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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Das Judenauto
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Das Judenauto
1962
– Werkseintrag –

Das Judenauto

1962 · Erzählung

Vierzehn Erzählungen über einen jungen Mann, der dem Nationalsozialismus verfällt – Franz Fühmanns mutiger Rückblick auf die eigene Verführbarkeit.

Überblick↑

Das Werk Das Judenauto ist eine Sammlung von vierzehn Erzählungen, die der DDR-Schriftsteller Franz Fühmann 1962 veröffentlichte. In autofiktiver Form blickt er darin auf seine eigene Kindheit und Jugend zurück und schildert, wie ein junger Mensch dem Nationalsozialismus verfällt und sich später von ihm löst. Der Band gilt als mutiges Täterbekenntnis, das zu einer Zeit erschien, als beide deutsche Staaten die eigene Vergangenheit lieber verdrängten. Die lange fällige Anerkennung erhielt der Zyklus erst mit erheblicher Verspätung.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Eine Frage steht am Anfang und zieht sich als Leitmotiv durch den ganzen Band: „Wie tief hinab reicht das Erinnern?“ Von dieser Haltung getragen, vergegenwärtigt Franz Fühmann in Das Judenauto die ersten Lebensjahrzehnte einer Ich-Figur.

In vierzehn Berichten wird erzählt, wie dieser Erzähler zwischen 1929 und 1949 bedeutende geschichtliche Ereignisse erlebt. Der Untertitel „14 Tage in zwei Jahrzehnten“ deutet die Bauweise an: Jede Erzählung greift einen einzelnen Tag heraus und macht ihn zum Fenster auf eine ganze Epoche. Der Leser begleitet die Figur als Schüler, als begeisterten Soldaten der Wehrmacht und schließlich als sowjetischen Kriegsgefangenen.

Im Mittelpunkt steht dabei kein Widerstandskämpfer, sondern ein ganz gewöhnlicher junger Mensch, an dem sichtbar wird, wie eine verderbliche Ideologie langsam von einem Heranwachsenden Besitz ergreift. Wie dieser Weg endet, bleibt der eigenen Lektüre vorbehalten.

Die Handlung im Detail↑

Ausgehend von der Frage „Wie tief hinab reicht das Erinnern?“ erzählt Franz Fühmann in vierzehn Episoden das Leben einer Ich-Figur zwischen 1929 und 1949. Die Berichte sind autofiktiv gestaltet: Sie folgen den Umrissen von Fühmanns eigener Biografie, ohne bloße Chronik sein zu wollen.

Jede der vierzehn Erzählungen konzentriert sich auf einen einzelnen Tag und verknüpft ihn mit einem gewichtigen historischen Geschehen. So spannt sich der Bogen über zwei Jahrzehnte. Die Ich-Figur durchläuft dabei die Stationen einer ganzen Generation: Sie beginnt als Schüler, wird zum begeisterten Soldaten der Wehrmacht und gerät schließlich in sowjetische Kriegsgefangenschaft.

Der Zyklus legt offen, wie die nationalsozialistische Ideologie einen harmlosen Heranwachsenden schleichend in Besitz nimmt. Über die Titelepisode hinaus rücken weitere Erzählungen die Verbrechen der Wehrmacht, Zwangsarbeit und Raubbau sowie den alltäglichen Rassismus in den Blick.

Am Ende steht die Entscheidung des Kriegsgefangenen, die DDR als neue Heimat zu wählen. In der Schlusserzählung wird eine „für wahr genommene Wunschvorstellung“ des Textes aufgelöst. In der Ausgabe von 1968 versah Fühmann diesen Schluss zusätzlich mit einer distanzierenden Nachbemerkung, die den Erzählprozess noch einmal von außen betrachtet und zurechtrückt.

Stil↑

Kennzeichnend für Das Judenauto ist die autofiktive Erzählweise: Fühmann verwebt eigenes Erleben und literarische Gestaltung so, dass aus persönlicher Erinnerung ein allgemeingültiger Bericht wird. Getragen wird der ganze Band von der leitmotivischen Frage nach der Reichweite des Erinnerns.

Die Form ist streng gebaut. Vierzehn kurze Erzählungen bilden einen Zyklus, in dem jeweils ein einzelner Tag stellvertretend für eine längere Zeitspanne steht – so verdichtet der Untertitel „14 Tage in zwei Jahrzehnten“ das Verfahren. Der Text ringt erkennbar um Wahrhaftigkeit und wählt die Perspektive des Täters, nicht die des Opfers oder des Widerständlers. Gerade in der Titelerzählung gelingt es Fühmann, den Vorgang der Indoktrination mit hoher Glaubwürdigkeit und poetischer Dichte sichtbar zu machen.

Rezeption↑

Auffällig gering fiel die zeitgenössische Resonanz in der DDR aus. Ein Erzähler, der dem Nationalsozialismus zunächst verfällt und nicht von Anfang an auf der richtigen Seite steht, passte nicht in das kulturpolitische Selbstbild eines Staates, der sich per Proklamation zum antifaschistischen erklärt hatte. Das Werk gilt zudem als beispielhafter Zensurfall im DDR-Literaturbetrieb; ein Vergleich der gedruckten Fassungen mit der zunächst unbekannten Urfassung hat dies belegt.

In der Bundesrepublik fand die Diogenes-Ausgabe von 1968 durchaus Beachtung, zunächst freilich vor allem wegen Fühmanns distanzierender Nachbemerkung. Erst nach dem gesellschaftlichen Wandel gewann der Band an Aufmerksamkeit. Er wurde, besonders im Bildungsbereich, häufig nachgedruckt und in den Rang kanonischer Literatur der kurzen Form gehoben.

Diese Wertschätzung galt meist der Titelepisode. Zu ihr merkt Mochem an: „Wohl nur selten ist der Prozeß der Indoktrination, der schleichenden Inbesitznahme eines harmlosen Heranwachsenden durch die verderbliche Ideologie […] mit ähnlicher Glaubwürdigkeit und poetischer Intensität dargestellt worden.“ Übersehen wurde lange, dass Fühmann schon Anfang der 1960er Jahre in weiteren Episoden eine Sicht auf die Verbrechen der Wehrmacht, auf Zwangsarbeit und Alltagsrassismus entfaltete, wie sie sich in der gesamtdeutschen Öffentlichkeit erst seit den 1990er Jahren durchzusetzen begann.

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