1715 – 1769
Christian Fürchtegott Gellert
Kurzporträt↑
Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769) war ein deutscher Dichter und Moralphilosoph der Aufklärung. Zu Lebzeiten galt er neben Christian Felix Weiße als meistgelesener deutscher Schriftsteller. Berühmt wurde er vor allem durch seine Fabeln, seine Lustspiele, den Roman Leben der schwedischen Gräfin von G*** und seine geistlichen Lieder. Mehrere davon stehen bis heute in den Gesangbüchern. Als Hochschullehrer in Leipzig hörte ihn der junge Goethe. Dieser bezeichnete Gellerts Morallehre später als „Fundament der deutschen sittlichen Kultur".
Biografie↑
Geboren wurde Gellert am 4. Juli 1715 in Hainichen in Sachsen. Er war der fünfte Sohn einer Pastorenfamilie. Die Verhältnisse waren ärmlich. Sein Vater Christian war Magister und Pfarrer am Ort. Seine Mutter Johanna Salome stammte aus einer Verwalter- und Bauernfamilie aus dem Erzgebirge. Zwölf Geschwister wuchsen mit ihm auf, darunter der spätere Metallurge und Mineraloge Christlieb Ehregott Gellert. Die Familie war lutherisch. (Die Deutsche Biographie gibt als Geburtsjahr abweichend 1713 an. Die hier verwendeten Eckdaten aus Wikidata und der Deutschen Nationalbibliothek nennen übereinstimmend 1715.)
Mit dreizehn Jahren kam Gellert 1729 in die Fürstenschule St. Afra in Meißen. 1734 begann er an der Universität Leipzig ein Studium der Theologie und Philosophie. Schon 1738 scheiterte ein erster Versuch, als Prediger aufzutreten, an seiner Schüchternheit. 1739 musste er das Studium aus Geldmangel für ein Jahr unterbrechen, weil der Vater ihn nicht länger unterstützen konnte. Gellert schlug sich mit Privatstunden und der Erziehung junger Adliger durch. Er las französische und englische Literatur. Auch an der Übersetzung der Enzyklopädie Bayles arbeitete er mit, die Johann Christoph Gottsched in Angriff genommen hatte. 1743 wurde er Magister. 1744 erwarb er mit einer Dissertation über Theorie und Geschichte der Fabel die Lehrberechtigung an der Universität. Im selben Jahr kündigte er Gottsched die Gefolgschaft auf.
Während der Schul- und Studienjahre lernte er Karl Christian Gärtner, Johann Andreas Cramer, Johann Adolf Schlegel, Johann Arnold Ebert, Nikolaus Dietrich Giseke und Friedrich Gottlieb Klopstock kennen. Mit Gärtner und Gottlieb Wilhelm Rabener war er seit der Schulzeit befreundet. Er war Mitherausgeber der „Bremer Beiträge". Erste Gedichte erschienen 1741 in den Leipziger „Belustigungen des Verstandes und des Witzes".
Seit 1745 hielt Gellert in Leipzig Vorlesungen über Poesie, Beredsamkeit und Moral. 1751 wurde er zum außerordentlichen Professor für Philosophie ernannt. Seine Moralvorlesungen wurden zu einem öffentlichen Ereignis. Goethe besuchte bei ihm Vorlesungen zur Poetik. Der große Erfolg der gesammelten Fabeln und Erzählungen (1746/48) machte ihn weit über den Freundeskreis hinaus zu einer literarischen Autorität. Selbst Friedrich der Große gewährte ihm eine Unterredung. 1757 fasste er in den Geistlichen Oden und Liedern seine Beiträge zur geistlichen Poesie zusammen.
Gellerts Gesundheit war seit langem angeschlagen. Hinzu kam eine ausgeprägte Hypochondrie. Weder Kuren noch Reisen nach Berlin, Karlsbad und Dresden brachten Besserung. 1761 lehnte er aus Sorge um seine Gesundheit einen ordentlichen Lehrstuhl für Philosophie ab. Ende 1759 begann ihn sein ehemaliger Schüler Hans Moritz von Brühl anonym mit einer Jahrespension von 150 Talern zu unterstützen. Aus dem Nachlass Gottfried Mascovs erhielt er zusätzlich ein Gnadengehalt von 450 Talern. Mit Leopold Mozart stand er seit 1754 in Briefwechsel. Die Familie Mozart besuchte ihn auf der Rückreise von ihrer großen Konzertreise. Noch während der Korrekturarbeiten am Manuskript seiner Moralischen Vorlesungen verschlechterte sich sein Zustand entscheidend. Christian Fürchtegott Gellert starb am 13. Dezember 1769 in Leipzig im Alter von 54 Jahren. Er blieb unverheiratet. Sein Bruder Friedrich Leberecht Gellert, Fechtmeister an der Leipziger Universität und Oberpostkommissar, starb kaum einen Monat nach ihm.
