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Werkseintrag · Giovannis Zimmer
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Giovannis Zimmer
1956
– Werkseintrag –

Giovannis Zimmer

1956 · Roman

Ein junger Amerikaner in Paris verliebt sich in den Barkeeper Giovanni und will es doch um keinen Preis wahrhaben.

Überblick↑

Der Roman Giovannis Zimmer von James Baldwin erschien 1956 unter dem Originaltitel Giovanni's Room bei Dial Press in den Vereinigten Staaten. Er erzählt von einem jungen Amerikaner in Paris, der seine Liebe zu dem italienischen Barkeeper Giovanni verleugnet. Diese Verleugnung trägt am Ende Mitschuld an einer Tragödie. Auf Deutsch kam das Buch 1963 heraus. Die LGBT-Literaturorganisation Publishing Triangle wählte den Roman 1999 auf Platz 2 der besten Romane mit homosexueller Thematik, hinter Thomas Manns Der Tod in Venedig. Heute gilt er weithin als einer der Klassiker der Schwulenliteratur.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht David, ein Mittzwanziger aus New York, der in Frankreich lebt. Er hat seiner Freundin Hella einen Heiratsantrag gemacht. Zu Beginn sehen wir ihn allein in einem Ferienappartement in Südfrankreich, während er sich an einen Mann namens Giovanni erinnert.

In Rückblenden führt der Roman zurück in Davids Jugend. Als Jugendlicher erlebte er bei einer Übernachtung in Brooklyn eine erste sexuelle Erfahrung mit einem Jungen namens Joey. Am nächsten Morgen ging er davon und machte sich später vor anderen über ihn lustig, um sich männlicher zu fühlen. Seine Mutter war früh gestorben, er wuchs beim wohlhabenden Vater und bei Tante Ellen auf. Ohne klares Ziel im Leben überredete er den Vater, ihm einen Aufenthalt in Paris zu bezahlen.

In Paris geht David das Geld aus. Er wendet sich an seinen homosexuellen Bekannten Jacques, einen älteren Geschäftsmann, von dem er sich etwas leihen will. Gemeinsam besuchen sie die Bar von Guillaume, wo der neue Barkeeper Giovanni für Aufregung unter den Stammgästen sorgt. David und Giovanni kommen ins Gespräch und finden aneinander Gefallen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung, und sie leben zusammen in Giovannis kleinem, dunklem Zimmer. Hella hält sich unterdessen in Spanien auf und weiß nichts davon. Als sie ihre Rückkehr ankündigt, beginnt David sich von Giovanni zu distanzieren.

Die Handlung im Detail↑

Am Anfang steht David in Südfrankreich und will einen Zug nach Paris nehmen. Seine Freundin Hella ist fluchtartig in die USA zurückgekehrt. David erinnert sich schmerzhaft an Giovanni, der am nächsten Morgen mit der Guillotine hingerichtet werden soll. Von hier aus rollt der Roman die Vorgeschichte auf.

David erinnert sich an seine erste sexuelle Erfahrung mit dem Jungen Joey, die bei einer Übernachtung in Brooklyn eher unerwartet geschah. Am Morgen darauf verließ er Joey und spottete später mit anderen Jungen über ihn, um sich männlicher zu fühlen. Seine Mutter war früh gestorben. Er wuchs bei seinem wohlhabenden, alleinerziehenden Vater und bei Tante Ellen auf. Ellen warf dem Vater vor, mit seinen nächtlichen Ausgängen, dem Alkohol und den Frauen kein gutes Vorbild für den Sohn zu sein. Später baute David betrunken einen Autounfall. Weil er kein Ziel im Leben sah und eines finden wollte, ließ er sich vom Vater einen Aufenthalt in Paris finanzieren.

