1868 – 1933
Stefan George
Kurzbiografie↑
Stefan George (1868–1933) war ein deutscher Lyriker. Er wollte die deutsche Dichtung um die Jahrhundertwende grundlegend erneuern. Zunächst war er dem Symbolismus und der Idee einer reinen, zweckfreien Kunst verpflichtet. Nach 1900 wurde er zum Mittelpunkt eines nach ihm benannten Dichterkreises. Dieser Kreis folgte eigenen ästhetischen, philosophischen und lebensreformerischen Vorstellungen. Seine Bücher waren streng gestaltet und in eigener Drucktype gesetzt. Zusammen mit seinen priesterhaft inszenierten Lesungen machten sie ihn zu einer der eigenwilligsten Erscheinungen der deutschen Literatur seiner Zeit. In der Weimarer Republik wurde er zum Idol einer idealistischen Jugend. 1933 lehnte er jede Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten ab und starb wenige Monate später in der Schweiz.
Biografie↑
Stefan Anton George wurde am 12. Juli 1868 geboren. Sein Vater war der Gastwirt und Weinhändler Stephan George, seine Mutter Eva, geborene Schmitt. In der Forschung ist die genaue Ortsangabe umstritten. Wikidata nennt Büdesheim, die Deutsche Nationalbibliothek führt Bingen-Büdesheim. Gemeint ist dasselbe Winzerdorf bei Bingen, das später nach Bingen eingemeindet wurde. Die Familie stammte ursprünglich aus Roupeldange in Lothringen. George galt als verschlossenes, eigenbrötlerisches Kind. Ab 1882 besuchte er das Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt. Nebenher brachte er sich selbst eine ganze Reihe von Sprachen bei, darunter Italienisch, Griechisch, Latein, Dänisch, Niederländisch, Polnisch, Englisch, Französisch und Norwegisch. So konnte er fremde Literaturen im Original lesen. Seine Sprachbegabung führte ihn sogar dazu, mehrere Geheimsprachen zu entwickeln. Eine davon behielt er bis zum Lebensende für private Notizen bei.
Schon als Gymnasiast veröffentlichte er ab 1887 erste Gedichte. Sie erschienen in der mit Freunden gegründeten Zeitschrift „Rosen und Disteln“ unter dem Pseudonym Edmond Delorme. Nach dem Abitur 1888 reiste George nach London, Paris und Wien. In Paris begegnete er 1889 durch Vermittlung Albert Saint-Pauls dem Symbolisten Stéphane Mallarmé. Eine Zeitlang nahm er an dessen berühmten Dienstagabenden teil. Diese Begegnung prägte sein Kunstideal entscheidend. Er entwickelte die Vorstellung einer exklusiven Dichtung, die sich jeder Zweckgebundenheit entzieht und dem Geist des „l'art pour l'art“ folgt. Zugleich entwickelte er eine Abneigung gegen den in Deutschland populären Realismus und Naturalismus. In Wien lernte er 1891 Hugo von Hofmannsthal kennen. Ab 1889 studierte er drei Semester an der Berliner Universität Romanistik, Anglistik, Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Das Studium brach er jedoch ab.
Danach blieb George sein Leben lang ohne festen Wohnsitz. Er wohnte bei Freunden und Verlegern, etwa bei Georg Bondi in Berlin. Zunächst zog er sich noch häufig in das Elternhaus in Bingen zurück. Obwohl er ein beträchtliches Erbe besaß, lebte er stets sehr genügsam. 1892 gründete er zusammen mit Carl August Klein die Zeitschrift „Blätter für die Kunst“. Sie erschien im Privatdruck mit bewusst begrenzter Auflage und wurde bis 1919 fortgeführt. In rascher Folge entstanden die Gedichtbände Hymnen, Pilgerfahrten, Algabal, Die Bücher der Hirten und Preisgedichte, Das Jahr der Seele und Der Teppich des Lebens. Seit 1897 gestaltete der Maler Melchior Lechter die Bücher künstlerisch aus. Ab 1904 erschienen sie in einer eigenen Drucktype, der sogenannten St.-G.-Schrift.
