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Werkseintrag · Die Judenbuche
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Die Judenbuche
1842
– Werkseintrag –

Die Judenbuche

1842 · Erzählung

Im abgelegenen Westfalen des 18. Jahrhunderts wächst der arme Hirtenjunge Friedrich Mergel zwischen Trunk, Gewalt und dunklen Geschäften heran – bis ein Streit auf einer Hochzeit eine Kette rätselhafter Todesfälle in Gang setzt, die das Dorf für Jahrzehnte nicht zur Ruhe kommen lässt.

Überblick

Mit der Erzählung Die Judenbuche hat Annette von Droste-Hülshoff eines der bedeutendsten Prosawerke des 19. Jahrhunderts geschaffen. Sie erschien 1842 im Cotta'schen Morgenblatt für gebildete Leser. Der Untertitel Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen nennt zugleich das Verfahren. Es geht um eine genaue Beobachtung der Sitten und Verhältnisse einer entlegenen Dorfwelt. Damit verbunden ist eine Kriminalgeschichte um Holzdiebstahl und drei rätselhafte Todesfälle. Das Werk vereint Milieuschilderung, Schauerelemente und psychologische Studie. Es gilt als früher Meilenstein der deutschsprachigen Erzählkunst und hat Generationen von Lesern und Schülern beschäftigt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Schauplatz ist das abgelegene westfälische „Dorf B." in einem deutschen Kleinstaat des 18. Jahrhunderts, lange vor den Umwälzungen der Französischen Revolution. Im Mittelpunkt steht Friedrich Mergel, der arme Hirtenjunge aus einer Familie, in der „viel Unordnung und böse Wirtschaft" herrscht. Sein Vater Hermann ist Trinker und gewalttätig. Seine Mutter Margreth versucht, den Schein vor der Dorfgemeinschaft zu wahren.

Schon früh wird Friedrich von schweren Ereignissen geprägt. Später nimmt sich sein Onkel Simon des Jungen an. Er verschafft ihm mit zweifelhaften Geschäften ein wenig Geld und Ansehen. Friedrich begegnet dem scheuen Schweinehirten Johannes Niemand, der ihm verblüffend ähnlich sieht. Zugleich plagen die Gegend organisierte Holzdiebstähle einer Bande, die „Blaukittel" genannt wird. Die Förster verschärfen ihre Kontrollen, und die Spannung im Dorf wächst.

Eine Hochzeitsfeier im Oktober 1760 wird zum Wendepunkt. Friedrich gerät dort mit dem Juden Aaron in einen öffentlichen Streit um Schulden. Was darauf folgt, treibt die Geschichte in eine Verkettung von Verdacht, Flucht und Schuld. Sie wird das Dorf für Jahrzehnte beschäftigen. Die Erzählerin arbeitet dabei mit Andeutungen, Lücken und Irreführungen. So machen sie den Leser selbst zum Ermittler.

Die Handlung im Detail

Friedrich Mergels Lebensweg scheint schon vor seiner Geburt vorgezeichnet. Sein Vater Hermann, ein Trinker, hatte erst eine Frau geheiratet, die ihm schon nach der Hochzeitsnacht davonlief. In zweiter Ehe nahm er Margreth Semmler, die spät heiratete – weniger aus Liebe, eher in der Überzeugung, aus Hermann einen besseren Menschen machen zu können. Es bleibt ein Trugschluss: Margreth leidet unter seinen Trinkgelagen und seiner Gewalt, verbirgt das aber vor der Dorfgemeinschaft.

Als Friedrich neun Jahre alt ist, kommt der Vater in einer stürmischen Winternacht aus ungeklärten Gründen neben einer alten Buche ums Leben. Friedrichs ohnehin geringes Ansehen im Dorf sinkt weiter; er muss fortan die Kühe hüten. Wenige Jahre später adoptiert ihn sein Onkel Simon, nimmt ihn zu sich und verhilft ihm mit obskuren Geschäften zu etwas Geld und Selbstbewusstsein. In Simons Umfeld lernt Friedrich den Schweinehirten Johannes Niemand kennen, einen ängstlichen Jungen, der möglicherweise Simons unehelicher Sohn ist und Friedrich auffallend ähnlich sieht. Mit wachsendem Selbstbewusstsein behandelt Friedrich ihn bald wie einen Diener.