Nach einem Jahr in Paris drängt der Vater brieflich auf Rückkehr. David hat kaum noch Geld, will den Vater aber nicht fragen und ruft stattdessen Jacques an. Er hält nicht viel von ihm und sieht sich selbst als heterosexuell, hofft jedoch auf ein Darlehen. Gemeinsam gehen sie in Guillaumes Bar und lernen dort Giovanni kennen. Giovanni erzählt, er habe Guillaume in einem Kino getroffen; da er kein Geld hatte, ließ er sich zum Essen einladen und zum Job als Barkeeper überreden. Im Morgengrauen sitzen David, Giovanni, Jacques und Guillaume bei Weißwein und Austern in einem Restaurant im Quartier des Halles. Jacques fordert David auf, sich seiner Liebe nicht zu schämen, sonst ende er im Alter so einsam wie er selbst. Während Jacques und Guillaume sich mit Strichjungen vergnügen, geht David mit Giovanni in dessen kleine Wohnung und schläft mit ihm. Zwischendurch kehrt die Erzählung in die Gegenwart zurück: Kurz vor der Hinrichtung erscheint im Ferienappartement die katholische Haushälterin zur Inventur. Sie stammt wie Giovanni aus Italien und rät dem sichtlich mitgenommenen David, zu beten, zu heiraten und Kinder zu bekommen.

Die beiden Männer leben zusammen in Giovannis engem, dunklem Zimmer. Hella ist für längere Zeit in Spanien und erfährt nichts von der Affäre. Giovanni sieht in ihr keine Gefahr und erklärt David, Männer müssten Frauen stets dominieren. Man erfährt, dass Giovanni sein Heimatdorf verließ, als seine Freundin eine Totgeburt hatte. Als Hella ihre baldige Rückkehr ankündigt, zieht David sich zurück. Um sich seiner Heterosexualität zu versichern, schläft er mit einer flüchtigen Bekannten namens Sue. Als er in Giovannis Zimmer zurückkommt, ist dieser verzweifelt: Der eifersüchtige Guillaume hat ihn gefeuert, weil er dessen sexuellen Avancen nicht nachgab.

Als Hella zurückkehrt, verlässt David das Zimmer, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Er schreibt seinem Vater und bittet um Geld für die Hochzeit. In einem Buchladen trifft das Paar auf Jacques und Giovanni. Hella fühlt sich abgestoßen und geht rasch in ihr Hotelzimmer. David und Giovanni haben eine letzte Aussprache: David meint, sie könnten niemals zusammenleben, er verliere seine Männlichkeit, wenn er bliebe. Danach begegnet er Giovanni in Paris noch mehrfach, was ihn in Aufregung und heftige Eifersucht versetzt, besonders als Giovanni eine Beziehung mit Jacques zu beginnen scheint. An der Verlobung mit Hella hält David dennoch fest.

Dann steht Giovannis Bild in allen französischen Zeitungen: Er hat Guillaume ermordet, als er ihn völlig mittellos um Wiedereinstellung bat. David stellt sich den Hergang vor. Giovanni werde der Anstellung wegen mit Guillaume geschlafen haben und sich vor sich selbst entwürdigt haben. Guillaume habe die Wiedereinstellung danach trotzdem abgelehnt, weil er sein Ziel erreicht hatte und Giovanni durch die nun offene Homosexualität für die Stammkunden kein reizvolles Geheimnis mehr war. In seiner Wut müsse Giovanni ihn getötet haben. Giovanni wird nach kurzer Flucht verhaftet und zum Tode verurteilt.

Hella und David reisen in den Süden Frankreichs. Sie sprechen über ihre Zukunft; Hella äußert den Wunsch, als Frau auf den Mann hören zu wollen, und zweifelt zunehmend, ob David diese Rolle ausfüllen kann. Von Schuldgefühlen geplagt und seiner Sexualität unsicher, verlässt er sie für ein paar Tage und fährt nach Nizza. Die misstrauische Hella reist ihm nach und findet ihn in einer Bar küssend mit einem Matrosen. Verbittert reist sie in die USA ab. David bleibt mit dem Gedanken allein, dass Giovanni den Mord nie begangen hätte, wenn er ihn nicht verlassen hätte. Am Morgen der Hinrichtung erhält er einen Brief von Jacques, der Giovanni betrifft, und zerreißt ihn. Er will die Stücke in den Kamin werfen, doch die Papierschnipsel wehen zu ihm zurück.

Stil↑

Erzählt wird durchgehend aus der Sicht Davids, der als Ich-Erzähler zurückblickt. Gegenwart und Vergangenheit sind dabei ineinander verschränkt: Der Roman beginnt in der Nacht vor der Hinrichtung und führt von dort in Rückblenden bis in Davids Jugend zurück. Gareth Greenwall hob an dieser Bauweise die „lyrische Konzeption von Zeit“ hervor. Weil alle größeren Handlungspunkte schon nach den ersten Seiten feststehen, entsteht kein künstlicher Spannungsaufbau; der Erzähler kann frei zwischen den Zeitebenen wandern.

