Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Das Jahr der Seele
Eingang · Werke · Das Jahr der Seele
Cover Das Jahr der Seele
Das Jahr der Seele
1897
– Werkseintrag –

Das Jahr der Seele

1897 · Lyrik

Stefan Georges berühmter Gedichtzyklus, in dem Herbst, Winter und Sommer im stillen Park zum Spiegel der Seele werden.

Überblick

Mit dem 1897 erschienenen Gedichtband Das Jahr der Seele gelang Stefan George der literarische Durchbruch. Die Sammlung gilt als bedeutendstes Werk seiner ersten Schaffensperiode und als Versuch, die deutsche Naturlyrik unter den Bedingungen der Moderne zu erneuern. Mit klaren Formen, erlesenem, doch nicht künstlich überfeinertem Stil und einer lyrischen Spiegelung der Jahreszeiten gehören die Verse zu den erfolgreichsten Georges. Sie begründeten seinen Ruhm als einen der wichtigsten deutschen Dichter der Jahrhundertwende. Bis heute sind sie in vielen deutschen Lyrik-Anthologien zu finden.

Inhalt (ohne Spoiler)

Der Band versammelt 98 Gedichte und ist in drei Teile gegliedert. Am Anfang steht ein Gedichtkreis zu den Jahreszeiten: dem Herbst sind die Verse Nach der Lese gewidmet, dem Winter Waller im Schnee, dem Sommer Sieg des Sommers. Auffällig fehlt der Frühling als eigener Abschnitt – die Sammlung umkreist die anderen drei Jahreszeiten und macht daraus ein inneres Jahr der Seele.

Der mittlere Teil heißt Überschriften und Widmungen. Hier finden sich Verse, die teils älteren Datums sind und Begegnungen, Stimmungen und poetische Erfahrungen festhalten. Daran schließen sich Erinnerungen an Abende „innerer Geselligkeit" und eine Gruppe von Spruchdichtungen mit Monogrammen über den Strophen an.

Der Band endet mit den 32 Gedichten der Traurigen Tänze. Ihr Bau aus je drei vierzeiligen Strophen erinnert an die Jahreszeitgedichte vom Anfang und schlägt einen Bogen zurück zum Beginn.

Statt um äußere Handlung geht es um ein Gespräch der Seele mit sich selbst, das sich an der Natur entzündet. Parks, Teiche und Uferwege sind der Schauplatz. Nicht die wilde Natur bildet ihn, sondern eine gebändigte, menschlich gestaltete Landschaft. In ihr begegnet das lyrische Ich leidend und hoffend, trauernd und sinnierend dem Wechsel der Jahreszeiten.

Die Handlung im Detail

Eine Handlung im erzählerischen Sinn gibt es nicht; was sich entfaltet, ist ein seelisches Jahr in drei Bewegungen.

Der erste Teil führt durch die Jahreszeiten – allerdings nicht in der gewohnten Reihenfolge. Den Auftakt macht der Herbst mit Nach der Lese, es folgen der Winter mit Waller im Schnee und der Sommer mit Sieg des Sommers. Der Frühling fehlt als eigener Abschnitt. Eröffnet wird der ganze Band durch eines der berühmtesten Gedichte Georges: Komm in den totgesagten Park und schau, dessen erste Strophe zu den schönsten Zeugnissen lyrischer Landschaftsfeier gezählt wird. Im vierten Herbstgedicht, Wir schreiten auf und ab im reichen Flitter, bildet wieder der Park den Hintergrund. Die Buchen stehen in geordneter Reihe, die Anlage ist mit einem Gitter von der profanen Welt abgetrennt: Sie wird zum „Fanum", zum heiligen Bezirk, in dem der priesterlich schreitende Dichter sich vom Gewöhnlichen absondert.

Aus den geschichtlichen Bildungswelten der vorhergehenden Bücher – der Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänge, der Hängenden Gärten – kehrt das lyrische Ich nun in die eigene Seele zurück. Die Natur ist Hintergrund und symbolische Entsprechung des inneren Geschehens. Sie ist nicht ausgemalt, sondern besteht aus suggestiven Details, Farben und Tönen: gebändigte Landschaft, kein wildes Außen.

Der mittlere Teil, Überschriften und Widmungen, versammelt Verse, die teils zwischen 1894 und 1896 entstanden sind und der Freundschaft und schwärmerischen Liebe Georges zu Ida Coblenz – der späteren Frau Richard Dehmels – verdankt sind. Daran schließen sich die Erinnerungen an einige Abende innerer Geselligkeit und eine Gruppe von Spruchdichtungen, denen Monogramme über die Strophen gesetzt sind.

