1920
Glanz der Bohème
Überblick↑
Mit dem Theaterstück Glanz der Bohème begründete Ramón María del Valle-Inclán eine ganz eigene dramatische Form, den esperpento. Der Text entstand 1920 und erschien zunächst in Folgen in der Wochenschrift España. Eine überarbeitete Fassung mit drei zusätzlichen Szenen kam 1924 heraus. Gespielt wurde das Stück in Spanien erst 1970 – sieben Jahre nach seiner ersten Aufführung in Paris 1963. Es gilt als eines der wichtigsten Werke des Autors. Mit dem esperpento schuf er ein Mittel, ein verkommenes, korruptes Spanien zu zeigen, das seine einfachen Leute verachtet und seine großen Geister untergehen lässt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im nächtlichen Madrid der 1920er Jahre begleitet das Stück den alternden, blinden und völlig verarmten Dichter Max Estrella. Einst genoss er ein gewisses Ansehen, nun zieht er eine Nacht lang durch die dunkle, schäbige und abseitige Seite der Stadt. An seiner Seite ist sein Freund und Vermittler Don Latino de Híspalis, ein zynischer Tunichtgut. Unterwegs begegnen die beiden zahlreichen Gestalten der Madrider Bohème: einem betrügerischen Buchhändler, Wirtsleuten, jungen Möchtegern-Dichtern, Dirnen und einem Minister.
Aus ihren Gesprächen entfaltet sich eine bittere Abrechnung mit der offiziellen Kultur und mit den sozialen wie politischen Zuständen eines Landes, das seine bedeutenden Köpfe nicht zu würdigen weiß. Der Weg führt durch Kneipen, Amtsstuben und nächtliche Gärten, immer entlang der Armut und der aufflammenden Unruhen auf den Straßen. Was als Geschichte eines gescheiterten Schriftstellers beginnt, wächst sich zu einem grotesken Bild eines ungerechten Spaniens aus.
Die Handlung im Detail↑
Der blinde Dichter Max Estrella erfährt zu Beginn in seiner Wohnung, dass ihm seine letzte Verdienstquelle gekündigt wurde. Bei ihm sind seine französische Frau Madame Collet und seine Tochter Claudinita. Es erscheint Don Latino de Híspalis; Max hat Wahnvorstellungen und erinnert sich an sein früheres Bohème-Leben. Gemeinsam brechen die beiden zu einem nächtlichen Gang durch Madrid auf.
Zuerst geht es in die Buchhandlung des Zaratustra, wo Max sich mit dem Händler streitet, weil dieser ihm für seine Bücher zu wenig gezahlt hat. Danach führt der Weg in die Schenke des Pica Lagartos. Dort trifft man auf die junge Enriqueta, „La Pisa Bien" genannt, und weitere Gestalten der Unterschicht; auf der Straße toben Unruhen des Proletariats. Max gibt seinen Umhang einem Kind mit, damit es ihn verkaufe und vom Erlös ein Lotterielos beschafft werde. Auf der Straße kauft Max das Los, gerät mit jungen Dichtern aneinander und verhöhnt die Polizei, die ihn daraufhin festnimmt und ins Ministerium bringt.
Im Ministerium wird Max in eine Zelle gesteckt; hier trennen sich seine Wege und die Don Latinos zum ersten Mal. In der Zelle spricht Max mit einem katalanischen Anarchisten über die Not des Arbeiters und den Kapitalismus; beide sehen die Revolution als einzigen Ausweg. Währenddessen protestiert Don Latino in der Redaktion einer Zeitung gegen das, was Max widerfahren ist. Anschließend sucht Max den Minister auf. In dieser Begegnung zeigen sich die Veruntreuung öffentlicher Gelder und die Unfähigkeit des Ministers – und schließlich lässt sich Max selbst darauf ein, indem er ein Gehalt aus der Hand des Ministers annimmt, solange dieser im Amt bleibt.
Der nächtliche Zug führt weiter ins bürgerliche Café Colón, wo Max den Dichter Rubén Darío trifft; gemeinsam schwelgen sie in Erinnerungen an das Pariser Bohème-Leben. Danach spazieren die Männer durch nächtliche Gärten und treffen auf Dirnen. In einer der eindringlichsten Szenen zeigt das Stück die Folgen der Streiks: die Klage einer Mutter, deren Kind ums Leben kam, und die Erschießung des Anarchisten.
Auf dem Heimweg bricht Max, krank und erschöpft, vor der Tür seines Hauses zusammen. Kurz vor seinem Tod formuliert er die Theorie des esperpento und übt eine lange, harte Kritik an Spanien. Don Latino lässt ihn liegen, stiehlt ihm aber zuvor die Brieftasche. Die Hausmeisterin findet Max tot vor dem Tor.
Es folgt die Totenwache in Max' Wohnung, bei der es zu einem heftigen Streit zwischen Claudinita und Don Latino kommt; ein Wichtigtuer namens Basilio Soulinake stiftet Verwirrung, indem er behauptet, Max sei gar nicht tot. Auf dem Friedhof wird Max begraben; dort erscheinen Rubén Darío und der Marqués de Bradomín und sinnieren über den Tod. Zum Schluss sitzt Don Latino wieder in der Schenke des Pica Lagartos und trinkt reichlich – denn mit dem Los, das er Max gestohlen hat, hat er in der Lotterie gewonnen. In diesen letzten Augenblicken nehmen sich Max' Frau und seine Tochter das Leben. Ein Betrunkener ruft „Privilegierter Schädel!" – ein Ausruf, der sich durch das ganze Stück zieht und die verzerrende Sicht des esperpento auf den Punkt bringt.
Stil↑
Mit diesem Stück begann in Valle-Incláns Schaffen die Zeit des esperpento. Es ist das Ergebnis einer allmählichen Wandlung seiner Literatur: Aus den modernistischen Anfängen entwickelte sich eine bewusst übertriebene Verformung und Verzerrung der Wirklichkeit, mit der der Autor die Gesellschaft und das Madrid seiner Zeit angriff. Die Wirklichkeit erscheint hier wie in einem verzerrenden Spiegel – grell, entstellt, ins Groteske gezogen.
Ein wiederkehrendes Mittel ist die Tierhaftmachung der Figuren: Der Buchhändler Zaratustra etwa wird so weit verzerrt, dass seine Reden auf einer Stufe mit den Tieren seines eigenen Ladens stehen; auch Don Latino wird auf diese Weise herabgesetzt. Bewusst arbeitet Valle-Inclán mit Widersprüchen. Die erzählte Zeit umspannt etwa dreiundzwanzigeinhalb Stunden – die ersten zwölf Szenen den Weg vom abendlichen Aufbruch bis zu Max' Tod im Morgengrauen, die letzten drei die Totenwache und das Begräbnis. Dennoch ist bald von fallendem Laub, bald vom Frühling die Rede; solche Unstimmigkeiten dienen offenbar gerade dazu, den Eindruck des esperpento zu verstärken. Ebenso lässt der Autor Figuren aufeinandertreffen, die verschiedenen Epochen angehören und einander nie hätten begegnen können.
Deutlich sind die selbstbiografischen Züge und der Bezug zum Bohème-Schriftsteller Alejandro Sawa, einem Freund des Autors. Wie Max Estrella starb Sawa blind; wie dieser war er mit einer Französin verheiratet und hatte eine Tochter. Auch der Brief, mit dem Max seine Beteiligung entzogen wird und der ihn in die Verzweiflung treibt, hat ein Vorbild in Sawas Schicksal. Mehrere Kritiker lesen das Stück geradezu als erdachte Chronik von Sawas letzten Tagen. Über die Figuren Rubén Darío und den Marqués de Bradomín – Letzterer einer der bekanntesten Doppelgänger des Autors aus den früheren Sonaten – schlägt Valle-Inclán zudem eine Brücke zu seinem eigenen älteren Werk.
Rezeption↑
Als eines der wichtigsten Werke Valle-Incláns eröffnete das Stück eine neue Gattung, den esperpento, und wirkt bis heute nach. In Spanien wurde es allerdings erst spät auf die Bühne gebracht: Die spanische Erstaufführung fand 1970 statt, während das Werk in Paris bereits 1963 gespielt worden war. 1985 verfilmte Miguel Ángel Díez den Stoff unter dem Originaltitel Luces de bohemia, das Drehbuch stammte von Mario Camus.
Die Figur des Max Estrella hat sich im spanischen Theaterleben verankert. Seit 1998 wird einmal im Jahr „La noche de Max Estrella" begangen – zunächst am 23. April, seit 2007 am 26. März, dem Vorabend des Welttheatertags. Auch im Stadtbild finden sich Anspielungen: In Vigo trägt ein von Spiegeln erfülltes Café den Namen Luces de Bohemia, in Saragossa gibt es eine gleichnamige Bar, und in Madrid sind in der Calle Álvarez Gato ein konkaver und ein konvexer Spiegel angebracht – eine Hommage an die Streifzüge des Max Estrella und an die verzerrende Sicht des esperpento.
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