Ab etwa 1892 versammelte sich um George ein Kreis gleichgesinnter Dichter. Dazu gehörten Paul Gérardy, Karl Wolfskehl, Ludwig Klages und Karl Gustav Vollmoeller. Nach 1900 änderte sich der Charakter dieses Bundes. George verstand sich nun als Bildner und Lehrmeister einer Jugend, die ihm wie Jünger folgte. Mit Hofmannsthal pflegte er einen intensiven Briefwechsel. Dieser war jedoch von Spannungen überschattet: George hatte sich homoerotisch zu dem Sechs-Jahre-Jüngeren hingezogen gefühlt. Er bedrängte ihn so sehr, dass Hofmannsthals Vater eingreifen musste. 1906 brach der Kontakt ganz ab.
Ab 1907 markierte ein neuer, prophetisch-religiöser Ton in Georges Werk eine Zäsur. Auslöser war die Begegnung mit dem vierzehnjährigen Maximilian Kronberger 1902 in München. Nach dessen frühem Tod 1904 erhob George ihn unter dem Namen „Maximin“ zu einer göttlichen Gestalt. Die wichtigsten Werke dieser Wendung sind Der siebente Ring (1907) und Der Stern des Bundes (1914). Dem Ersten Weltkrieg stand George apolitisch gegenüber. Das Kriegsende empfand er als Bestätigung seiner Visionen. In der Weimarer Republik wurde er zum Idol einer idealistischen Jugend ganz unterschiedlicher politischer Färbung. Dazu gehörten der Historiker Ernst Kantorowicz und die drei Brüder Stauffenberg, die seit 1923 zum Kreis gehörten. 1927 lehnte er den ersten Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main ab.
Sein Spätwerk Das neue Reich (1928) verkündete eine hierarchische Gesellschaftsreform. Sie sollte auf einer neuen geistigen Aristokratie beruhen. Die Nationalsozialisten versuchten sich auf dieses Buch zu berufen. Doch George lehnte 1933 sowohl die ihm von Joseph Goebbels angebotene Präsidentschaft einer neuen Akademie für Dichtung als auch die staatliche Feier zu seinem 65. Geburtstag ab. Bereits schwer erkrankt, reiste er in die Schweiz und starb am 4. Dezember 1933 im Krankenhaus von Locarno. Ob er damit ein Exil suchte oder nur einen vorübergehenden Aufenthalt plante, ist ungeklärt. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof von Minusio. Am Begräbnis nahmen auch Berthold und Claus Schenk Graf von Stauffenberg teil. George blieb zeitlebens ledig.
Literarische Merkmale↑
Georges Lyrik trägt die Handschrift einer streng durchgeformten Kunst. Schon das Schriftbild seiner Bücher fällt aus dem Rahmen. Er verwendete gemäßigte Kleinschreibung und Großbuchstaben nur für Versanfänge, einzelne Eigennamen und besondere Betonungen. Statt eines Kommas setzte er an manchen Stellen einen mittig hochgestellten kurzen Strich, den sogenannten Hochpunkt. Ab 1904 erschienen seine Drucke in einer eigens für ihn entwickelten Type, der St.-G.-Schrift. Ihr Vorbild war seine eigene Handschrift. Die Bücher wurden ungewöhnlich gestaltet. Zunächst waren sie nur in wenigen Buchhandlungen in Berlin, Wien und Paris zu haben.
Inhaltlich war George zunächst dem französischen Symbolismus und dem Ideal des „l'art pour l'art“ verpflichtet. Dichtung sollte sich jeglicher Zweckgebundenheit und Profanierung entziehen. Baudelaire, Verlaine, Mallarmé und die Dichter des Parnasse bildeten den Hintergrund seiner frühen Bände. Vor diesem Hintergrund entwickelten sich Hymnen, Pilgerfahrten und Algabal. Schon mit Der Teppich des Lebens entfernte er sich schrittweise vom reinen Ästhetizismus. Ab 1907 nahmen seine Werke einen prophetischen und religiösen Charakter an. Sie wandten sich gegen eine als verflacht empfundene Zeit, rückten ins Metaphysische und behandelten apokalyptische, expressionistische und esoterisch-kosmische Themen.