Der dritte und abschließende Teil, die Traurigen Tänze, besteht aus 32 Gedichten. Ihr Aufbau – je drei vierzeilige Strophen – greift den Klang des Anfangs wieder auf und schließt den Band in einer elegischen, schwebend schwermütigen Stimmung. Der Herbst, der den Band eröffnet hat, kehrt hier als seelische Jahresdämmerung wieder. Eines der dunkelsten und rätselhaftesten Gedichte Georges, Ihr tratet zu dem Herde, gehört zu diesem letzten Zyklus; seine Schlusszeile „es ist worden spät" lässt das Gefühl eines ganzen Weltalters anklingen.

Der Titel selbst geht auf Friedrich Hölderlins Elegie Menons Klagen um Diotima zurück, wo es heißt: „Wo die Gesänge wahr, und länger die Frühlinge schön sind / Und von neuem ein Jahr unserer Seele beginnt." Gewidmet hat George den Band seiner Schwester Anna Maria Ottilie. In der Vorrede zur zweiten Ausgabe wehrte er biographische Deutungen ab: das menschliche und landschaftliche Urbild sei durch die Kunst so umgeformt, dass es den Leser eher verwirre; in diesem Werk seien „ich und du die selbe seele."

Stil

Die Gedichte sind streng gebaut. Von wenigen Ausnahmen abgesehen handelt es sich in der ersten, bedeutenden Gruppe um jambische Fünfheber mit meist drei vierzeiligen Strophen, regelmäßig gereimt und mit weiblicher Kadenz. So entsteht ein gleichmäßig getragener Ton, der zur inhaltlichen Geschlossenheit der drei Abschnitte passt: alles ist auf Verdichtung und Verinnerlichung hin gefügt.

Die Sprache ist erlesen, dabei nicht preziös. Sie sucht nicht das pathetische Wort, sondern das genaue. Die Natur erscheint nie als blühende Wildnis, sondern als Park, Teich oder Ufer mit Pfaden. Das ist eine gebändigte, menschlich geformte Landschaft, in der das Innere des lyrischen Ich seinen Widerhall findet. Statt deutlich gezeichneter Bilder reihen sich suggestive Details, Farben und Töne aneinander, die eine Stimmung tragen.

Auch die äußere Gestalt des Buches ist Teil des Stils. Die Buchausgabe erschien in von Georges eigener Handschrift abgeleiteten Drucktypen und war mit Buchschmuck des Malers Melchior Lechter versehen. Die Verse setzen Kleinschreibung und sparsame Zeichensetzung ein – Markenzeichen Georges, die dem Druckbild eine eigene Ruhe geben.

Rezeption

Das Werk Das Jahr der Seele ist Georges meistgelesener und meistrezipierter Gedichtband. Er machte den Dichter über die Leserschaft der von ihm herausgegebenen Blätter für die Kunst hinaus bekannt und begründete seinen zeitgenössischen Ruhm. Viele der Gedichte wurden mehrfach vertont, unter anderem von Anton Webern. Literaturwissenschaftler erklärten den Erfolg damit, dass George traditionelle Erwartungen erkannt und sich dem überlieferten Lyrikverständnis angenähert habe: die seit der Frühromantik vertraute Verbindung von Erlebnis und gefühlter Landschaft, eingebettet in den Lauf der Jahreszeiten.

Hugo von Hofmannsthal achtete und bewunderte den Dichter, war aber eher dessen heimlicher Antipode. Das Verhältnis endete 1906 nach einem unfreundlichen Briefwechsel im Bruch. In seinem fiktiven Gespräch über Gedichte zitierte Hofmannsthal Verse aus den Jahreszeitgedichten. Er ließ einen seiner Sprecher die Jahreszeiten als „Träger des Anderen" feiern – Stimmungen, die mit Landschaft, Luft und Hauch verflochten seien.

Friedrich Gundolf, Mitglied des George-Kreises, sah in dem Werk „die letzte große Dichtung des europäischen Weltschmerzes". Den Titel las er als Ankündigung eines objektiven Vorgangs: den Lauf der Naturvorgänge als inneres Leben eines Menschen. Gottfried Benn nannte das Eingangsgedicht das „schönste Herbst- und Gartengedicht unseres Zeitalters". An George rühmte er die apollinische Klarheit, die Zartheit, das reine Bild – im Gegensatz zu Nietzsche und Hölderlin, deren Verse aus Qual und Zerstörung gewachsen seien. Theodor W. Adorno schätzte George trotz ideologiekritischer Vorbehalte als großen Dichter. Das zu den Traurigen Tänzen gehörende Ihr tratet zu dem Herde hielt er für das größte und rätselhafteste Gedicht Georges. Friedrich Sieburg lobte die Reinheit der Sprache und sprach beim ersten Gedicht der Sammlung von einer „Wiedergeburt deutscher Dichtung".

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten