Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Hunger
Eingang · Werke · Hunger
Cover Hunger
Hunger
1890
– Werkseintrag –

Hunger

1890 · Roman

Ein junger Schriftsteller treibt hungernd durch die Großstadt – und je verzweifelter er seine Not verbirgt, desto tiefer gerät sein Geist aus dem Gleichgewicht.

Überblick

Der Roman Hunger erschien 1890 und war das erste Buch von Knut Hamsun. Mit ihm gelang dem norwegischen Schriftsteller der literarische Durchbruch. Das Werk schildert den körperlichen und seelischen Verfall eines jungen, erfolglosen Schriftstellers. Dieser hungert in der Stadt Kristiania, dem heutigen Oslo, und zieht zeitweise ohne Obdach umher. Im Mittelpunkt steht weniger eine äußere Handlung als das Innenleben dieses Mannes. Seine Gedanken und Stimmungen werden mit großer Eindringlichkeit beschrieben.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein namenloser Ich-Erzähler streift durch Kristiania. Er ist ein junger Schriftsteller und Journalist, dem es nur selten gelingt, einen Artikel an eine Zeitung zu verkaufen. Seine Einnahmen reichen kaum für Essen und Unterkunft, und so wandert er oft hungernd und obdachlos durch die Straßen.

Seine Lage versucht er vor anderen zu verbergen – und verschlimmert sie dadurch nur. Er verschenkt Geld, das er selbst dringend bräuchte. Er verpfändet seine letzten Habseligkeiten und tischt fremden Menschen abstruse Lügengeschichten auf. Immer wieder schwankt seine Stimmung zwischen Verzweiflung und plötzlicher Hochstimmung, zwischen Scham und trotzigem Stolz.

Zwischen die Szenen des Hungers mischen sich Begegnungen: mit einer jungen Frau, der er den Fantasienamen „Ylajali" gibt, mit Redakteuren, Bekannten und Fremden. Der Roman folgt dem Mann durch mehrere Phasen seiner Not. In ihnen lösen sich Augenblicke kurzer Erleichterung und tiefen Elends ab, während sein Körper und sein Geist zunehmend leiden.

Die Handlung im Detail

Der namenlose Ich-Erzähler verlässt im ersten Teil sein Zimmer und läuft ziellos durch Kristiania. Als er einem armen Mann begegnet, verpfändet er trotz seiner eigenen Not seine Weste und gibt dem Fremden den größten Teil des Geldes. Kurz darauf verfolgt er eine Frau, der er den Namen „Ylajali" gibt, und deren Begleiterin. Auf einer Bank unterhält er sich mit einem Mann und erzählt ihm erfundene Geschichten über einen angeblichen Vermieter namens „Happolati". Der Mann scheint ihm zu glauben – woraufhin der Erzähler ihn unvermittelt anschreit und ihm vorwirft, ihm eben nicht zu glauben. Abends findet er in seinem Zimmer einen Zettel der Wirtin: Er soll bald die Miete zahlen oder ausziehen. Er schreibt eine Bewerbung an einen Kaufmann.

Am nächsten Tag verfasst er wie im Rausch einen Text, den er für sein Meisterwerk hält. Euphorisch kündigt er sein Zimmer und gibt den Text bei einer Zeitung ab. Er sucht bei einem alten Bekannten Unterkunft, scheitert, läuft aus der Stadt hinaus und übernachtet im Wald. Beim Kaufmann erfährt er, dass er wegen eines Flüchtigkeitsfehlers in der Bewerbung nicht genommen wurde. Heimlich schleicht er sich in sein altes Zimmer und findet dort einen Brief des Redakteurs: Sein Text wurde angenommen, er erhält zehn Kronen dafür.

