1815 – 1884
Emanuel Geibel
Kurzporträt↑
Franz Emanuel Geibel war ein deutscher Lyriker, der 1815 in Lübeck geboren wurde. Ab 1843 galt er neben Heinrich Heine und Friedrich Rückert als einer der erfolgreichsten deutschen Dichter seiner Zeit. Seine Verse regten zahlreiche Komponisten an, darunter Robert Schumann, Hugo Wolf, Felix Mendelssohn Bartholdy und Johannes Brahms. Zu knapp 300 Gedichten Geibels entstanden mehr als 3500 Kompositionen. Bekannt geblieben sind vor allem seine Wanderlieder, etwa Der Mai ist gekommen. Seine hohe Wertschätzung als Wortkünstler und Förderer anderer Autoren ließ im 20. Jahrhundert bereits vor dem Ersten Weltkrieg nach.
Biografie↑
Als siebtes von acht Kindern kam Geibel in der Fischstraße 25 in Lübeck zur Welt. Sein Vater Johannes Geibel war Erweckungsprediger der reformierten Gemeinde, seine Mutter Elisabeth Louise Ganslandt die Tochter eines Kaufmanns. Er besuchte das Katharineum zu Lübeck, das er als Klassenbester verließ. Dort standen die klassischen Sprachen im Mittelpunkt, und dort schloss er die für sein ganzes Leben bedeutsame Freundschaft mit Ernst Curtius. Noch als Schüler veröffentlichte er 1834 unter dem Pseudonym „L. Horst“ sein erstes Gedicht im Deutschen Musenalmanach.
Ab dem Sommer 1835 studierte Geibel auf Wunsch des Vaters in Bonn Evangelische Theologie. Nach zwei Semestern wechselte er 1836 nach Berlin und wandte sich der Klassischen Philologie zu. In Berlin fand er dank seiner geselligen Talente rasch Zugang zu den Literaturkreisen. Julius Eduard Hitzig führte ihn in die literarische Gesellschaft ein, wo er unter anderem Adelbert von Chamisso, Bettina von Arnim und Franz Kugler begegnete. Bevor er im Frühjahr 1838 nach Griechenland aufbrach, beantragte er brieflich die Promotion an der Universität Jena. Er erhielt den Doktorgrad in Abwesenheit, ohne eine Dissertation eingereicht zu haben.
In Athen wirkte Geibel als Hauslehrer beim russischen Gesandten Katakasi. Er blieb zwei Jahre in Griechenland, unternahm 1839 eine Reise in die griechische Inselwelt und reifte in dieser Zeit zu dem Entschluss, seinen Lebensunterhalt weder als Gelehrter noch als Journalist, sondern allein als Dichter zu bestreiten. Das Erlebnis der attischen Landschaft und der antiken Bauwerke führte ihn zu einem tieferen Verständnis der griechischen Dichter. Gemeinsam mit Ernst Curtius bewährte er sich hier erstmals als Übersetzer.
Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er 1840 einen Band mit dem schlichten Titel Gedichte. Nach schleppendem Beginn wurde er sein großes Erfolgsbuch und erreichte bis 1915 zahlreiche Auflagen. Am 24. Dezember 1842 verschaffte ihm der preußische König Friedrich Wilhelm IV. auf Vermittlung des Kunsthistorikers Carl Friedrich von Rumohr eine lebenslange Pension. Es folgte ein Jahrzehnt des Reisens, bei dem er längere Zeit bei Gönnern und Dichterfreunden verbrachte; Lübeck blieb sein Rückzugsort. 1851 verlobte er sich mit der damals 17-jährigen Amanda Trummer, die er 1852 heiratete.
Im Dezember 1851 lud König Maximilian II. Joseph den Dichter nach München ein und verlieh ihm eine Ehrenprofessur für deutsche Literatur an der Universität. Zwischen dem König und Geibel entstand eine enge persönliche Bindung; bei den literarischen Symposien in der Residenz saß der Dichter stets neben dem Herrscher. Geibel wurde zur führenden Gestalt des Münchener Dichterkreises. 1853 wurde die Tochter Ada Marie Caroline geboren, doch schon 1855 starb seine Frau Amanda. Nach dem Tod Maximilians 1864 mehrten sich in München wegen seiner preußenfreundlichen Haltung die Anfeindungen. Als er 1868 König Wilhelm I. mit einem Gedicht begrüßte, fiel er bei König Ludwig II. in Ungnade und verlor die bayerische Pension.
Geibel kehrte in seine Geburtsstadt zurück. Lübeck ernannte ihn 1869 zum Ehrenbürger, und Wilhelm I. ersetzte die bayerische Pension durch einen Ehrensold auf Lebenszeit. Die Sommer von 1873 bis 1875 verbrachte er in Schwartau. Nach langer, schwerer Krankheit starb er am 6. April 1884 in Lübeck. Uneinheitlich sind allein die Datenangaben zum Sterbejahr: eine Quelle nennt 1894, doch die übrigen Angaben verweisen einhellig auf 1884. Trauerfeier und Trauerzug erreichten in der Hansestadt ungewöhnliche Ausmaße. Seine Grabstelle befindet sich auf dem Burgtorfriedhof. 1889 wurde ein zentraler Platz in Geibelplatz umbenannt und ein Denkmal eingeweiht, dessen Kosten zum Teil durch Spenden aus dem gesamten deutschen Sprachraum aufgebracht wurden.
Literarische Merkmale↑
Vor allem war Geibel Lyriker. Ein hohes Formtalent verhalf ihm zu leichtem und lange währendem Dichterruhm. Mit gleicher Souveränität beherrschte er den Volksliedton und die Nibelungenstrophe, den Alexandriner, das Sonett, die Stanze und die Terzine sowie die antiken Versmaße. Seine Naturgedichte und Liebeslieder blieben der Stimmung der Romantik verbunden; in ihnen klingen Joseph von Eichendorff, Ludwig Uhland, Heinrich Heine und Wilhelm Müller nach. In einer gewandelten Zeit führte dieses unbesorgte Weiterdichten allerdings zur Veräußerlichung und zum Epigonentum. Seit dem Aufenthalt in Griechenland verbanden sich mit der romantischen Tradition klassizistische Tendenzen, für die August von Platen das bewunderte Vorbild war.
Neben dem eigenen Dichten war Geibel ein produktiver Übersetzer und Nachdichter. Er übertrug spanische, portugiesische, französische, griechische und römische Dichtung ins Deutsche, oft in Zusammenarbeit mit anderen. So entstanden das Spanische Liederbuch gemeinsam mit Paul Heyse und das Klassische Liederbuch mit Nachbildungen griechischer und römischer Verse. In München wurde er zum Wortführer eines Kreises, der im bewussten Gegensatz zum Jungen Deutschland und zur erstarkenden Literatur des Realismus einen klassizistisch-idealistischen Kult der schönen Form pflegte.
Rezeption↑
Von den frühesten Veröffentlichungen an zog Geibel starken Zuspruch und harsche Kritik auf sich. Der Literaturkritiker Karl Gutzkow polemisierte 1837 gegen sein Schülergedicht König Dichter, als handele es sich um den Text eines Etablierten. Theodor Fontane prägte den Ausdruck „Geibelei“, worunter er klangschöne, aber formal stereotype Lyrik verstand, die sich mit beliebigen Inhalten füllen ließ. Theodor Storm beklagte, dass sein eigenes Werk zeitlebens hinter das Geibels zurückgestellt worden sei. Wilhelm Buschs Bildergeschichte Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter gilt als spöttischer Kommentar zu Geibel und seinen Kreisen. Vielfach wurden Spott und Kritik mit dem Neid auf den Erfolg des Lyrikers in Verbindung gebracht.
Zugleich fand Geibel bei Autoritäten der deutschen Literaturwissenschaft zwischen 1860 und 1918 hohe Wertschätzung, unter ihnen Karl Goedeke und Wilhelm Scherer. Nach dem Ersten Weltkrieg ebbte die Popularität ab. Zum 100. Geburtstag 1915 ließ der Lübecker Senat ein Bändchen politischer Lyrik in hoher Auflage drucken, das Frontsoldaten zur „geistig-moralischen Stärkung“ empfohlen wurde. Diese Instrumentalisierung zeitgebundener Gedichte für einen deutschen Angriffskrieg fiel auf den Autor zurück und beschädigte sein Ansehen nachhaltig. In Schulbüchern war er bis um 1960 noch umfangreich vertreten, danach schlief die Erwähnung ein. In der literaturgeschichtlichen Fachwelt wurde er nach 1945 zunehmend kritisch beurteilt, vor allem wegen seiner politischen und ästhetischen Positionen und eines angeblichen Mangels an Originalität.
Sein umfangreicher Nachlass wurde 1929 vom Lübecker Staat angekauft. Bedeutende Teile wie die Tagebücher, ungedruckte Manuskripte und mehr als 10.000 an ihn gerichtete Briefe wurden 1942 ausgelagert und werden seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in russischen Archiven verwahrt. Die 2018 erschienene Monografie Emanuel Geibels Aufstieg zum literarischen Repräsentanten seiner Zeit von Christian Volkmann untersucht die Zeit bis 1848. Volkmann deutet Geibels wirtschaftlichen Erfolg vor dem Hintergrund des Buchmarktes und vertritt die These, der Dichter habe durch früh gesetzte Selbstbilder seiner Kreativität enge Grenzen gezogen. Häufig heißt es, Thomas Mann habe Geibel in Buddenbrooks in der Gestalt des Jean Jacques Hoffstede verewigt; der Roman selbst bietet dafür jedoch keine Anhaltspunkte. Heinrich Mann zeichnete den alten Geibel in seinem Roman Eugénie oder Die Bürgerzeit in der Figur des Dichters Professor von Heines.
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