1810 – 1865
Elizabeth Gaskell
Kurzporträt↑
Zu den bekanntesten englischen Erzählerinnen der viktorianischen Zeit zählt Elizabeth Gaskell (1810–1865). Im englischen Sprachraum nennt man sie bis heute oft schlicht „Mrs. Gaskell". In Manchester erlebte sie aus der Nähe das Elend der industriellen Revolution. Dieses Elend wurde zum Stoff mehrerer ihrer Bücher. Mit dem Roman Mary Barton legte sie einen der ersten englischen Gesellschaftsromane vor, der das Leiden des Proletariats schildert. Bekannt wurde sie ebenso durch die Kleinstadtgeschichten von Cranford und durch ihre Biografie der befreundeten Schriftstellerin Charlotte Brontë.
Biografie↑
Geboren wurde Elizabeth Cleghorn Gaskell am 29. September 1810 als geborene Stevenson in Chelsea, London (heute 93 Cheyne Walk). Ihre Mutter Eliza war eine Nichte des Keramikproduzenten Josiah Wedgwood. Ihr Vater William war Angestellter im öffentlichen Dienst und unitarischer Geistlicher. Die Mutter starb kurz nach der Geburt. Deshalb verbrachte Elizabeth einen großen Teil ihrer Kindheit bei einer Tante in Knutsford, Cheshire. Dieser Ort wurde ihr später zum Vorbild für das fiktive „Cranford".
Sie besuchte die Avonbank School in Stratford-upon-Avon. Anschließend lebte sie zwei Jahre bei der Pfarrersfamilie von William Turner, einem entfernten Cousin, in Newcastle upon Tyne. Ihre Stiefmutter war eine Schwester des schottischen Malers William John Thomson, der Elizabeth 1832 porträtierte. Im selben Jahr heiratete sie den unitarischen Geistlichen William Gaskell, Dozent für englische Geschichte und Literatur am Manchester New College. In ihrem Wohnort Manchester erlebte sie die industrielle Revolution und das von ihr verursachte Elend. Die Gaskells verkehrten dort in liberalen Kreisen und vertraten sozialreformerische Ansichten.
Elizabeth Gaskell unterstützte ihren Mann bei seinen sozialen Aufgaben. So lernte sie die Lebensbedingungen der Armen unmittelbar kennen. Diese Eindrücke schlugen sich 1837 in ihrer ersten Veröffentlichung Sketches Among the Poor nieder. Ihr erster Roman Mary Barton, a Tale of Manchester Life erschien 1848 zunächst anonym. Das Werk schildert in melodramatischer Form das Leiden des Proletariats vor dem Hintergrund des Chartisten-Aufstands. Die realistische Darstellung von Elend, Arbeitslosigkeit und Prostitution wurde teils als einseitige Stellungnahme verworfen, teils von Kritikern wie Thomas Carlyle gerühmt. Durch diesen Roman kam Gaskell in Kontakt zu Charles Dickens. In dessen Zeitschrift Household Words veröffentlichte sie fortan. Dort erschien zwischen 1851 und 1853 auch Cranford, eine lose verbundene Sammlung von Anekdoten und Geschichten über eine Kleinstadt.
Der Roman Ruth (1853) beschreibt das tragische Schicksal einer unverheirateten Mutter in einem heuchlerischen Umfeld. Nach seinem Erscheinen galt er als Tabubruch und löste empörte Reaktionen aus. Größere Bekanntheit brachte ihr 1855 der Gesellschaftsroman North and South, der weniger melodramatisch ausfiel als ihr Erstling. Eng befreundet war Gaskell mit Charlotte Brontë, der sie 1850 erstmals begegnete. Nach deren Tod beauftragte ihr Vater Patrick Brontë sie mit einer Biografie. The Life of Charlotte Brontë erschien 1857 und gilt als eine der wichtigsten englischen Biografien des 19. Jahrhunderts. Das Buch brachte ihr jedoch Schwierigkeiten ein. Wegen eines Berichts über die Affäre von Branwell Brontë mit der verheirateten Mrs. Robinson wurde ihr eine Verleumdungsklage angedroht. Carus Wilson sah zudem seine Schule falsch dargestellt. Nach einem Jahr legte Gaskell eine bereinigte Fassung vor.
Neben ihren Romanen verfasste sie zahlreiche Kurzgeschichten. Diese erschienen in Zeitschriften und Sammlungen wie Lizzie Leigh and Other Tales (1855) und Round the Sofa (1859). 1863 folgte der historische Roman Sylvia's Lovers, angesiedelt vor dem Hintergrund der Napoleonischen Kriege. Ihr letzter Roman Wives and Daughters spielt im Haushalt eines Arztes. Er blieb wegen ihres Todes unvollendet und erschien 1866 im Cornhill Magazine. Elizabeth Gaskell starb am 12. November 1865 im Alter von 55 Jahren in Holybourne, Hampshire, wo sie kurz zuvor ein Landhaus gekauft hatte. Beigesetzt wurde sie auf dem Friedhof der Unitarian Chapel in Knutsford.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für Gaskells frühe Romane ist die realistische, zugleich melodramatisch zugespitzte Schilderung sozialer Not. In Mary Barton stellt sie das Elend des Proletariats unmittelbar und drastisch dar. In Ruth verbindet sie diese Eindringlichkeit mit der Idealisierung ihrer Hauptfigur. Ihre späteren Romane sind in Stil und Erzählweise schlichter gehalten. Ihre künstlerische Disziplin erinnert an das Werk von Jane Austen. In Cranford vermeidet sie die nostalgische Verklärung eines ländlichen Idylls. Sie zeigt eine Kleinstadt, in der die sozialen Veränderungen der Industriegesellschaft Unruhe auslösen. Wiederkehrend ist bei ihr die Frage nach den weiblichen Rollen und nach der Autonomie der Frau gegenüber fremdbestimmten sozialen Erwartungen. Diese Frage entfaltet sie etwa in Sylvia's Lovers und in Wives and Daughters.
Rezeption↑
Schon ihr Erstling Mary Barton spaltete die Kritik. Manche verwarfen die Schilderung als einseitige Parteinahme, andere wie Thomas Carlyle rühmten das Werk. Der Roman öffnete ihr zugleich den Weg in den Kreis um Charles Dickens. Heftige Reaktionen rief Ruth hervor, der wegen seines Stoffes als Tabubruch empfunden wurde. Ihre Biografie The Life of Charlotte Brontë gilt als eine der wichtigsten englischen Biografien des 19. Jahrhunderts. Nach ihrem Erscheinen sorgte sie jedoch für Streit. Patrick Brontë war mit dem Ergebnis unzufrieden, und einzelne Betroffene fühlten sich angegriffen. Ihr unvollendet gebliebener letzter Roman Wives and Daughters wird von zahlreichen Kritikern und Lesern als ihr Meisterwerk betrachtet. Bis in die Gegenwart wirkt ihr Werk auch über zahlreiche Verfilmungen nach, darunter mehrere Produktionen der BBC zu North and South, Cranford und Wives and Daughters.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (32 weitere Titel)