In der Gegend häufen sich die Holzdiebstähle der „Blaukittel". Die Förster verstärken ihre Kontrollen, kommen den Tätern jedoch nicht bei. Als es dem Oberförster Brandis eines Nachts zu gelingen scheint, sie zu stellen, wird er mit einer Axt erschlagen. Friedrich kann zwar in der Untersuchung beim Amtsschreiber ein einwandfreies Alibi vorweisen, fühlt sich aber mitschuldig: In jener Nacht hatte er offenbar Schmiere gestanden, die Blaukittel durch einen Pfiff vor Brandis gewarnt und den Förster damit in einen Hinterhalt geschickt. Sein Onkel, dessen Axt die Tatwaffe gewesen sein könnte, hält ihn durch eine eigenwillige Verdrehung der Zehn Gebote von der Beichte ab.

Im Oktober 1760 stellt der Jude Aaron Friedrich auf einer Hochzeitsfeier lauthals wegen offener Schulden zur Rede. Wenig später wird Aarons Leiche im Brederwald unter einer Buche gefunden. Sofort fällt der Verdacht auf Friedrich. Als das Haus umstellt wird, um ihn festzunehmen, ist er bereits mit Johannes Niemand geflohen. Später wird der Verdacht durch das Geständnis eines Dritten zwar entkräftet, doch bleibt offen, ob sich dieses Geständnis wirklich auf den Mord an Aaron bezieht. Friedrich und Johannes bleiben verschwunden.

Eine Delegation der Juden der Gegend kauft die Buche, unter der Aaron gefunden wurde, und ritzt in hebräischen Schriftzeichen den Satz in die Rinde: „Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast." Seitdem nennen die Dorfbewohner sie „die Judenbuche".

Achtundzwanzig Jahre später, am Heiligen Abend 1788, kehrt ein gebrochener Mann ins Dorf B. zurück und gibt sich als Johannes Niemand aus. Margreth Mergel, die seit der Flucht ihres Sohnes in „völliger Geistesdumpfheit" dahingelebt hatte, und ihr Bruder Simon sind inzwischen verarmt gestorben. Der Heimgekehrte findet beim Gutsherrn Unterkunft und verbringt seine alten Tage mit Botengängen und dem Schnitzen von Holzlöffeln.

Neun Monate später kehrt er eines Tages nicht aus dem Brederwald zurück. Als die Suche längst eingestellt ist, findet der junge Brandis, Sohn des erschlagenen Oberförsters, den Vermissten erhängt in der Judenbuche. Bei der Untersuchung der Leiche entdeckt der Gutsherr eine alte Halsnarbe, die den Toten als Friedrich Mergel ausweist. Ohne geistlichen Beistand wird er auf dem Schindanger verscharrt.

Stil

Droste-Hülshoff verbindet eine genaue, nüchterne Milieuschilderung mit Elementen der romantischen Schauerliteratur. Wald, Wetter, Spukvorstellungen und Schicksalsgläubigkeit sind nicht bloße Kulisse. Sie greifen in die Handlung ein und verleihen den Vorgängen eine bedrohliche Aura. Über allem liegt die karge, abgeschiedene Welt des „gebirgichten Westfalen". Deren Sitten erklärt der Untertitel zum Gegenstand.

Auffallend ist die Erzählweise. Die Autorin arbeitet mit szenischen Bruchstücken, Andeutungen, Verrätselungen und gezielten Irreführungen des Lesers. Vieles bleibt im Halbdunkel: die genauen Umstände des väterlichen Todes, die Schuldfrage beim Mord an Brandis, die Identität des Täters im Fall Aaron. Nicht alle Rätsel werden eindeutig aufgelöst. Der Leser muss selbst Spuren verknüpfen und Schlüsse ziehen. Diese kalkulierte Unschärfe macht den besonderen Reiz und die Modernität der Erzählung aus. Sie ist zugleich Milieustudie, komplexe Kriminalgeschichte und Schauererzählung.

Rezeption

Die Novelle Die Judenbuche gilt als eines der wichtigsten Prosawerke der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts. Sie hat ihren festen Platz im literarischen Kanon. Bis heute wird die Erzählung in Schule und Forschung gelesen, gedeutet und neu befragt. Das liegt gerade an ihren offenen Stellen, der vielschichtigen Schuldfrage und der dichten Atmosphäre.

Die Wirkungsgeschichte reicht weit über den Text hinaus. Der Stoff wurde mehrfach für andere Künste aufgegriffen. 1980 entstand eine Verfilmung unter der Regie von Rainer Horbelt. In den folgenden Jahrzehnten folgten weitere literarische Bearbeitungen sowie dramatisch-musikalische Adaptionen, unter anderem 1993 und 2003. Damit bleibt die kleine Erzählung aus dem abgelegenen Westfalen bis in die Gegenwart ein lebendiger Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung.

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