1894 – 1939
Joseph Roth
Kurzporträt↑
Joseph Roth wurde 1894 im galizischen Brody geboren und starb 1939 im Pariser Exil. Er gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Erzählern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bekannt wurde er zunächst als Journalist der Frankfurter Zeitung. Mit klarem, anschaulichem Stil berichtete er aus halb Europa. Mit dem Roman Hiob (1930) und vor allem mit dem Radetzkymarsch (1932) erreichte er Weltruhm. Dieser Roman ist ein Requiem auf das untergegangene Habsburgerreich. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ging er 1933 ins französische Exil. Dort schrieb er bis zuletzt. Neben den großen Romanen gehören die Novelle Die Legende vom heiligen Trinker und der Essay Juden auf Wanderschaft zu seinen bedeutendsten Texten.
Biografie↑
Joseph Roth wurde am 2. September 1894 in Brody geboren. Die Grenzstadt lag am östlichen Rand der österreichisch-ungarischen Monarchie, kurz vor dem russischen Wolhynien. Seine Mutter Maria Grübel stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, sein Vater Nachum Roth war Getreidehändler. Über die Person des Vaters streut die Forschung bis heute Unklarheiten. Er wurde nach Auffälligkeiten auf einer Geschäftsreise als geisteskrank eingewiesen und endete am Hof eines russisch-polnischen Wunderrabbis. Dort fand ein Onkel ihn Jahre später wieder. Joseph hat ihn nie kennengelernt. Diesen frühen Vaterverlust und, in übertragener Form, den Verlust des Vaterlandes Habsburg hat er später zum roten Faden seines Werkes gemacht.
Roth selbst hat seine Herkunft zeitlebens verschleiert und mystifiziert. Er behauptete, Sohn eines österreichischen Offiziers, eines polnischen Grafen oder eines Wiener Munitionsfabrikanten zu sein. Als Geburtsort gab er gern Szwaby oder Schwabendorf an, ein deutsch geprägtes Viertel am Bahnhof von Brody. Die Deutsche Biographie führt ihn unter diesem Geburtsort, während Wikipedia und die Standarddaten Brody nennen. In der Forschung umstritten sind auch das Geburtsjahr des Vaters und der genaue Zeitpunkt seines Todes. Die NDB notiert ihn als „vermutlich 1910" gestorben.
Die Kindheit schilderte Roth später als von Armut geprägt. Nach Zeugnissen von Verwandten war sie jedoch bürgerlich bescheiden: Die Mutter hatte ein Dienstmädchen, Joseph erhielt Violinunterricht. Ab 1901 besuchte er die Baron-Hirsch-Schule, eine moderne jüdische Handelsschule mit deutscher Unterrichtssprache. Von 1905 bis 1913 besuchte er das Kronprinz-Rudolf-Gymnasium in Brody. Er war ein guter Schüler und legte 1913 als einziger Jude seines Jahrgangs die Matura „sub auspiciis Imperatoris" ab. Schon damals fielen erste Gedichte.
Nach der Matura ging Roth nach Lemberg, der Hauptstadt Galiziens, und immatrikulierte sich an der dortigen Universität. Die Unterrichtssprache war seit 1871 Polnisch, Roth aber suchte seine literarische Heimat im Deutschen. Deshalb wechselte er zum Sommersemester 1914 nach Wien. Dort studierte er Germanistik. Seine Mutter war vor dem ausbrechenden Krieg aus Galizien geflohen, und er nahm sie zu sich in eine kleine Wohnung in der Brigittenau. Die Lebensumstände waren zunächst dürftig, besserten sich aber durch Stipendien und Hauslehrerstellen.
Der Erste Weltkrieg wurde zum prägenden Erlebnis. Zunächst war Roth pazifistisch eingestellt. Am 31. Mai 1916 meldete er sich freiwillig zum Militärdienst und begann seine Ausbildung im 21. Feldjäger-Bataillon. In diese Zeit fiel der Tod Kaiser Franz Josephs I. am 21. November 1916. Roth stand im Spalier der Soldaten am Beerdigungszug – ein Moment, der später im Radetzkymarsch und in der Kapuzinergruft wiederkehrt. Er wurde nach Galizien versetzt und war von 1917 bis vermutlich Kriegsende dem militärischen Pressedienst um Lemberg zugeteilt. Die später von ihm selbst erzählte russische Kriegsgefangenschaft ist nicht nachweisbar.
