1811 – 1872
Théophile Gautier
Kurzporträt↑
Französischer Schriftsteller, Dichter und Kunstkritiker. Er zählt zu den prägenden Figuren des Pariser Literatenmilieus des 19. Jahrhunderts. Théophile Gautier gehörte zum Kreis um Victor Hugo. Er wurde zu einem der Hauptvertreter der „Bohème", des bewusst unangepassten Künstlerlebens am Rand der bürgerlichen Gesellschaft. Im Vorwort seines Briefromans Mademoiselle de Maupin entwarf er die Lehre des „l'art pour l'art", der zweckfreien Kunst. Diese Kunst findet allein in der Vollendung ihrer Form ihren Sinn. Bekannt wurde er außerdem durch seine sorgfältig gearbeiteten Gedichte, durch fantastische Erzählungen und durch seine Berichte aus dem Pariser Kunst- und Pressebetrieb.
Biografie↑
Geboren wurde Gautier am 30. August 1811 in Tarbes in Südwestfrankreich. Er wuchs jedoch in Paris auf. Er starb am 23. Oktober 1872 in Neuilly-sur-Seine bei Paris.
Nach Abschluss des Gymnasiums dachte Gautier zunächst an eine Laufbahn als Maler. 1829 schloss er sich dem Literatenkreis „Cénacle" um Victor Hugo an. Bei der Uraufführung von Hugos Stück Hernani 1830 erschien er mit einem provozierenden roten Wams, dem legendär gewordenen „gilet rouge". Er gehörte zu den lautesten Unterstützern in der berühmten „bataille d'Hernani". Er veröffentlichte Gedichte und Erzählungen und wurde zu einem der Hauptvertreter der „Bohème". Gautier war ein Verehrer der Romantik und besonders E. T. A. Hoffmanns. Über dessen fantastische Erzählungen schrieb er 1836 in der Chronique de Paris. Er verfasste eigene fantastische Erzählungen wie La Cafetière (1831), Onuphrius (1832) und Le pied de momie (1840).
Sein erster Erfolg war der Briefroman Mademoiselle de Maupin (1835). Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die als Mann verkleidet ihr Liebesideal zu verwirklichen sucht. Literarhistorisch besonders bedeutsam ist das Vorwort des Romans. Darin entwarf Gautier die Theorie des „l'art pour l'art": Kunst habe völlig zweckfrei zu sein, müsse gesellschaftliches oder politisches Engagement meiden und finde allein in der Perfektion ihrer Werke einen Sinn. Diese Haltung spiegelte die Enttäuschung einer Generation. Die Julirevolution von 1830 hatte sie zunächst in Aufbruchstimmung versetzt, die politische Repression nach 1832 aber ernüchtert.
Ab 1836 verdiente Gautier sein Geld bei der rasch wachsenden Presse. Er schrieb Berichte über gesellschaftliche Ereignisse, Kunstausstellungen und literarische Neuerscheinungen sowie gefragte Reisereportagen. Für diese bereiste er England, Holland, Belgien und den Mittelmeerraum, zum Teil zusammen mit seinem Schulkameraden Gérard de Nerval. Gautier war Anhänger des Mesmerismus, des sogenannten „tierischen Magnetismus". Eine Spiegelung dieser Überzeugung findet sich in seinem Roman Avatar von 1856.
In den Jahren nach 1839 versuchte er sich, eher glücklos, auch als Dramatiker. Zu seinen Stücken zählen Une larme du diable, Le Tricorne Enchanté und Pierrot posthume. Mehr Glück hatte er als Librettist. 1841 erzielte das Ballett Giselle zur Musik von Adolphe Adam einen großen Erfolg. Bekannt wurde Gautier auch als wichtiger Teilnehmer des Club des Hachichins. Dieser bestand etwa von 1844 bis 1849 und beeinflusste die Bohème stark. Gegründet wurde er vom Pariser Psychiater Jacques-Joseph Moreau, der die Wirkung von Rauschdrogen auf das Nervensystem untersuchte. Im Hôtel de Lauzun verkehrte Gautier mit dem Dichter Charles Baudelaire und dem Maler Fernand Boissard. Seine Erlebnisse veröffentlichte er 1846 in dem Erzählband Le Club des Hachichins.
Daneben verfasste er weiterhin Erzählungen. Vor allem aber schrieb er Gedichte, die er wie ein Kunsthandwerker ziselierte. Berühmt wurde seine Gedichtsammlung Émaux et camées („Emaillen und Kameen", 1852). Sie galt der Lyrikergeneration der „Parnassiens" als Vorbild. Im Zweiten Kaiserreich gehörte er zum Zirkel um die kulturell einflussreiche Prinzessin Mathilde Bonaparte. Seine späten Romane Le Roman de la momie (1858) und Le Capitaine Fracasse (1863) waren nur mäßig erfolgreich.
Gautier heiratete Ernesta Grisi, die Schwester von Carlotta Grisi. Carlotta Grisi war seine eigentliche große Liebe, doch sie erwiderte diese nicht. Mit seiner Geliebten Eugénie Fort hatte er einen Sohn, Théophile Gautier fils, mit Ernesta zwei Töchter. Beide Töchter heirateten schriftstellerische Schützlinge des Vaters. Estelle Gautier heiratete den Schriftsteller Émile Bergerat, Judith Gautier gegen den Willen des Vaters Catulle Mendès. Ernesta stellte sich auf Judiths Seite, und ihre Ehe mit Théophile zerbrach. Der Sohn Théophile Gautier fils (1836–1904) erwarb sich später Verdienste als Übersetzer deutscher Schriftsteller, darunter Johann Wolfgang von Goethe und Achim von Arnim.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für Gautier ist die Sorgfalt, mit der er an der Form seiner Werke arbeitete. Seine Gedichte gestaltete er, wie es im Material heißt, „wie ein Kunsthandwerker", der seine Verse ziseliert. Dieses Bild passt gut zum Titel seiner Sammlung Émaux et camées, der auf Emaillearbeit und geschnittene Steine anspielt. Hinter dieser Formstrenge steht seine Lehre des „l'art pour l'art", die er im Vorwort von Mademoiselle de Maupin entwarf. Die Kunst soll keinem äußeren Zweck dienen. Sie soll allein in der Vollendung ihrer Gestalt ihren Sinn finden.
Inhaltlich reicht sein Werk von der fantastischen Erzählung bis zur Reisereportage. Inspiriert von E. T. A. Hoffmann schrieb er fantastische Geschichten. Darin spielen Themen wie das Übersinnliche und der „tierische Magnetismus" eine Rolle. Daneben stehen seine geschmeidigen Berichte über Kunstausstellungen, literarische Neuerscheinungen und seine Reisen. Mit ihnen verdiente er einen großen Teil seines Lebensunterhalts.
Rezeption↑
Wirkung entfaltete Gautier vor allem über seine ästhetische Lehre und seine Lyrik. Seine Gedichtsammlung Émaux et camées galt der nachfolgenden Lyrikergeneration der „Parnassiens" als Vorbild. Mit der im Vorwort von Mademoiselle de Maupin formulierten Idee der zweckfreien Kunst prägte er eine Haltung, die weit über sein eigenes Werk hinausreichte. Auch als Mitbegründer des Club des Hachichins beeinflusste er das Pariser Künstlermilieu der Bohème stark.
Sein Werk wirkte zudem in andere Künste hinein. Hector Berlioz vertonte 1841 sechs seiner Gedichte als Les nuits d'été. Sein Roman Le Roman de la momie diente als Grundlage für das Ballett La Fille du Pharaon (1862). Der Roman Le Capitaine Fracasse wurde mehrfach verfilmt. Im deutschsprachigen Raum sind mehrere seiner Werke übersetzt worden, darunter Mademoiselle de Maupin, Avatar, Jettatura und Émaux et camées.
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