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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt James Baldwin
James Baldwin
1924 – 1987
– Autorenporträt –

James Baldwin

1924 – 1987 · 63 Jahre

Erzähler und Essayist aus Harlem, der über Rassismus und Homosexualität schrieb, lange bevor die Gleichstellung erkämpft war – und der vier Jahrzehnte im französischen Exil lebte.

Kurzbiografie↑

Zu den bekanntesten amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zählt James Baldwin, der 1924 in Harlem geboren wurde und 1987 in Südfrankreich starb. In seinen Romanen und Essays behandelte er Rassismus und Sexualität zu einer Zeit, als die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Schwarzen und Homosexuellen in den Vereinigten Staaten noch längst nicht erreicht war. Berühmt wurde er für einen sehr persönlichen Ton, in dem er Fragen der Identität und den seelischen Druck der Ausgegrenzten zur Sprache brachte. Sein Durchbruch gelang 1953 mit dem Roman Go Tell It on the Mountain, der seine Kindheit in der Kirchengemeinde des Stiefvaters spiegelt. Baldwin engagierte sich in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung; den überwiegenden Teil seines Lebens verbrachte er jedoch im selbstgewählten Exil in Frankreich.


Biografie↑

Geboren wurde er am 2. August 1924 als James Arthur Jones, als erstes Kind der alleinstehenden Emma Berdis Jones. Sein leiblicher Vater ist unbekannt. Als Geburtsort verzeichnen die Nachschlagewerke einheitlich den New Yorker Stadtteil Harlem, wobei die Deutsche Nationalbibliothek dies als „New York-Harlem“ führt, die Datenbank Wikidata den Stadtteil unter eigenem Namen. Die Mutter heiratete den deutlich älteren Fabrikarbeiter und Baptistenprediger David Baldwin, der im Zuge der großen Binnenwanderung aus New Orleans nach New York gekommen war. Im Alter von drei Jahren erhielt der Junge dessen Nachnamen. Die Mutter des Stiefvaters war in ihrer Jugend noch Sklavin gewesen. Acht weitere Kinder kamen in den folgenden Jahren zur Welt.

Die Jugend im Ghetto war von Armut, Mangel und Diskriminierung geprägt, dazu vom strengen Glauben der Pfingst- und Holiness-Bewegung, der die Familie angehörte. Der Stiefvater konnte die große Familie kaum ernähren und suchte als Laienprediger Trost in der Aussicht auf ein besseres Leben im Jenseits. Er schlug seine Kinder oft. Baldwin deutete das später als Reaktion auf den Rassismus: Der Vater ließ seine Wut über die Weißen an den eigenen Kindern aus und wurde schließlich von Verfolgungsangst zerfressen. Das Verhältnis zwischen beiden war früh zerrüttet.

Mit vierzehn Jahren hatte Baldwin ein Erweckungserlebnis, das später der Figur John Grimes in seinem Debütroman als Vorlage diente. Ab 1938 fand er in der Pfingstgemeinde des Stiefvaters Anerkennung als jugendlicher Prediger. Die Rivalität mit dem Stiefvater nahm dadurch eher zu. 1941 wandte er sich nach drei erfolgreichen Predigerjahren von der Kirche ab; damit war die Entfremdung endgültig. Er war zu der Überzeugung gelangt, dass die Ghettokirchen nur eine Maske für Hass, Selbsthass und Verzweiflung seien.

Schon als Kind las er leidenschaftlich in den öffentlichen Bibliotheken New Yorks. Zu seinen frühen Leseerfahrungen zählten Harriet Beecher-Stowe, Horatio Alger und Charles Dickens; ermutigt wurde er von Freunden und von seiner Lehrerin Orilla Miller. In Dostojewskis Werk erlebte er als Jugendlicher eine Befreiung aus der Einsamkeit: Die Literatur zeigte ihm, dass er mit Armut, Schwäche und seelischer Not nicht allein war.

1942 schloss er die De Witt Clinton High School in der Bronx ab, eine angesehene Schule, die vor allem von weißen, meist jüdischen Schülern besucht wurde. Dort hatte er die Schülerzeitung The Magpie mit herausgegeben und erste Kurzgeschichten und Gedichte veröffentlicht. Er verließ die Familie und lebte in New Jersey von Gelegenheitsarbeiten, um daneben schreiben zu können. Ein Jahr darauf zog er nach Greenwich Village. Dort begegnete er den damals noch unbekannten Beat-Autoren Jack Kerouac und Allen Ginsberg sowie dem Maler Beauford Delaney, der ihm ein väterlicher Freund wurde. Als der Stiefvater 1943 starb, sah sich Baldwin verpflichtet, die Familie mit zu ernähren; vom Entschluss, Schriftsteller zu werden, ließ er dennoch nicht ab.