Nach dem Krieg brach Roth das Studium ab und arbeitete als Journalist in Wien. Zunächst schrieb er für die Zeitschriften Der Abend und Der Friede. Ab April 1919 war er Redakteur bei der Tageszeitung Der neue Tag, wo er rund 140 Artikel verfasste und unter dem Pseudonym „Josephus" die Rubrik „Wiener Symptome" betreute. Zu seinen Kollegen gehörten Alfred Polgar, Anton Kuh und Egon Erwin Kisch. Im Café Herrenhof lernte er im Herbst 1919 seine spätere Frau Friederike (Friedl) Reichler kennen. 1922 heiratete er sie in Wien; die Ehe blieb kinderlos.
Als Der neue Tag im April 1920 sein Erscheinen einstellte, zog Roth nach Berlin. Er schrieb für die Neue Berliner Zeitung, das 12-Uhr-Blatt, den Berliner Börsen-Courier und den Vorwärts. Ab Januar 1923 wurde die Frankfurter Zeitung sein wichtigstes Publikationsorgan. Für sie verfasste er Reiseberichte aus Polen, Frankreich, der Sowjetunion, Albanien und Italien. 1925 erschien die Artikelserie „Im mittäglichen Frankreich". Darin stellte er dem düsteren Bild der politischen Rechten ein strahlend helles Bild des Lebens in Frankreich entgegen. Von einer fünfmonatigen Reise in die Sowjetunion 1926 kehrte er desillusioniert zurück. 1923 erschien sein erster Roman, Das Spinnennetz, als Fortsetzungsroman in der Wiener Arbeiter-Zeitung. Es folgten Hotel Savoy und Die Rebellion.
In den späten zwanziger Jahren erkrankte Friedl psychisch und wurde pflegebedürftig. 1940 wurde sie Opfer der nationalsozialistischen Morde an Geisteskranken. 1930 erschien Hiob, 1932 Radetzkymarsch, mit dem Roth seinen größten Erfolg erreichte. 1933, am Tag der Machtübernahme der Nationalsozialisten, emigrierte er nach Paris. Im Exil blieb er erstaunlich produktiv und fand bei den niederländischen Verlagen Querido, Allert de Lange und De Gemeenschap Publikationsmöglichkeiten. Von Juni 1934 bis Juni 1935 lebte er an der französischen Riviera, gemeinsam mit Hermann Kesten und Heinrich Mann in einem gemieteten Haus in Nizza. Im Februar und März 1937 reiste er auf Einladung des polnischen PEN-Klubs nach Polen und besuchte ein letztes Mal seine Verwandten in Lemberg. Sie alle wurden später Opfer der Shoa.
Roths finanzielle und gesundheitliche Lage verschlechterte sich rapide. Reiche Freunde wie Stefan Zweig und Exil-Hilfsorganisationen unterstützten ihn. Im November 1937 wurde sein langjähriger Pariser Aufenthaltsort, das Hôtel Foyot, abgerissen. Er zog gegenüber in ein kleines Zimmer des Hôtel de la Poste. Am 23. Mai 1939 brach er, angeblich nach der Nachricht vom Selbstmord Ernst Tollers, im Café de la Poste zusammen und wurde in das Armenspital Hôpital Necker eingeliefert. Am 27. Mai 1939 starb er, 44 Jahre alt, an einer doppelseitigen Lungenentzündung. Ihr tödlicher Verlauf wurde durch den abrupten Alkoholentzug begünstigt. Beigesetzt wurde er am 30. Mai auf dem Cimetière parisien de Thiais nach gedämpft-katholischem Ritus. Bei der Beerdigung beanspruchten österreichische Legitimisten, Kommunisten und Juden den Toten jeweils für sich. Die Inschrift auf dem Grabstein lautet „écrivain autrichien – mort à Paris en exil".
