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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Goblin Market
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Cover Goblin Market
Goblin Market
1862
– Werkseintrag –

Goblin Market

1862 · Epik

Zwei Schwestern holen allabendlich Wasser aus einem Bach, wo koboldhafte Händler ihre wundersamen Früchte anpreisen – und eine der beiden kann der Versuchung nicht widerstehen.

Überblick↑

Das Versepos Goblin Market von Christina Rossetti erschien 1862. Es erzählt von den Schwestern Laura und Lizzie, denen koboldhafte Händler ihre Früchte anbieten. Das Gedicht erschien in Rossettis erstem Gedichtband Goblin Market and Other Poems. Die Illustrationen stammten von ihrem Bruder, dem präraffaelitischen Künstler Dante Gabriel Rossetti. In einem Brief an ihren Verleger erklärte die Dichterin, das Werk sei nicht für Kinder gedacht. Öffentlich sagte sie hingegen oft das Gegenteil und schrieb später zahlreiche Kindergedichte. Die auffällig sinnlichen Bilder des Gedichts haben die Deutung seither immer wieder beschäftigt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt stehen zwei einander eng verbundene Schwestern, Laura und Lizzie. Obwohl sie noch jung wirken, leben sie allein in einem Haus und holen jeden Abend Wasser aus einem Bach. In der Dämmerung hören sie die Rufe der Koboldhändler, die dort ihre wundersamen Früchte anpreisen. Die Wesen werden als tierhaft geschildert, mit Gesichtern wie Wombats oder Katzen und mit Schwänzen.

Laura ist von der Fremdheit der Händler gebannt und bleibt am Bach zurück, als die Schwester bereits heimgegangen ist. Geld hat sie keines, doch die Kobolde nehmen einen anderen Preis. Zu Hause warnt Lizzie und erinnert an Jeanie, ein anderes Mädchen, das einst von den Koboldfrüchten aß. Laura schlägt die Sorge in den Wind und will am nächsten Abend wiederkommen.

Was dann geschieht, stellt die Bindung zwischen den Schwestern auf eine harte Probe. Denn der Handel am Bach folgt eigenen Regeln, und wer einmal gekostet hat, findet nicht ohne Weiteres zurück.

Die Handlung im Detail↑

Das Gedicht schildert, was die Schwestern Laura und Lizzie mit den Kobolden am Bach erleben. Die beiden leben für sich allein und holen allabendlich Wasser. Als in der Dämmerung die Händler ihre Früchte ausrufen, bleibt Laura neugierig zurück, während Lizzie nach Hause geht. Geld besitzt Laura nicht. Also bietet sie eine Locke ihres Haares an und dazu eine Träne, kostbarer als eine Perle.

Wie in einem Rausch verschlingt Laura die Früchte. Danach kehrt sie wie verzaubert heim und trägt einen der Kerne bei sich. Zu Hause erzählt sie der Schwester von ihrem Genuss. Lizzie hält ihr kluge Vorhaltungen entgegen und erinnert an Jeanie: Auch sie hatte von den Koboldfrüchten gekostet und war dann, nach langem und jammervollem Verfall, zu Winterbeginn gestorben. Über Jeanies Grab wächst kein Gras. Laura wischt die Warnung beiseite und nimmt sich vor, am nächsten Abend Früchte für beide zu holen. Die Schwestern schlafen in ihrem gemeinsamen Bett ein.

Am folgenden Tag verrichtet Laura ihre Hausarbeit und wartet verträumt auf das Wiedersehen. Am Abend aber macht sie eine erschreckende Entdeckung: Lizzie hört die Rufe und Gesänge der Kobolde nach wie vor, sie selbst hört nichts mehr. Da sie keine Früchte mehr bekommen kann, siecht Laura dahin und verzehrt sich nach ihnen. Mit dem nahenden Winter welkt sie und altert auf unnatürliche Weise; für ihre Arbeiten ist sie zu schwach. Eines Tages erinnert sie sich an den aufbewahrten Kern und pflanzt ihn ein, doch nichts wächst.

Monate vergehen, und Lizzie erkennt, dass die Schwester zu Tode kommt. Sie fasst den Entschluss, für Laura Koboldfrüchte zu kaufen. Mit einem silbernen Geldstück geht sie zum Bach hinunter, wo die Händler sie freundlich begrüßen und zum Mahl einladen. Als sie jedoch merken, dass Lizzie nichts essen, sondern nur mit Silber bezahlen will, fallen sie über sie her und versuchen, ihr die Früchte gewaltsam einzuflößen. Lizzie wird von Saft und Fruchtfleisch überströmt, doch sie verschluckt nichts davon.

Sie entkommt und läuft nach Hause. Als die sterbende Laura Saft und Fruchtfleisch vom Körper der Schwester aufnimmt, stößt der Geschmack sie ab, statt sie zu sättigen, und sie wird von einem furchtbaren Krampf geschüttelt. Am Morgen jedoch ist Laura vollständig genesen. Die letzte Strophe bezeugt, dass beide Schwestern noch lange leben und ihren Kindern von den Übeln der Koboldfrüchte erzählen – und von der Kraft, die in der Bindung zwischen Schwestern liegt.

Stil↑

Als erzählendes Gedicht verbindet Goblin Market Märchenmotive mit einer stark sinnlichen Bildersprache. Die Koboldhändler sind halb Tier, halb Mensch geschildert, mit Gesichtern wie Wombats oder Katzen und mit Schwänzen. Ihre Rufe und Gesänge kehren wie ein Werbespruch wieder und tragen den Fortgang der Handlung. Die Bildwelt der Früchte ist so nachdrücklich sinnlich angelegt, dass sie häufig als sexuell aufgeladen gedeutet wird. In der Erstausgabe traten Rossettis Verse mit den Illustrationen ihres Bruders Dante Gabriel Rossetti zusammen, eines Künstlers aus dem Kreis der Präraffaeliten.

Rezeption↑

Zu den bekanntesten Gedichten Christina Rossettis zählt Goblin Market bis heute. Schon die Frage, an wen sich das Werk richtet, hat die Leser beschäftigt: Gegenüber ihrem Verleger stellte die Dichterin fest, es sei nicht für Kinder bestimmt, in der Öffentlichkeit erklärte sie oft das Gegenteil. Später schrieb sie eine ganze Reihe von Kindergedichten. Die auffällig sinnliche Bildersprache hat immer wieder zu Deutungen eingeladen, die weit über ein Märchen für Kinder hinausgehen. Der Stoff wirkt bis in die Gegenwart nach: 2024 erschien mit Into the Goblin Market eine literarische Bearbeitung.

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