Literarische Merkmale↑
Gellerts Sprache ist nüchtern, verständlich und kommt ohne Metaphern aus. Seine Fabeln erschienen 1746 und 1748 in zwei Bänden. Sie greifen Alltagsepisoden auf und fassen die Lehre in Merksätzen zusammen. Diese werden teils spitzbübisch-bieder, teils weinerlich-sentimental vorgetragen. Statt zu Tieren greift Gellert lieber zu menschlichen Akteuren und lässt sie im Lebensraum seiner Gegenwart auftreten. Den illusionslosen Pessimismus und die Skepsis, zu denen die Tierfabel sonst neigt, vermeidet er. Auch die witzige Schärfe einer La Fontaine-Fabel weicht bei ihm einer ruhigen, prosaischen Echtheit. In den Merksätzen verbinden sich, so die Deutsche Biographie, eingängige Formgewandtheit, erzählerische Eleganz, gediegene Moralität und ein trivialer, aber sicherer Lebensbegriff.
Neben den Fabeln schrieb Gellert Komödien und empfindsame Romane. In ihnen wird der Einfluss Samuel Richardsons sichtbar. Tugend und Vernunft siegen darin über Schwäche und Laster. Seine Lustspiele sind als „rührende Lustspiele" in der Nachfolge der französischen comédie larmoyante angelegt. Jede Spur von Komik wird fast vollständig zurückgedrängt. Entwicklungsgeschichtlich weisen sie auf das kommende bürgerliche Trauerspiel voraus. Der Roman Leben der schwedischen Gräfin von G*** folgt dem Vorbild Richardsons. Er macht die verachtete Gattung zu einer moralistisch-bürgerlichen Literaturform.
Ein eigenes Feld ist Gellerts Briefkunst. In den Briefen, nebst einer praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen (1751) formuliert er sein Stilideal: Natürlichkeit, Munterkeit und ein zum Dialogischen neigender Plauderton. Es ist dasselbe Ideal, das auch die Fabeln trägt. In den Geistlichen Oden und Liedern (1757) überträgt Gellert diesen Ton auf die kirchliche Dichtung im Sinne der Aufklärungstheologie.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten war Gellert als Professor wie als Dichter außerordentlich beliebt und kaum irgendeiner Kritik ausgesetzt. Seine Werke, besonders die Fabeln, gehörten in der Übergangszeit zwischen Aufklärung, Empfindsamkeit und Sturm und Drang zu den meistgelesenen in Deutschland. Christoph Martin Wieland erhob ihn zu seinem „Liebling". Gotthold Ephraim Lessing lobte besonders den Stil seines Briefwechsels und sprach mit Blick auf die Schwedische Gräfin von „wahren Familiengemälden". Beispielhaft für seine Wirkung steht der Briefwechsel mit Christiane Karoline Schlegel, geborene Lucius.
Durch seine breite Wirkung trug Gellert zur Bildung eines allgemeinen Lesepublikums in Deutschland bei. Den Dichtern der folgenden Generationen ebnete er den Weg. Seine Lustspiele brachten erstmals bürgerliche Figuren und deren Milieu auf die Bühne. Die Schwedische Gräfin machte die Ethik bürgerlicher Moral zum Romangegenstand und gilt als Wegbereiter des deutschen Romans. Goethe gehörte in Leipzig zu seinen Hörern. Er nannte Gellerts Morallehre das „Fundament der deutschen sittlichen Kultur". Die Deutsche Biographie hebt den Einfluss auf „die erste Bildung der Nation" hervor. Sie betont, der Relativität des dichterischen Rangs stehe eine unbestrittene Bedeutung in der deutschen Bildungsgeschichte gegenüber. Selbst der mittlere und niedere Adel ging beim Briefsteller Gellert in die Schule.
Nach Gellerts Tod schlug die Stimmung um. Die Autoren des Sturm und Drang setzten ihn zu einem „mittelmäßigen", moralinsauren Dichter „für Landpastorentöchter" herab. So urteilten 1771/1772 Jakob Mauvillon und Ludwig A. Unzer im fiktiven Briefwechsel Über den Werth einiger deutscher Dichter. In der Musik wirkten seine geistlichen Texte dagegen weiter: Carl Philipp Emanuel Bach, Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven (in den Sechs Liedern von Gellert op. 48) vertonten sie. Mehrere Lieder, darunter Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, Dies ist der Tag, den Gott gemacht, Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken und Jesus lebt, mit ihm auch ich, sind bis heute in evangelischen und katholischen Gesangbüchern enthalten.
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