Literarische Merkmale↑
Die frühen Romane Roths zeichnen sich durch einen klaren, zugänglichen Stil aus. Es sind Zeitromane wie Hotel Savoy und Die Rebellion, ironisch-distanziert erzählte Tatsachenberichte, die ein skeptisches Licht auf die Nachkriegszeit werfen. Sein Journalismus war eine Schule der Vielseitigkeit und des sicheren Schreibens. An Der neue Tag und später an der Frankfurter Zeitung lernte er, mit bildhafter Genauigkeit und sozialer Anteilnahme zu schreiben. Die Deutsche Biographie hebt hervor, dass Roth in Roman wie Reportage bildhafte, intensive Darstellungen von historischer und soziologischer Genauigkeit lieferte.
Mit Hiob (1930) begann eine zweite Schaffensphase. Nun stehen sich die kräftige Bildlichkeit des Alten Testaments und die Drastik des Geschehens gegenüber. Die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes wird im Gegensatz zwischen leidvoller ostjüdischer Existenz und den Chancen jüdischer Auswanderer in Nordamerika gestellt. Im Radetzkymarsch (1932) richtet sich der Blick weniger auf den politischen Niedergang Österreich-Ungarns als auf das Brüchigwerden charakterlicher Stärke und Integrität der Menschen, erzählt über mehrere Generationen der Familie Trotta. Der Roman ist zugleich elegische Wiedererweckung und Verfallsanalyse des Habsburgerreiches.
In seiner letzten Schaffensphase griff Roth, so notiert es Wikipedia, die Fabel als Grundform des Erzählens wieder auf, etwa in Beichte eines Mörders (1936), Das falsche Gewicht (1937) und in der Novelle Die Legende vom heiligen Trinker. Mehrere Werke schrieb er unter wirtschaftlichem Druck rasch und siedelte sie im jüdisch geprägten Osteuropa an, darunter Tarabas (1934), Die Büste des Kaisers (1935) und der postum erschienene Leviathan (1940). Damit zählt er, so die Deutsche Biographie, zu den wichtigsten Schilderern des seither weitgehend vernichteten Ostjudentums. Ihm verschaffte er liebevoll, bildhaft und wehmütig in einer einfachen, „faktischen" Sprache ein ideelles Überleben.
Rezeption↑
Berühmt wurde Roth zunächst als Journalist. Für seine sozial engagierten Artikel erreichte er rasch hohe Honorare. Die Frankfurter Zeitung war sein vorrangiges Publikationsorgan. Mit Hiob (1930) wurde er auch als Romancier weithin bekannt. Mit dem Radetzkymarsch erreichte er den größten Erfolg: Zwischen Herbst 1932 und Januar 1933 erschienen fünf Auflagen. Nahezu alle seine Romane wurden später verfilmt. Die Deutsche Biographie betont, dass neben den Romanen das gleich umfangreiche journalistische Werk nicht unterschätzt werden dürfe.
Das Pariser Exil unterbrach den deutschsprachigen Markt. Dennoch fand Roth weiterhin Leser über die niederländischen Exilverlage Querido, Allert de Lange und De Gemeenschap. Die Novelle Die Legende vom heiligen Trinker nannte er selbst in düsterer Vorahnung „mein Testament". Sie konnte noch 1939 bei Allert de Lange in Amsterdam erscheinen. Germaine Alazard, die Wirtin seines Pariser Stammcafés, hatte die Manuskriptseiten gesichert.
Wikipedia zählt ihn zu den bedeutendsten deutschsprachigen Erzählern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, den Radetzkymarsch zu den bedeutendsten deutschsprachigen Romanen des 20. Jahrhunderts. Die Nachwirkung lässt sich auch an der dichten Forschungs- und Ausstellungstätigkeit ablesen: Monografien von David Bronsen (1974), Helmut Nürnberger (1981) sowie Heinz Lunzer und Victoria Lunzer-Talos (1994), Ausstellungen der Deutschen Bibliothek Frankfurt 1979 und des Jüdischen Museums der Stadt Wien 1994/1995, dazu Einträge im Österreichischen Biographischen Lexikon, im Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur und in den großen Exillexika. Ulrich Greiner nahm Roth in den Band „Die großen Österreicher" auf.
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