1830 – 1894
Christina Rossetti
Kurzbiografie↑
Christina Georgina Rossetti wurde 1830 in London geboren und starb dort 1894. Sie zählt zu den bekanntesten Dichterinnen des viktorianischen England. Aufgewachsen ist sie in einer literarisch geprägten Familie italienischer Herkunft: Ihr Vater war der Dichter Gabriele Rossetti, ihre Brüder Dante Gabriel und William Michael Rossetti gehörten zum Kreis der Präraffaeliten. Ihr Leben war von einem strengen anglikanischen Glauben bestimmt, der auch ihre persönlichen Entscheidungen prägte. Krankheiten, gelöste Verlobungen und der frühe Tod naher Angehöriger begleiteten ihren Weg.
Biografie↑
Geboren wurde Christina Georgina Rossetti am 5. Dezember 1830 in London. Ihr Vater Gabriele Rossetti war ein italienischer Dichter und Gelehrter, der aus Neapel fliehen musste und in England politisches Asyl fand. Ihre Mutter Frances Polidori stammte ebenfalls aus einer schreibenden Familie: Sie war die Tochter des Schriftstellers Gaetano Polidori und die Schwester des Schriftstellers John Polidori.
Christina wuchs mit drei Geschwistern auf: Maria Francesca (1827–1876), Dante Gabriel (1828–1882) und William Michael (1829–1919). Alle vier Kinder wurden zu Hause unterrichtet, und alle sprachen fließend Italienisch. Christina kränkelte schon als Jugendliche häufig. Gedichte schrieb sie früh. Ein erster Gedichtband wurde 1847 von ihrem Großvater Gaetano Polidori in dessen eigener Druckerei hergestellt.
Der Glaube spielte im Haus eine große Rolle. Die Mutter und ihre beiden Töchter gehörten zunächst dem evangelikalen Zweig der Church of England an. In den 1840er Jahren wandten sie sich der Oxford-Bewegung zu, den sogenannten Tractarians, die mit verteilten Traktaten für eine Kirche im Geist der Vorväter warben. 1845 wurde Christina Rossetti in der Christ Church eingesegnet.
Im selben Jahr geriet die Familie in finanzielle Not. Der Vater musste wegen Krankheit und nachlassender Sehkraft seine Stelle am King's College aufgeben. Die Mutter versuchte, den Ausfall mit einer Tagesschule in der Arlington Street aufzufangen; die Töchter halfen mit. Eine weitere Schule in Frome in Somerset musste nach einem Jahr wieder geschlossen werden.
1848 verliebte sich Christina Rossetti in den Maler James Collinson, der zum präraffaelitischen Freundeskreis ihrer Brüder gehörte. Collinson war aus der Anglikanischen Kirche aus- und der Römisch-Katholischen Kirche beigetreten. Er machte ihr einen Heiratsantrag und kehrte ihr zuliebe zur Anglikanischen Kirche zurück. Als er 1850 erneut katholisch wurde, löste sie die Verlobung auf. Diese Enttäuschung erschütterte sie schwer.
Im Jahr 1850 veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Ellen Alleyne sieben Gedichte in The Germ, der Zeitschrift der Präraffaelitischen Bruderschaft. Am 26. April 1854 starb ihr Vater Gabriele.
Wie sehr ihr Glaube ihr ganzes Leben bestimmte, zeigen kleine Entscheidungen: Sie gab das Schachspielen auf, weil sie sich über das Gewinnen zu sehr freute. In Algernon Swinburnes Gedicht Atalanta in Calydon überklebte sie die anti-religiösen Stellen. Nacktheit auf Gemälden lehnte sie ab, und sie weigerte sich, Parsifal anzusehen, weil dort heidnische Mythologie gefeiert werde.
1861 reiste sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder William nach Paris und in die Normandie. Ein Jahr später verliebte sie sich in Charles Bagot Cayley, der aus St. Petersburg stammte und bei ihrem Vater studiert hatte. Cayley wollte sie heiraten. Neben finanziellen Hürden stand vor allem der Glaube dazwischen: Cayley war Agnostiker und konnte ihre religiösen Erwartungen nicht erfüllen. Ihr Bruder William Michael hatte eine Mitgift angeboten. Die Ehe kam dennoch nicht zustande, die beiden blieben aber freundschaftlich verbunden. 1865 führte eine zweite Reise auf den Kontinent, wieder mit Mutter und Bruder, über den Gotthardpass nach Verona und über den Splügenpass zurück nach Schaffhausen.
In den 1870er Jahren arbeitete Christina Rossetti für die Society for Promoting Christian Knowledge, eine Gesellschaft zur Verbreitung des christlichen Glaubens. 1871 erkrankte sie im Alter von 41 Jahren an der Basedowschen Krankheit, einem Leiden der Schilddrüse. Die Krankheit entstellte und behinderte sie schwer. In dieser Zeit begann sie, religiöse Essays zu schreiben. Als ihr Bruder William 1874 heiratete, zog sie mit ihrer Mutter und deren beiden Schwestern in ein Haus am Tarrington Square.
Die letzten beiden Jahrzehnte brachten einen Verlust nach dem anderen. 1876 starb ihre Schwester Maria. 1882 starb ihr Bruder Dante Gabriel in Birchington-on-Sea; sie hatte ihn zuvor mit ihrer Mutter mehrere Wochen gepflegt. Am 8. April 1886 starb die Mutter. 1890 folgte ihre Tante Charlotte, 1893 ihre Tante Eliza. Beide Tanten hatten sich viele Jahre um Christina gekümmert.
Am 29. Dezember 1894 starb Christina Rossetti in London an einem langjährigen Krebsleiden. Beigesetzt wurde sie im Grab ihrer Eltern auf dem Friedhof von Highgate. Dort liegt auch Elizabeth Siddal begraben, die Frau ihres Bruders Dante Gabriel und Modell der Präraffaeliten.
Literarische Merkmale↑
Ihre Dichtung ist untrennbar mit ihrem Glauben verbunden. Der strenge anglikanische Standpunkt, den sie in der Nachfolge der Oxford-Bewegung einnahm, bestimmte nicht nur ihr Leben, sondern auch das, was sie zu schreiben bereit war. Neben Gedichten verfasste sie Kirchenlieder; in den Jahren ihrer Krankheit kamen religiöse Essays hinzu. Für die Society for Promoting Christian Knowledge schrieb sie ausdrücklich im Dienst der Glaubensverbreitung.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten trat Christina Rossetti zunächst im Umkreis der Präraffaelitischen Bruderschaft an die Öffentlichkeit: 1850 erschienen sieben ihrer Gedichte in deren Zeitschrift The Germ, allerdings unter dem Pseudonym Ellen Alleyne. Ihr Rang als Dichterin des viktorianischen Zeitalters blieb über ihren Tod hinaus anerkannt. Ein Zeichen dieser Nachwirkung ist das Tafelservice berühmter Frauen, das Vanessa Bell und Duncan Grant 1934 gestalteten: Einer der Teller ist Christina Rossetti gewidmet.
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