1938
Die Kapuzinergruft
Überblick↑
Mit der Kapuzinergruft legte Joseph Roth 1938 seinen vorletzten Roman vor. Er erschien im niederländischen Exilverlag De Gemeenschap in Bilthoven. Das war ein knappes Jahr vor seinem Tod und im Augenblick, in dem das Österreich, das er beschrieb, gerade unterging. Das Buch ist eine späte Nachschrift zum Radetzkymarsch. Es greift dessen Familie der Trottas wieder auf und führt deren Geschichte vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis zum "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland am 12. März 1938. Von den 3.000 gedruckten Exemplaren der Erstausgabe wurde etwa die Hälfte 1940 vor dem deutschen Einmarsch in den Niederlanden vergraben und erst nach Kriegsende verkauft. Dieses Schicksal passt seltsam genau zum melancholischen Stoff des Romans.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Wien, April 1913. Der junge Franz Ferdinand Trotta lebt als wohlhabender Müßiggänger in der noch heilen Welt der Donaumonarchie. Er entstammt jenem bürgerlichen Zweig der Trottas, dessen geadelter Vetter im Radetzkymarsch eine zentrale Rolle spielt. Eines Tages steht überraschend sein slowenischer Vetter Joseph Branco vor der Tür, ein Bauer und Maronibrater aus Sipolje. Über ihn lernt Trotta den jüdischen Kutscher Manes Reisiger aus dem fernen galizischen Zlotogrod kennen. So gerät der verwöhnte Wiener mit den Außenrändern jenes Vielvölkerreichs in Berührung, das er selbst kaum zu kennen scheint.
Als im Sommer 1914 der Krieg ausbricht, lässt Trotta sich aus seinem Wiener Salonregiment in die Ostfront versetzen, um an der Seite der beiden Freunde zu kämpfen. Zuvor heiratet er Hals über Kopf seine Freundin Elisabeth Kovacs. Der Erzähler erinnert sich später an dieses Leben: an Front und Gefangenschaft, an die Rückkehr in ein verändertes Wien, an die Ehe mit Elisabeth, an die hektische Zwischenkriegszeit und an Freunde, die mit ihm dem Verschwinden ihrer Welt zusehen. Roth lässt seinen Ich-Erzähler rückblickend Bilanz ziehen über fünfundzwanzig Jahre, in denen ein Reich, eine Gesellschaft und ein Lebensgefühl zerfallen.
Die Handlung im Detail↑
Im April 1913 wird der reiche junge Wiener Franz Ferdinand Trotta von seinem Vetter Joseph Branco besucht, einem slowenischen Bauern und saisonalen Maronibrater aus Sipolje, mit dem er slowenisch spricht. Branco hat einen Regimentskameraden, den jüdischen Kutscher Manes Reisiger aus Zlotogrod in Galizien. Bald taucht auch Reisiger in Wien auf und bittet Trotta, seinem Sohn Ephraim einen Freiplatz am Wiener Konservatorium zu verschaffen. Trotta wendet sich an den Grafen Chojnicki, einen Galizier aus der frohlebigen Wiener Vorkriegsgesellschaft, und der Graf besorgt dem Jungen die Stelle, ohne ihn überhaupt gesehen zu haben.
Im Sommer 1914 reist Trotta auf Einladung Reisigers nach Zlotogrod. Aus der Bekanntschaft wird Freundschaft. Dann bricht der Krieg aus. Fähnrich Trotta eilt nach Wien zurück und lässt sich von seinem Heimatregiment in ein ostgalizisches Regiment versetzen, in dem Branco und Reisiger dienen. Die Wiener Kameraden sind über die Versetzung des "Kriegsspielverderbers" enttäuscht; Trotta hält sie für oberflächliche "Walzertänzer". Vor der Abreise heiratet er noch in größter Eile seine Freundin Elisabeth Kovacs, die Tochter eines Wiener Hutmachers und kommenden Kriegsgewinnlers. Dem Paar bleiben sechzehn Stunden, doch der plötzliche Tod des langjährigen Hausdieners verhindert die Brautnacht. Elisabeth flüchtet, Trotta zieht allein an die Front.
Dort trifft er Branco und Reisiger wohlauf an. Ihre erste Schlacht bei Krasne-Busk endet ruhmlos; gefangen genommen, werden die drei ins russische Wiatka an die Lena verschleppt. Sie fliehen und finden Unterschlupf beim sibirischen Polen Jan Baranovitsch. In Sibirien zerbricht die Freundschaft. Allen dreien gelingt der Weg zurück. Trotta kehrt Ende 1918 allein nach Wien heim. Die Familie hat außer dem Wohnhaus alles verloren, der Kaiser liegt tot in der Kapuzinergruft.
Elisabeth ist inzwischen Kunstgewerblerin und lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung mit Jolanth Szatmary. Trotta gelingt es dennoch, sie zurückzugewinnen, die Brautnacht wird nachgeholt. In der unruhigen Zwischenkriegszeit bekommt das Paar ein Kind. Trotta wird häuslich und hängt an seinem Sohn, doch Elisabeth verlässt Mann und Kind, um Filmschauspielerin zu werden.
Es folgen die Jahre der österreichischen Krise. In der "Nacht der Revolution" fallen Schüsse in Wien; man munkelt, die Regierung Dollfuß lasse auf die Arbeiter feuern. Der junge Ephraim Reisiger, inzwischen "Rebell" geworden, wird umgebracht; sein Vater Manes Reisiger trägt ihn in Wien zu Grabe. Auch Graf Chojnicki und Trottas andere Freunde müssen die "Untergangssuppe" auslöffeln, die sie nach Roths Urteil mit ihren leichtfertigen Kaffeehauswitzen mit angerichtet haben. Trotta wäre lieber im Krieg gefallen; er empfindet sich als einen, der zu Unrecht noch lebt. Den Sohn schickt er zur Erziehung nach Paris.
Der Schluss spielt am Abend des 11. und am Morgen des 12. März 1938. Trotta sitzt mit seinen aristokratischen Freunden im Café, als ein gestiefelter und gespornter junger Mann hereintritt, die Gäste mit "Volksgenossen!" anredet und von der "neuen deutschen Volksregierung" spricht. Jüdische Geschäftsleute verlassen Wien. Trotta weiß nicht mehr, wohin. Er macht sich auf den Weg zur Kapuzinergruft, wo seine Kaiser liegen – doch die Gruft ist verschlossen und bleibt es. Die Habsburg-Legitimisten müssen ihre Hoffnungen begraben. Während der Morgen anbricht, wehen schon die Hakenkreuzfahnen über Wien; die Nationalsozialisten übernehmen das Land.
Stil↑
Formal handelt es sich um den in der Ich-Form geschriebenen Lebensbericht eines Mitglieds jener Trotta-Familie, die schon den Radetzkymarsch trug. Der Literaturwissenschaftler Alfred Doppler nennt das Buch einen "Zeitroman, in dem das Geschehen bis in die Gegenwart" – also bis zum März 1938 – herangeführt wird. Der Erzähler schaut zurück. Im Zurückschauen nennt er die Ursachen, die nach Roths Überzeugung zum Untergang der Donaumonarchie geführt haben.
Bemerkenswert ist, was Roth weglässt. Die Gräuel des Weltkriegs werden nicht ausgemalt. Die Front bleibt im Bericht knapp und kühl. Auch das Elend des Nachkriegswien zeichnet er nicht klagend, sondern überwiegend mit einem leisen, manchmal bitteren Humor. Diese Zurückhaltung gibt dem Roman seinen melancholischen Ton: Nicht das große Drama wird ausgespielt, sondern das stille Verlöschen einer Welt.
Rezeption↑
Schon kurz nach dem Erscheinen schrieb Hans Natonek 1938 in der "Neuen Weltbühne": "Es ist ein Roman ohne Ausweg, es sei denn in eine Gruft. Nach einem solchen Buch schreibt man schwerlich noch eines." Dieser Satz wirkt fast wie eine Vorausdeutung, denn Roth starb im folgenden Jahr im Pariser Exil.
Alfred Doppler hat den Romantitel als Bild gelesen: Die Kapuzinergruft sei "der Raum, wo die Symbole der alten Welt vermodern". Mit dem Buch lasse Roth sein großes Thema Österreich "tief pessimistisch" ausklingen. Die Germanistin Ulrike Steierwald sah die Hauptfigur in einer Identitätskrise. Sie hob die eigentümliche Art hervor, in der Roth den Krieg gleichsam fotografisch festhält statt ausmalt. Auch die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich rückte sie in ihre Deutung. Wolfgang Müller-Funk verstand Trottas Selbstbezeichnung als Feind seiner Zeit als Reflex auf den Triumph des Nationalsozialismus. Er verwies auf die in Roths Romanen allgegenwärtige Todessehnsucht, die auch in der Kapuzinergruft trage.
Das Buch selbst hatte ein Schicksal, das zu seinem Inhalt passt: Etwa die Hälfte der 3.000 Exemplare der Erstausgabe wurde im Mai 1940, kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Niederlande, vergraben und erst nach 1945 wieder ausgegraben und verkauft.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →