1838
Das Hospiz auf dem großen Sankt Bernhard
Überblick↑
Das Werk Das Hospiz auf dem großen Sankt Bernhard ist ein Versepos in drei Gesängen von Annette von Droste-Hülshoff. Es spielt am Hospiz auf dem Großen St. Bernhard, einem der wichtigsten Alpenübergänge der Walliser Alpen, und erzählt von einem alten Mann und seinem Enkel, die in einer Winternacht über den vereisten Pass ziehen. Den Anstoß zu der Dichtung gab eine romantische Erzählung über den Bernhardinerhund Barry. Die Droste arbeitete über mehrere Jahre an dem Werk, das zu ihren frühen Arbeiten zählt und nur teilweise zu ihren Lebzeiten erschien.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist das Hospiz auf dem Großen St. Bernhard, hoch in den Walliser Alpen an einem vielbegangenen Gebirgspass. Benoit, ein Greis, der den Berg seit seiner Jugend kennt, will mit seinem verwaisten Enkel Henri den Pass überqueren. Er möchte den Knaben zu seiner Tochter Rose auf die savoyische Seite bringen, wo dieser in guter Obhut sein soll.
Doch eine stürmische Winternacht und beißende Kälte überraschen die beiden. Sie suchen Zuflucht, kämpfen sich durch Schnee und Eis und hören aus der Ferne die Glocke des Hospizes. Im Hospiz selbst halten die Mönche Wacht, läuten die Glocke, um verirrten Wanderern den Weg zu weisen, und schicken bei Gefahr ihre Hunde und Suchtrupps in den Schneesturm hinaus. Unter den Tieren ist der Bernhardiner Barry, der zur Rettung Verirrter ausgebildet ist.
Das Epos verbindet so die Not zweier Wanderer mit dem alten Brauch der Mönche, in den Bergen Menschenleben zu retten.
Die Handlung im Detail↑
Im ersten Gesang versucht der Greis Benoit, der seit seiner Jugend mit dem Großen St. Bernhard vertraut ist, gemeinsam mit seinem verwaisten Enkel Henri den Pass zu überqueren. Sein Ziel ist Saint-Remy auf der savoyischen Seite, wo seine Tochter Rose lebt und den Knaben in Obhut nehmen soll. Von der stürmischen Winternacht und der Eiseskälte überrascht, finden die beiden Zuflucht in einer Totenkapelle, in der die Mönche des Hospizes Brot und Wein zurückgelassen haben. Der Schauer dieses Ortes treibt sie jedoch wieder hinaus. In der Ferne hören sie die Glocke des Hospizes. Mit Mühe überwinden sie den vereisten Steg über die Drance. Vom Bellen eines Hundes und den Stimmen eines vorbeiziehenden Suchtrupps der Mönche angezogen, schläft der erschöpfte Greis schließlich ein.
Im zweiten Gesang hält in der Kirche des Hospizes der Mönch Eleuthère Wacht und läutet die Glocke, um verirrten Wanderern den Weg durch den Schneesturm zu weisen. Um drei Uhr erscheint der Bernhardiner Barry an der Tür und trägt den Knaben Henri auf seinem Rücken. Während sich die älteren Mönche um die Rettung des Kindes bemühen, brechen sechs jüngere, begleitet vom alten Denis, auf, um den vermissten Großvater zu suchen. Barry entdeckt ihn, halb im Schnee begraben. Die Mönche tragen ihn ins Hospiz, doch zunächst können sie dort offenbar nur noch seinen Tod feststellen.
Im dritten Gesang bringt ein Mönch mitten in den fröhlichen Trubel des beginnenden Jahrmarkts in Saint-Remy der Tochter Rose die Botschaft vom Tod ihres Vaters. Gemeinsam mit ihrem Gatten Etienne und dem Mönch steigt sie zum Hospiz hinauf. Dort findet sie ihren Vater wiederbelebt vor. Nun schildert der Greis selbst die Vorgeschichte: wie er mit seiner anderen Tochter bei deren Hochzeit von Saint-Remi über den Pass nach Saint-Pierre gezogen war und wie er schließlich, nach dem Tod dieser Tochter und dem Unfall seines Schwiegersohns, das Enkelkind in die Heimat zurücktragen wollte. Dieser dritte Gesang deutet die Tragik des Geschehens in eine wunderhafte Rettung um. Er blieb zu Lebzeiten der Dichterin unvollendet und wurde erst aus dem Nachlass veröffentlicht.
Stil↑
Geformt ist die Dichtung als Versepos in drei Gesängen. Als Versmaß dient ein jambischer Vierheber, also ein gleichmäßig schreitender, eher schlichter Vers, der dem erzählenden Charakter des Werks entgegenkommt. Die Droste, die selbst nie den Großen St. Bernhard besucht hatte, gestaltet die hochalpine Schneelandschaft als bedrohlichen, lebensfeindlichen Raum. Sturm, Eiseskälte und die schweigende Totenkapelle bilden eine düstere Kulisse, vor der sich die Rettung durch Hund und Mönche umso stärker abhebt. Der Aufbau spielt die Wege mehrerer Figuren gegeneinander aus: den verzweifelten Aufstieg der Wanderer, die Wache im Hospiz und das Hinabsteigen der Tochter. So entsteht aus dem knappen Geschehen ein dicht gefügtes Bild von Gefahr, Suche und Hilfe im winterlichen Gebirge.
Rezeption↑
Veröffentlicht wurde nur ein Teil des Werks zu Lebzeiten der Dichterin. Der erste und der zweite Gesang erschienen 1838 in Münster im Band Gedichte, zusammen mit den Epen Des Arztes Vermächtnis und Die Schlacht im Loener Bruch. Für die Droste war dieser Band ein früher Schritt an die Öffentlichkeit. In Briefen berichtete sie von Schwierigkeiten mit ihrem Münsteraner Verleger und von Meinungsverschiedenheiten über die Herausgabe; ihrer Mutter gegenüber bedauerte sie die Druckfehler in diesem Teil. Den Anstoß zur Arbeit hatte die romantische Erzählung Barri von Christian Samuel Schier gegeben; ursprünglich sollte das Epos den Titel „Barry, der Hund von St. Bernhard“ tragen. Wichtige Auskünfte erhielt die Dichterin von ihrem späteren Schwager Joseph von Laßberg. Der dritte Gesang blieb unvollendet und wurde erst in der von Levin Schücking besorgten Ausgabe der Sämtlichen Werke aus dem Nachlass gedruckt. In der neueren Forschung hat die eindringliche Schilderung von Schnee, Kälte und Hochgebirgsklima Aufmerksamkeit gefunden.
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