kreuzes. Privatmythologie und biblisch-christliche Vorstellungen verschmelzen: Das heilige Grab ist sowohl das Grab der Geliebten als auch das Grab Christi, die Geliebte ist auferstanden wie auch Christus. Im Ich entsteht daraus eine neue Sicherheit. Die fünfte und sechste Hymne setzen diese Bewegung fort und führen sie ins Geschichtliche und Religiöse, wobei besonders die fünfte Hymne an Schillers Gedicht Die Götter Griechenlands anknüpft.
Stil↑
Die endgültige Druckfassung ist überwiegend in rhythmisierter Prosa geschrieben, enthält aber auch Versteile. Damit unterscheidet sich die Athenäumsfassung deutlich von der handschriftlichen Erstfassung, die durchgehend in Versen abgefasst war. Die Prosafassung zielt weniger auf das Subjektive und Private. Sprecher ist nicht Novalis selbst, sondern ein lyrisches Ich. In ihm schwingen dennoch viele autobiographische Spuren mit.
Auffällig ist die strenge Komposition. Sechs Hymnen ordnen sich zu drei Paaren. In ihnen wechseln sich Vision und Ernüchterung ab, und das Erkennen steigert sich Stufe um Stufe. Sprachlich arbeitet Novalis mit dem Gegensatz von Licht und Nacht auch im Klang. Die Beschreibungen des Lichts häufen kurze, helle Vokale wie i und ü, die der Nacht lange, dunkle Laute wie a und u. Bilder, Personifikationen und Anrufungen verbinden sich zu einer eigenen, frühromantischen Mythologie, in der Privatmythologie und christliche Überlieferung verschmelzen. Die Geliebte wird zur Mittlerin zwischen Mensch und Göttlichem, der Tod zur Schwelle eines höheren Lebens, das Grab zum heiligen Ort.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten Novalis' nahm der Zyklus eine besondere Stellung ein. Denn er war das einzige größere Werk, das der Dichter selbst zum Druck brachte. Die Forschung sieht in den Hymnen an die Nacht zusammen mit den Geistlichen Liedern den Höhepunkt seiner Lyrik und die bedeutendste Dichtung der Frühromantik. Als Anregungen werden Mystik und Pietismus genannt, außerdem Edward Youngs Nachtgedanken, Shakespeares Romeo und Julia in der Übersetzung August Wilhelm Schlegels, Jean Pauls Unsichtbare Loge und Schillers Die Götter Griechenlands, auf das besonders die fünfte Hymne Bezug nimmt. Auch frühitalienische Dichtung und Dantes Komödie mit der Mittlerfigur Beatrice werden als mögliche Vorbilder genannt. Die dritte Hymne hat besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie greift auf das Graberlebnis am 13. Mai 1797 zurück und wurde in der Forschung lange als sogenannte Urhymne diskutiert. Die Debatte um den Zyklus bestimmen bis heute mehrere Fragen: das Verhältnis von Vers- und Prosafassung, der autobiographische Hintergrund und der Aufbau der frühromantischen Mythologie.
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