Charakteristisch ist auch die enge Bindung jedes Gedichts an das gelebte Leben. Die Deutsche Biographie hebt hervor, dass Lebenshaltung und dichterisches Schaffen bei George eine echte Einheit bildeten. Jedes Gedicht habe einen Bezug zum dichterisch verwirklichten Leben. Neben dem eigenen Werk übersetzte und „umdichtete“ er fremde Dichtung, darunter Teile von Dantes Göttlicher Komödie und Shakespeares Sonette. Dabei suchte er Struktur, Sinngefüge und Rhythmus der Originale zu übertragen. Auch die Form seiner öffentlichen Auftritte gehörte zum Stil. In ein priesterliches Gewand gekleidet, las er seine Verse vor einem ausgesuchten Hörerkreis vor. Einzelne Zuhörer empfing er anschließend zu Audienzen in einem Nebenzimmer.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten polarisierte Georges Werk. Innerhalb der „bündischen“ Jugend der Weimarer Republik wurde er zum Idol einer ganzen Generation. Zu ihr gehörten nationalistisch wie republikanisch gesinnte, zionistisch wie antisemitisch geprägte junge Leser. Klaus Mann erinnerte sich später, dass George „inmitten einer morschen und rohen Zivilisation“ eine „menschlich-künstlerische Würde“ verkündet und verkörpert habe, „in der Zucht und Leidenschaft, Anmut und Majestät sich vereinen“. Die Mitarbeiter seines Kreises gewannen großen Einfluss auf die Literaturwissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts. Friedrich Gundolf besetzte in Heidelberg den Lehrstuhl für Germanistik und erregte mit Monographien über Goethe und Shakespeare Aufsehen. Karl Wolfskehl leistete bedeutende Arbeit auf dem Gebiet der alt- und mittelhochdeutschen Dichtung.
Zugleich war Georges Lyrik von Anfang an heftiger Kritik ausgesetzt. Rudolf Borchardt hatte dem Kreis zeitweise nahegestanden. 1909 unterzog er im Jahrbuch „Hesperus“ den Siebenten Ring einer scharfen Kritik. Er warf George vor, mit „dämonischen Mitteln, ohne Fertigkeiten und Kunst“ der „maßlosen Seele einer Generation die Form seines Inneren aufgezwungen“ zu haben. Auch beherrsche George die Gesetze der Sprache nicht und folge in seiner Zahlenmystik einer eher naiven, künstlich-äußerlichen Ordnung. Zugleich hob er einzelne Gedichte als Beweise einer großen Meisterschaft hervor, etwa das Lied Im windes-weben. Rudolf Alexander Schröder rechnete in einem Brief an Hofmiller mit dem Gesamtwerk ab. Dabei vermischte er homophobe und nationalistische Töne. Friedrich Gundolf wiederum verteidigte den „Maximin-Kult“ apologetisch. Er sah in George neben Nietzsche denjenigen, der zu einer „Wiedergeburt der deutschen Sprache und des Dichtertums“ berufen sei.
Eine besonders abgewogene Würdigung lieferte Walter Benjamin in seinem Rückblick von 1933. Er attestierte George ein Vorwissen kommender Katastrophen, das sich weniger auf historische als auf moralische Zusammenhänge beziehe. In ihm sah er den Vollender einer mit Baudelaire beginnenden Dekadenzdichtung. Zugleich kritisierte er den Jugendstil mancher Werke. In ihm tarne das Bürgertum die eigene Schwäche, indem es „kosmisch aufschwinge“ und „Jugend als Wort missbrauche“. Die Figur Maximins erschien Benjamin als „regressive, idealisierende Abwehrfigur“. Trotz aller Kritik blieb Georges Werk im Bewusstsein der Nachwelt verankert. Dazu trug nicht zuletzt die Verbindung seines Kreises zu Claus Schenk Graf von Stauffenberg und dessen Brüdern bei, die das Bild des Dichters bis in die Nachkriegszeit hinein mitbestimmt hat.
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