Auffällig ist außerdem das für Baldwin ungewöhnliche Milieu: In diesem Roman treten keine schwarzen Figuren auf. Die Handlung spielt im französischen Umfeld, vor allem in Paris und in Südfrankreich. Deutsche Kritiker der Nachkriegszeit bemängelten, dass sich in die Dialoge gelegentlich sentimentales Pathos einschleiche.

Rezeption↑

Nach langen Wirren erschien der Roman 1956 auch in den USA. Baldwin hatte befürchtet, man werde seinen autobiografischen Hintergrund ausbreiten und über seine sexuellen Vorlieben spekulieren; in fast keiner Kritik geschah das. Leslie A. Fiedler bescheinigte ihm, mit diesem Buch vom „schwarzen Schriftsteller“ zum „Schriftsteller“ geworden zu sein, der sich auch an andere Themen heranwage. Insgesamt fielen die Besprechungen gemischt aus, denn viele Kritiker hatten ein weiteres Werk mit Schwarzenthematik erwartet. Lange galt das Buch in den USA deshalb als „eine Art Jugendsünde“, die „umso eher zu verzeihen sei, als das Buch wie schon der Erstling Go Tell Zeugnis ablege vom großen Wortkünstler und Stilisten Baldwin“.

Viele Kritiker der 1950er-Jahre reagierten zurückhaltend bis feindlich auf das Thema. Einer nannte Homosexualität „geschmacklos“ und fand die Figuren „mehr auf krude Weise komisch als tragisch“. David Karp lobte dagegen, Baldwin schreibe ehrlicher über die körperlichen Seiten männlicher Liebe als die meisten, die über das Thema geschrieben hätten, und behalte dabei „einen sehr delikaten Sinn für guten Geschmack“, sodass die „abscheulichen“ Figuren den Leser nie „belästigen“ würden. Neben der Homosexualität hoben amerikanische Kritiker die Vergleiche zwischen europäischer und amerikanischer Lebensart hervor und stellten Baldwin neben Jean Genet.

In Deutschland kam der Roman 1963 heraus. Pauschale Ablehnung wegen des Themas gab es hier seltener, doch die Kritik blieb im Ganzen kühl, mit deutlich negativen wie positiven Stimmen. Häufig wurde beanstandet, das Pathos der Dialoge komme „zuweilen dem Kitsch bedenklich“ nahe. Der Spiegel bemerkte mit Blick auf den Schauplatz und Baldwins Pariser Aufenthalt, eine Generation nach Hemingway diene die „französische Metropole amerikanischen Nonkonformisten noch immer als Ort der Reife“. Über das Buch selbst urteilte das Blatt abschätzig: „Der teils romantisierende, teils freudlos-freudianische Psychoreport des Ich-Erzählers ist zu konstruiert, als daß er das Leserinteresse auf die Dauer engagieren könnte.“

Horst Bienek und Siegfried Lenz rückten in ihren Rezensionen das Außenseiter-Thema in den Vordergrund. Nach Bienek ähneln sich die Außenseiterrollen eines Schwarzen und eines Homosexuellen; am Romanende müsse David sich zum Menschsein und zu seiner Homosexualität bekennen. Fritz J. Raddatz betonte stattdessen Liebesunfähigkeit und Selbsthass der Figuren: „(...) zwei Menschen, deren Liebesfähigkeit und Liebesmöglichkeit zersetzt ist, deren Vorbelastung nicht zulässt, was Baldwin typischerweise 'eigenartige Unschuld und Vertrautheit' nennt“. Als Hauptthemen sah Raddatz die Identitätssuche und die „Verflechtung von Vereinzelung, Selbstentfremdung und Selbsthass“.

Heute zählt das Buch weithin zu den Klassikern der Schwulenliteratur. Gareth Greenwall schrieb zum sechzigsten Jahrestag des Romans in The Guardian, er wirke als „Antidot gegen Scham“. Zugleich sei er eine Reflexion über Amerika und Europa: Davids typisch amerikanischer Glaube, alle Entscheidungen frei zu treffen und sich für das „Gute“ entscheiden zu können, zerbricht an der Entdeckung seiner homosexuellen Neigungen.

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