Einen Förderer fand er in dem sechzehn Jahre älteren Richard Wright, damals einem der bekanntesten schwarzen Autoren der Vereinigten Staaten. Nach einem ersten Treffen 1944 verhalf Wrights Fürsprache ihm zu einem Stipendium für ein Romanprojekt. Das Projekt scheiterte, lieferte aber Jahre später den Stoff für Go Tell It on the Mountain. 1946 erschien seine erste Buchrezension in der Zeitung The Nation. In den folgenden Jahren machte er sich als Essayist und Rezensent einen Namen. 1948 folgte die Kurzgeschichte Sonny's Blues.

Mit Wright kam es zum Bruch. In den Essays Everybody's Protest Novel (1949) und Many Thousands Gone (1951) griff Baldwin dessen Roman Native Son an. Er nannte das Buch einen Protestroman und zweifelte an dessen künstlerischem Rang. Wrights Held Bigger Thomas sei eher ein soziologisches Experiment als ein wirklicher Mensch: ohne Entwicklung, ohne echte Beziehungen, ein Stereotyp des gewalttätigen, hasserfüllten Schwarzen aus der Zeit der Sklaverei. Die Freundschaft zerbrach daran. Zugleich machte Baldwin später immer wieder deutlich, wie viel er seinem literarischen Ziehvater verdankte: Der Titel seines ersten Essaybandes Notes of a Native Son spielt unüberhörbar auf Wrights Roman an.

Im November 1948 ging Baldwin ins Exil nach Paris. Den Rassismus in New York hatte er als reale Lebensgefahr empfunden; als konkreten Anlass nannte er den Suizid seines Freundes Eugene Worth. Anders als Wright, der in den Kreisen der französischen Geisteselite verkehrte, lebte Baldwin zunächst in bitterster Armut unter schwarzen Franzosen, Obdachlosen und amerikanischen Einwanderern. Wegen des Besitzes von Diebesgut saß er einige Tage in Haft, was er im Text Gleichheit in Paris verarbeitete. In den frühen Pariser Jahren erlebte er mit dem jungen Schweizer Maler Lucien Happersberger das, was er selbst die Liebe seines Lebens nannte. Auch nach der Trennung blieben beide bis zu Baldwins Tod in Kontakt.

Die folgenden vier Jahrzehnte verbrachte er überwiegend in Frankreich und sprach von einer Selbstexilierung. In den USA, so seine Überzeugung, hätte er sich nicht entwickeln können. Zugleich erlaubte ihm der Abstand, die Welt nicht mehr nur mit amerikanischen Augen zu sehen. Mehrere Monate lebte er mit Happersberger im Schweizer Kurort Leukerbad, woraus der Essay Stranger in the Village hervorging. Dort war er den Dorfbewohnern wegen seiner Hautfarbe ein Wunder, das beinahe wie ein exotisches Tier bestaunt wurde.

1953 gelang der Durchbruch mit Go Tell It on the Mountain. In Europa vollendete er auch Giovanni's Room, der wegen seines Themas großes Aufsehen erregte: Der weiße Held geht nach Frankreich und findet sich in einer homosexuellen Beziehung wieder. 1961 grenzte sich Baldwin im Sammelband Nobody Knows My Name scharf von Wright ab. Sein Roman Another Country wurde rasch ein Bestseller. Baldwin engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung; besonders die Schrift The Fire Next Time hatte großen Einfluss, in der er die rassistische Struktur und die sexuelle Doppelmoral der amerikanischen Gesellschaft untersuchte. Seit 1961 hielt er sich außerdem regelmäßig in Istanbul auf, wo er ungestört arbeiten konnte.

Nach den Attentaten auf Malcolm X 1965 und Martin Luther King 1968 suchte er erneut Abgeschiedenheit. 1970 ließ er sich in Saint-Paul-de-Vence in Südfrankreich nieder, wo er in einem Bauernhaus arbeitete und Gäste wie Maya Angelou und Toni Morrison empfing. Sein Einfluss auf die schwarze Politik nahm ab; gegenüber der erstarkten Black-Power-Bewegung galt er als moderat. In seinem letzten Roman Just Above My Head (1979) nahm er am Leben eines berühmten Gospelsängers seine lebenslange Auseinandersetzung mit der afroamerikanischen Kirche und Musik wieder auf. 1986 wurde er zum Kommandeur der französischen Ehrenlegion ernannt. Am 1. Dezember 1987 starb er in Saint-Paul-de-Vence im Alter von 63 Jahren an Speiseröhrenkrebs. Begraben wurde er auf dem Ferncliff Cemetery in Hartsdale im Staat New York.


