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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Annette von Droste-Hülshoff
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Porträt Annette von Droste-Hülshoff
Annette von Droste-Hülshoff
1797 – 1848
– Autorenporträt –

Annette von Droste-Hülshoff

1797 – 1848 · 51 Jahre

Westfälische Freiin und eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen des 19. Jahrhunderts, Meisterin der Naturlyrik und Verfasserin der Novelle Die Judenbuche.

Kurzbiografie↑

Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen des 19. Jahrhunderts. Sie stammte aus einem uralten westfälischen Adelsgeschlecht. Ihr zurückgezogenes, gesundheitlich belastetes Leben verband sie mit einer ungewöhnlich genauen Beobachtung der Natur. Ihre Naturlyrik und ihre Balladen zählen heute zum festen Bestand der deutschen Literatur. Besonders bekannt ist ihre Kriminalnovelle Die Judenbuche. Neben dem dichterischen Werk hat sie zahlreiche Lieder komponiert und für Klavierbegleitung gesetzt – eine Seite ihres Schaffens, die erst spät gewürdigt wurde. Den größeren Teil ihres Lebens verbrachte sie in Westfalen. Ihre letzten Jahre lebte sie auf der Burg Meersburg am Bodensee, wo sie 1848 starb.


Biografie↑

Geboren wurde sie als Anna Elisabeth Franziska Adolphine Wilhelmine Louise Maria Freiin von Droste zu Hülshoff. Über das Geburtsdatum gehen die Quellen leicht auseinander. Die Deutsche Biographie nennt den 10. Januar 1797. Wikipedia führt diesen Tag und alternativ den 12. Januar an. Auch beim Geburtsort bleibt eine Unstimmigkeit: Wikidata nennt die Burg Hülshoff bei Münster, die Deutsche Nationalbibliothek führt Münster (Westfalen). Die Deutsche Biographie präzisiert auf Haus Hülshoff in der Gemeinde Roxel bei Münster.

Sie war das zweite von vier Kindern. Sie gehörte der zwanzigsten Generation eines Geschlechts an, das im 11. Jahrhundert bereits urkundlich erscheint. Ihr Vater Clemens August II. von Droste zu Hülshoff war musikalisch begabt und interessierte sich für Geschichte, Botanik und Vogelkunde. Ihre Mutter Therese, geborene von Haxthausen, hatte eine sorgfältige Erziehung im Kanonissenstift Freckenhorst genossen. Die ältere Schwester Jenny wurde ihre engste Vertraute. Der jüngere Bruder Werner-Constantin trat das väterliche Erbe an und sorgte später für den Lebensunterhalt der Dichterin.

Erzogen wurde sie zunächst von den Eltern, dann von einem Hauskaplan, der später Professor am Gymnasium Paulinum in Münster wurde, und von einer französischen Kinderfrau. Auf diesem Weg erwarb das wissbegierige Kind eine für die damalige Mädchenerziehung außergewöhnliche Bildung: Latein, Griechisch, Französisch, Italienisch und Niederländisch, dazu Literatur, Geschichte, Geografie und Naturkunde. Von 1812 bis 1819 unterrichtete und förderte sie der mit ihrem Vater befreundete Anton Matthias Sprickmann, ein schöngeistiger Jurist aus Münster. Schon mit zwölf Jahren sollte sie an einem poetischen Sammelwerk mitarbeiten. Mit sechzehn begann sie das unvollendete Trauerspiel Bertha oder die Alpen. Dazu kamen das Versepos Walther und das Romanfragment Ledwina.

Gezeichnet war sie zeitlebens von gesundheitlichen Einschränkungen. Sie kam als Siebenmonatskind zur Welt, war zierlich, angeblich nur etwa 1,50 m groß, extrem kurzsichtig und litt unter heftigen Kopfschmerzen. Ihre Kurzsichtigkeit aber machte sie zur außerordentlich genauen Beobachterin der Natur, die sie oft allein mit dem Geologenhammer durchstreifte. Eine unerfüllte Liebe zu August von Arnswaldt und Heinrich Straube zog ab 1818 schwere seelische Krisen nach sich. Diese klangen erst 1825 auf einer Reise nach Köln und Bonn ab.

Nach dem Tod des Vaters 1826 zog sie mit ihrer Mutter auf das Gut Rüschhaus bei Münster. Nachdem die Schwester Jenny 1834 den Germanisten Josef Freiherrn von Laßberg geheiratet hatte, lebte sie dort vereinsamt, aber in intensivem Austausch mit Natur und Volkstum der Landschaft. Reisen führten sie zur mütterlichen Familie von Haxthausen auf die Stammsitze Bökerhof und Abbenburg bei Bellersen. In deren Umkreis fand sich der Bökendorfer Romantikerkreis um die Brüder Grimm zusammen. Eine in der Familie Haxthausen erzählte Schauergeschichte ging auf reale Kriminalfälle zurück. Sie verarbeitete diese später zu ihrer berühmten Novelle Die Judenbuche.

1829 vermittelte ihre Mutter ihr den Kontakt zu Christoph Bernhard Schlüter, einem erblindeten Münsteraner Philosophie- und Philologieprofessor. Zunächst hielt dieser ihre Manuskripte für nicht ausreichend, wurde dann aber ihr lebenslanger Mentor und Freund. Weitere Reisen führten sie ins Rheinland und mehrfach zur Schwester Jenny – zunächst ins schweizerische Eppishausen im Thurgau, ab 1838 auf die Burg Meersburg am Bodensee. Bedrückend wirkten ein Augenleiden und eine schwindsuchtartige Erkrankung.

Erst mit 41 Jahren trat sie öffentlich hervor, zunächst erfolglos und, wie die Deutsche Biographie schreibt, nicht ohne demütigende Begleitumstände. Der durch ihren Bruder vermittelte Levin Schücking wurde nach den Worten der NDB der „Befreier ihrer Lieder“. Ihm galt 1841/42 in Meersburg ihre leidenschaftliche Liebe, die auch über seine Heirat mit Luise von Gall (1843) hinaus fortbestand. Erst Schückings adelsfeindlicher Roman Die Ritterbürtigen (1845) ließ die Neigung erlöschen; zu ihm hatte sie unfreiwillig die Familie kränkende Materialien beigesteuert. Die 1842 bei Cotta erschienenen Gedichte (Gesamtausgabe 1844) hatten Erfolg. Dieser ermöglichte ihr im November 1843 den Ankauf des sogenannten Fürstenhäuschens in einem Meersburger Weinberg. Den Winter 1844/45 verbrachte sie schwer leidend in der Heimat, den Sommer 1846 in Rüschhaus. Im Oktober 1846 übersiedelte sie endgültig nach Meersburg. Die Märzrevolution 1848 bedrückte die konservativ denkende Dichterin schmerzlich. Am 24. Mai 1848 starb sie auf der Burg Meersburg. Sie blieb unverheiratet.


Literarische Merkmale↑

Den Höhepunkt ihrer Kunst erreichte Droste-Hülshoff nach dem Urteil der Deutschen Biographie in der Naturlyrik. Ihre Sehweise wird dort mit der Optik Rembrandts verglichen: ein ausgeprägtes Helldunkel, in dem die handelnden Personen wie Lichtträger in einer dunklen Welt erscheinen. Es ist eine eigentümliche Mischung aus transzendentaler Phantastik und schonungslosem Realismus. Diese verzichtet auf alle herkömmlichen Schönheitsideale, besonders auf die klassisch-südlichen, und überbetont das Charakteristische bisweilen fast. Neben einer verblüffenden Beherrschung ihrer Mittel finden sich, das räumt die NDB ein, auch Verzeichnungen und technische Schwächen.

Charakteristisch ist eine Technik der künstlerischen Verkürzung, die das thematisch bedingte Halbdunkel noch vertieft. Wenige Lyriker haben sie laut NDB so kühn gehandhabt. Vorbilder fand sie nicht in der klassisch-südlichen Tradition, sondern in der romantischen englischen Lyrik und bei Walter Scott. Deren verwandter nordischer Sprachraum war ihr, so die NDB, nur als Weiser auf einem Weg ohne Wahl bedeutsam.

In den erzählenden Gedichten und Balladen, die meist dem Frühwerk angehören, tritt nach Lesart der NDB ein ausgesprochen männlicher Zug hervor: Herbheit der Stoffe, dichte Ballung des Vortrags. Demgegenüber wird die Komposition als zerfahren und in der intensiven Betonung jeder Einzelheit als weiblich charakterisiert. Naturangst und ein undurchdringliches Walten von Schicksalsmächten geben Balladen wie Der Geierpfiff, Die Vergeltung oder Der Mutter Wiederkehr (1840–1842) ihren besonderen Charakter. In den erzählenden Gedichten gilt das in noch höherem Maß, etwa in den düsteren Fieber- und Angstvisionen Des Arztes Vermächtnis oder in der Teufelspaktgeschichte Spiritus familiaris des Roßtäuschers (1842). Demgegenüber steht Die Schlacht im Loener Bruch (1837/38) männlich-herb und realistisch da, eine in heimatnaher Bindung wiederauflebende Wirklichkeit des Dreißigjährigen Krieges.


Rezeption↑

Der Weg in die Öffentlichkeit war für die Dichterin mühsam. Mit 41 Jahren trat sie erfolglos und, wie die Deutsche Biographie schreibt, nicht ohne demütigende Begleitumstände hervor. Erst die 1842 bei Cotta erschienenen Gedichte, denen 1844 eine Gesamtausgabe folgte, brachten Anerkennung – und Einnahmen, die ihr den Kauf des Fürstenhäuschens in Meersburg ermöglichten. Heute zählt sie unbestritten zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen und Dichtern des 19. Jahrhunderts.

Ihre musikalische Seite fand zu Lebzeiten kaum Resonanz. Eigene Kompositionen spielte sie nie öffentlich. Mit Clara und Robert Schumann stand sie durch Vermittlung ihres Bruders Werner-Constantin in brieflichem Kontakt. 1845 bat Clara Schumann sie – vergeblich – um ein Libretto für ihren Mann. Robert Schumann hat ein Gedicht von ihr, Das Hirtenfeuer, in op. 59,5 vertont. Erst 1877 brachte ihr Mentor Christoph Bernhard Schlüter posthum eine Auswahl ihrer Lieder mit Klavierbegleitung heraus. Im Nekrolog von 1848 hatte er bereits ihre „seltenste Gabe“ hervorgehoben, „Poesie in Musik und Musik in Poesie zu übersetzen“. Eine eingehende Untersuchung des musikalischen Nachlasses erfolgte erst im 20. Jahrhundert. Er liegt heute als Dauerleihgabe in der Universitäts- und Landesbibliothek Münster.

In den großen biografischen Lexika ist sie früh verzeichnet: die Allgemeine Deutsche Biographie 1877 mit einem Artikel von Mähly, die Neue Deutsche Biographie 1959 mit einem Beitrag von Ernst Alker.

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