Im zweiten Teil, einige Wochen später, ist das Geld erneut aufgebraucht; seit Tagen hat er nichts gegessen. Vom Hunger körperlich und seelisch zerrüttet, meldet er sich im Rathaus, weil er den Schlüssel zu seiner Unterkunft verloren habe. Einem Polizisten gegenüber gibt er sich als „Andreas Tangen" aus, der beim Morgenbladet arbeite. Er verbringt eine unruhige Nacht in einer Zelle. Am Morgen wagt er nicht, sich bei der Essensausgabe für Obdachlose zu melden, um keinen Verdacht zu erregen. Er sucht Bekannte auf, findet niemanden an, bettelt erfolglos und scheitert sogar daran, die Knöpfe seines Anzugs zu verpfänden. Vor dem Pfandhaus trifft er einen Bekannten, der über seinen Zustand erschrickt und ihm Geld besorgt.

Im dritten Teil ist er nach kurzer sorgloser Zeit wieder in Not. In einem Geschäft will er um eine Kerze bitten, traut sich aber nicht. Der Angestellte glaubt, der Erzähler habe bereits bezahlt, und gibt ihm auf fünf Kronen heraus. Er trifft erneut die Frau, die er zu Beginn verfolgt hatte, und begleitet „Ylajali" durch die Stadt, wobei er seinen elenden Zustand zu verbergen sucht. Am Ende küsst sie ihn, und die beiden verabreden sich. Aus schlechtem Gewissen über das zu viel erhaltene Geld gibt er es einer Kuchenfrau. Danach stellt er den Angestellten aufgebracht wegen dessen Fehler zur Rede. Wieder mittellos, bittet er einen Metzger um einen Knochen für seinen erfundenen Hund und nagt ihn ab, kann das Fleisch aber nicht bei sich behalten und übergibt sich. Auf der Straße begegnet er dem Redakteur, der ihm aus Mitleid Geld gibt. Beim nächsten Treffen mit „Ylajali" gehen die beiden in ihre Wohnung und kommen sich näher. Schließlich will sie die Wahrheit über seinen Zustand wissen. Er berichtet ihr schonungslos von seiner Lage, was sie schockiert. Das wiederum bringt ihn auf; er redet immer wirrer und geht.

Im vierten Teil ist der Winter hereingebrochen. Der Erzähler hat eine neue Unterkunft, kann aber auch hier die Miete nicht zahlen und muss in die Stube der Wirtsfamilie ziehen, als ein neuer Mieter kommt. Er arbeitet mit wenig Erfolg an einem historischen Drama und wird nach einem Streit von der Wirtin hinausgeworfen. Beim Gehen bringt ihm ein Postbote einen Brief mit zehn Kronen, offenbar von „Ylajali". Statt das Geld zu behalten, wirft er es der Wirtin an den Kopf und geht zum Hafen. Dort heuert er auf einem Schiff an, das nach Leeds fährt.

Stil

Erzählt wird durchgehend aus der Ich-Perspektive, ergänzt durch unmittelbare Figurenrede. Dadurch rückt das Geschehen ganz nah an das Innenleben des Hungernden heran. Der Erzähler beschreibt seine geistige Verfassung ausführlich und eindringlich. Seine Stimmung schwankt zwischen Depression, Euphorie, Verzweiflung und Scham. Diese ständigen Umschwünge prägen den Ton des Romans stärker als die äußere Handlung.

Auffällig ist, wie genau die seelischen Vorgänge nachgezeichnet werden: das fieberhafte Hochgefühl beim Schreiben, das jähe Absacken in Verzweiflung, die wirren Gedankensprünge des ausgehungerten Mannes. Der Erzähler gibt sich fremden Menschen gegenüber falsche Namen, erfindet ganze Lebensgeschichten und beobachtet sich dabei selbst. So entsteht ein dichtes Bild eines Bewusstseins, das unter Hunger und Not aus dem Gleichgewicht gerät.

Rezeption

Mit diesem Roman gelang Knut Hamsun der literarische Durchbruch. Das 1890 erschienene Buch war sein erstes Werk und begründete seinen Ruf als Schriftsteller. Die eindringliche Schilderung eines hungernden, am Rand der Gesellschaft lebenden Erzählers fand über Norwegen hinaus Beachtung. Der Stoff wurde später mehrfach verfilmt, unter anderem 1966 in der Regie von Henning Carlsen.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten