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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Gitanjali
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Cover Gitanjali
Gitanjali
1910
– Werkseintrag –

Gitanjali

1910 · Lyrik

Aus dem Flug der Kraniche und dem Warten Liebender vor der Tür formt Tagore Lieder, in denen menschliche und göttliche Liebe untrennbar zusammenklingen.

Überblick

Der Gedichtband Gitanjali des indischen Dichters und Malers Rabindranath Tagore versammelt in seiner bengalischen Fassung 157 Gedichte. Diese erste Ausgabe erschien 1910 und enthielt Verse, die zwischen 1908 und 1910 entstanden waren. Der Titel setzt sich aus zwei Wörtern zusammen: gita bedeutet Gesang, anjali meint eine Opfergabe. Da anjali meist religiös gebraucht wird, lässt sich der Titel als opfernde oder gebethafte Darbringung von Liedern verstehen. Eine englischsprachige Auswahl unter dem Titel Song Offerings, die Tagore selbst übertrug, wurde 1913 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt der Gedichte steht das Verhältnis des Menschen zu Gott, ein Grundton, der auch andere Werke Tagores prägt. Dabei unterscheiden sich die Verse von gewöhnlicher religiöser Dichtung: Sie lassen sich keiner einzelnen Glaubensrichtung zuordnen. Tagore geht von ganz alltäglichen Bildern und Situationen aus – dem Flug der Kraniche, der Überquerung eines Flusses, dem Warten Liebender vor einer Tür. Aus solchen einfachen Szenen entfaltet er das große Thema des Bandes: die enge Verbindung von menschlicher und göttlicher Liebe sowie die Einheit des Menschen mit der Natur und mit Gott. Wer die Sammlung aufschlägt, findet keine fortlaufende Geschichte, sondern eine Folge kurzer, in sich geschlossener Lieder, die dieselbe innere Bewegung immer neu umkreisen.

Die Handlung im Detail

Die bengalische Sammlung umfasst 157 Gedichte, die zwischen 1908 und 1910 geschrieben wurden. Sie beschreiben immer wieder die Zuwendung des Menschen zu Gott, ohne sich einer festen religiösen Lehre zu verschreiben. Aus schlichten Beobachtungen des täglichen Lebens erwächst der Gedanke, dass menschliche und göttliche Liebe untrennbar zusammengehören und dass Mensch, Natur und Gott eine Einheit bilden.

Eine eigene Geschichte hat die Entstehung der englischen Fassung. Für 1912 plante Tagore eine Reise nach Europa, auf der er viele bekannte Persönlichkeiten des kulturellen Lebens treffen wollte. Wegen einer Erkrankung verschob sich die Abfahrt aus Indien. Während er in Shelaidaha wieder zu Kräften kam, begann er, einige seiner Gedichte ins Englische zu übertragen. Später schrieb er an seine Nichte Indira Devi, er habe nicht die Kraft gehabt, etwas Neues zu verfassen, und deshalb die Gedichte aus dem Gitanjali genommen und eines nach dem anderen übersetzt. Bis zu seiner Ankunft in London füllte er mehrere Hefte mit solchen Übertragungen.

Der erste Zuhörer dieser Verse war William Rothenstein, der sie an William Butler Yeats und weitere Bekannte weitergab. Auf Rothensteins Anregung gab die India Society den Gedichtband in einer Auflage von 750 Exemplaren heraus; das Vorwort schrieb Yeats. Diese erste Ausgabe erschien im November 1912 in London, während Tagore sich auf Vorschlag seines Sohnes Rathindranath in den Vereinigten Staaten, im Bundesstaat Illinois, aufhielt. Die Aufnahme war wohlwollend, und im folgenden Jahr brachte der Verlag Macmillan eine zweite Ausgabe sowie Übertragungen weiterer Werke Tagores heraus.

Nach seiner Rückkehr nach Indien erfuhr Tagore, dass ihm am 13. November 1913 der Nobelpreis für Literatur zuerkannt worden war – ausgezeichnet für seine tief empfundenen, eigenständigen und schönen Verse, in denen sich sein dichterisches Denken mit großer Meisterschaft ausdrücke. Die englische Auswahl unterscheidet sich deutlich von der bengalischen Vorlage. Sie enthält 103 Gedichte, darunter 51 aus dem bengalischen Gitanjali und weitere aus anderen Sammlungen: 18 aus Gitimalya, 16 aus Naivedya, 11 aus Kheya, 3 aus Shishu sowie je eines aus mehreren weiteren Bänden.

Stil

Kennzeichnend für die bengalischen Gedichte sind eine einfache Sprache und ein knapper, dicht gefügter Aufbau. Tagore bevorzugt eine wiederkehrende Strophenform, in der auf vier kreuzweise gereimte Verse ein Reimpaar mit neuem Klang folgt und in der abschließenden Zeile ein früherer Reim wieder aufgenommen wird. Gelegentlich erneuert er diese Form, indem er ein Dreiergefüge einschiebt oder die Strophe um ein weiteres Reimpaar erweitert. So entsteht ein musikalischer, liedhafter Ton, der zum Titel des Bandes passt. Die Kraft der Gedichte liegt gerade in dieser Verbindung von schlichten, dem Alltag entnommenen Bildern und einer klaren, sangbaren Form.

Rezeption

Von seinem ersten Erscheinen an fand der Band Anklang. William Rothenstein, dem Tagore die Übersetzungen zuerst vorlas, machte William Butler Yeats und andere darauf aufmerksam; Yeats steuerte das Vorwort zur Londoner Ausgabe von 1912 bei. Die wohlwollende Aufnahme führte rasch dazu, dass der Verlag Macmillan im folgenden Jahr eine zweite Ausgabe sowie weitere Werke Tagores herausbrachte. Den weitreichendsten Widerhall aber löste die Zuerkennung des Nobelpreises für Literatur 1913 aus, mit der die englische Fassung geehrt wurde. Damit rückte Tagores Dichtung in das Bewusstsein des westlichen Publikums und verband die literarischen Welten Indiens und Europas.

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