Literarische Merkmale↑

Programmatisch für Baldwins Schreiben wurde sein Bekenntnis zum Realismus, das aus der Auseinandersetzung mit Richard Wright erwuchs. An die Stelle von Stereotypen sollten wirkliche, vielschichtige, fast widersprüchliche Menschen treten, mit inneren Konflikten und verwickelten Beziehungen zueinander. Gerade dieses Innenleben, so seine Überzeugung, muss der Künstler besonders genau nachzeichnen. Wer auf diese Suche verzichtet, gibt nur die vereinfachten, diskriminierenden Vorstellungen seiner Umwelt wieder.

Die Wirklichkeit sollte danach nicht verschleiert oder vereinfacht, sondern in ihrer ganzen Verwicklung sichtbar werden. Völlige Objektivität hielt Baldwin für unerreichbar: Jeder Autor bleibt an Ort, Zeit und gesellschaftliche Stellung gebunden. Umso wichtiger war ihm eine glaubwürdige, lebensechte Darstellung. Ein Hauptzweck dieser Haltung war es, dem Leser das Ertragen der Wirklichkeit zu erleichtern, indem er erkennt, dass er sein Leid mit anderen teilt. Als Vorbilder dienten ihm Henry James, Charles Dickens und Honoré de Balzac.

Seine Erzählungen sind bekannt für den sehr persönlichen Ton, in dem Fragen der Identität von Schwarzen und Homosexuellen und der damit verbundene gesellschaftliche und seelische Druck zur Sprache kommen. Immer wieder schrieb er aus eigener Erfahrung heraus: Der Debütroman spiegelt seine Kindheit in der Kirchengemeinde, Giovanni's Room die Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Orientierung, The Fire Next Time setzt bei persönlichen Erlebnissen an, um daraus eine Analyse der amerikanischen Gesellschaft zu entwickeln. Seine späte Arbeit verstand er nicht als Dokumentation, sondern als persönliches Zeugnis der Bürgerrechtsjahre, die er selbst durchlebt hatte. Wo Baldwin dem politischen Protest großen Raum gab, wurde ihm allerdings vorgeworfen, die künstlerische Distanz zu verlieren.


Rezeption↑

Bereits zu Lebzeiten fanden Baldwins Romane rasch ihren Weg ins Ausland und erschienen zeitnah auch auf Deutsch in der Bundesrepublik. In der DDR brachte der Verlag Volk und Welt nach Baldwins Tod den Roman Eine andere Welt in vier Auflagen heraus. In der Bundesrepublik blieben die vorhandenen Übersetzungen als Taschenbücher im Handel. Einige seiner Werke gehören zur Schullektüre im Englischunterricht.

Nicht alle Kritik fiel wohlwollend aus. Bei Another Country gelang es Baldwin nach dem Urteil mancher Kritiker nicht hinreichend, künstlerische Distanz und politischen Protest zu vereinbaren. Mario Puzo urteilte über Tell Me How Long the Train's Been Gone, Baldwin habe ein reines Propagandawerk vorgelegt, das vielleicht gesellschaftlich bedeutsam sei, mit Kunst aber nichts zu tun habe.

Im Umfeld der Bewegung „Black Lives Matter“ und der erneuten Rassismusdebatten wurde Baldwin in den 2010er Jahren in vielen Ländern breit gelesen. Seine Kritik am rassistischen System der Vereinigten Staaten, etwa an der Polizeigewalt, wird bis heute regelmäßig zitiert. Er zählt heute zu den bekanntesten Autoren seiner Zeit; Künstler wie Madonna nennen ihn als Inspirationsquelle. Oft verbreiten sich im Netz allerdings Kurzzitate, die der Vielschichtigkeit seines Werkes nicht gerecht werden. Der Verlag dtv begann im Frühjahr 2018 mit einer schrittweisen Neuübersetzung des Gesamtwerks durch Miriam Mandelkow. Der erste Band, Von dieser Welt, erschien Ende Februar 2018 und schaffte es 2018 auf die SWR-Bestenliste, die ORF-Bestenliste und bis auf Platz 12 der Bestsellerliste des Spiegel. Für diese Neuübersetzung erhielt Mandelkow unter anderem den Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis 2020.

Auch das Kino griff sein Werk auf. Raoul Pecks Dokumentarfilm I Am Not Your Negro von 2017 machte Baldwins unvollendetes Manuskript Remember This House zur Grundlage einer filmischen Collage. Barry Jenkins verfilmte If Beale Street Could Talk; Regina King wurde 2019 dafür mit einem Oscar als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. Der Kulturjournalist René Aguigah beschreibt Baldwin im Anschluss an Michel Foucault als „spezifischen Intellektuellen“, der sich fast nur zu seinem Fachgebiet äußerte, den Problemen der Schwarzen in den USA. Diese Sachkenntnis stammte aus intensiver Forschung ebenso wie aus eigener Erfahrung. Einem geschlossenen Weltbild wie dem Marxismus schloss Baldwin sich nie dauerhaft an; auch zur schwarzen Kirche um Martin Luther King und zu den Black Muslims um Malcolm X wahrte er Abstand.

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