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Norden und Süden
1855
– Werkseintrag –

Norden und Süden

1855 · Roman

Eine junge Frau aus dem englischen Süden prallt in einer rußigen Fabrikstadt des Nordens auf eine fremde Welt – und auf einen Fabrikherrn, den sie zunächst verachtet.

Überblick↑

Der Roman North and South gehört zu den Industrieromanen der britischen Schriftstellerin Elizabeth Gaskell. Er erschien zunächst ab September 1854 als Fortsetzungsroman und kam 1855 in überarbeiteter Fassung als Buch bei Chapman & Hall heraus. Schauplatz ist die erfundene Industriestadt Milton im viktorianischen Großbritannien zur Zeit der Industriellen Revolution. Das Buch ist zugleich ein Entwicklungsroman und ein Gesellschaftsroman. Es schildert die innere Reifung der jungen Margaret Hale und den allmählichen Abbau ihres Standesdünkels. Zugleich öffnet es den Blick auf das Leben in einer Fabrikstadt. Gaskell erzählt von einem Streik und einem Aufstand der Arbeiter, ergreift dabei aber für keine Seite Partei. Sie zeigt, dass Arbeiter wie Fabrikbesitzer gute Gründe für ihre Haltung haben und der Konflikt nur eskaliert, weil keiner den anderen verstehen will. Ihr Anliegen ist die Versöhnung über die Klassengrenzen hinweg.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Margaret Hale, die Tochter eines südenglischen Landpfarrers. Durch Herkunft und Erziehung gehört sie zur Oberschicht, obwohl ihre Eltern kein Vermögen besitzen. Als ihr Vater aus einer Glaubenskrise heraus die Anglikanische Kirche verlässt, verliert die Familie Heim und Einkommen. Sie zieht in den Norden Englands, in die aufstrebende Industriestadt Milton, wo der Vater als Privatlehrer arbeiten kann.

Margaret ist entsetzt über den Gegensatz zwischen der vertrauten ländlichen Idylle und der schmutzigen Fabrikstadt. Auch die Miltoner Gesellschaft der reichen Fabrikbesitzer befremdet sie, denn sie hält diese Männer nicht für geborene Gentlemen. Die erste Begegnung mit dem Fabrikbesitzer John Thornton, einem neuen Schüler ihres Vaters, verläuft entsprechend gezwungen. Er jedoch ist von ihr fasziniert.

Über die Freundschaft mit der todkranken Arbeiterin Bessy Higgins gewinnt Margaret Einblick in das harte Leben der Arbeiterklasse. Als die Baumwollarbeiter in einen langen Streik treten und zu hungern beginnen, versucht sie, die Not zu lindern. Damit gerät sie in Widerspruch zu Thornton und den anderen Fabrikherren. Zwischen Margarets Stolz und ihrer wachsenden Nähe zu einer Welt, die sie zunächst verachtet hat, entfaltet sich die eigentliche Geschichte.

Die Handlung im Detail↑

Margaret Hale, Tochter des südenglischen Landpfarrers Richard Hale, gehört durch Herkunft und Erziehung zur Oberschicht, obwohl ihre Eltern kein eigenes Vermögen besitzen. Als der Vater aus einer Glaubenskrise heraus die Anglikanische Kirche verlässt, verliert die Familie Heim und Einkommen. Auf Vermittlung seines Freundes Mr. Bell kann Richard Hale in der Industriestadt Milton als Privatlehrer arbeiten. Dorthin zieht die Familie.

Margaret ist über den Gegensatz zwischen ländlicher Idylle und schmutziger Fabrikstadt schockiert. Ebenso befremdet sie die Miltoner Gesellschaft der reichen Fabrikbesitzer, die sie nicht als geborene Gentlemen ansieht. Ein Fabrikant gilt ihr so viel wie ein Händler. Die erste Begegnung mit dem Fabrikbesitzer John Thornton, einem Freund Mr. Bells und neuen Schüler ihres Vaters, verläuft daher gezwungen. Thornton aber ist von ihr fasziniert. Weil er ihre geringe Meinung über ihn kennt, rechnet er sich bei ihr keine Chancen aus.

Margaret freundet sich mit der todkranken Arbeiterin Bessy Higgins an, der Tochter des Gewerkschaftsführers Nicholas Higgins. Bessy leidet an der Baumwollstaublunge. Durch diese Freundschaft versteht Margaret die Lebensbedingungen der Arbeiter besser. Higgins organisiert einen Streik sämtlicher Baumwollarbeiter, die eine Lohnerhöhung durchsetzen wollen. Da keine Seite nachgibt, zieht sich der Streik über Wochen hin, und die Arbeiter hungern. Margaret versucht, ihre Not zu lindern, und gerät darüber in Konflikt mit Thornton und den übrigen Fabrikbesitzern.

Als die Arbeiter erfahren, dass Thornton Streikbrecher aus Irland geholt hat, eskaliert die Lage zu einem Aufstand. Wieder versucht Margaret zu vermitteln und stellt sich zwischen Thornton und die wütende Menge. Dabei trifft sie ein Stein am Kopf, der Thornton gegolten hatte. Der Gewaltausbruch beendet den Aufstand und auch den Streik. Ermutigt dadurch, dass Margaret ihn gerettet hat, macht Thornton ihr am nächsten Tag einen Heiratsantrag. Margaret nimmt ihn sehr schlecht auf. Sie glaubt, Thornton wolle nur ihren Ruf schützen, und sieht sich bestätigt, dass er kein Gentleman sei. In deutlichen Worten weist sie ihn ab.

Bald darauf stirbt Bessy, und auch der Zustand von Margarets kranker Mutter verschlechtert sich. Weil deren Tod naht, benachrichtigt Margaret ihren in Spanien lebenden Bruder Frederick. Diesem droht in England wegen Meuterei die Todesstrafe, weshalb die Familie ihn niemandem gegenüber erwähnt. Aus Sorge um die Mutter kommt Frederick heimlich zu Besuch. Kurz nach seiner Ankunft stirbt Mrs. Hale. Noch am selben Abend bringt Margaret den Bruder zum Bahnhof, damit er das Land sicher verlassen kann. Als sie sich liebevoll von ihm verabschiedet, wird sie von Thornton beobachtet. Der hält den Fremden für einen Liebhaber Margarets.

Kurz bevor Frederick in den Zug steigt, erkennt ihn der zwielichtige Leonards wieder, der von der Belohnung auf Fredericks Kopf weiß. Es kommt zu einem Handgemenge, bei dem Leonards vom Bahnsteig stürzt. Er rappelt sich auf und verschwindet, während Frederick gerade noch den Zug nach London erreicht. Wenig später wird Leonards tot aufgefunden. Weil Zeugen das Handgemenge sahen und auch Margaret erkannten, wird sie von einem Polizeiinspektor befragt. Aus Furcht um den Bruder, von dem sie nicht weiß, ob er das Land schon verlassen hat, leugnet Margaret, überhaupt am Bahnhof gewesen zu sein. Der Inspektor droht mit einer öffentlichen Gegenüberstellung, bei der sie ein Alibi vorweisen müsste. Als Thornton, der als Magistrat für die Ermittlungen zuständig ist, von Margarets Verwicklung erfährt, stellt er das Verfahren ein. Dass Thornton nun von ihrer Lüge weiß, trifft Margaret schwer. Erst in dem Bewusstsein, seine gute Meinung verloren zu haben, wird ihr klar, wie viel sie ihr bedeutet hat.

Der seit dem Streik arbeitslose Nicholas Higgins bewirbt sich auf Margarets Ermutigung hin bei Thornton. Beeindruckt von Higgins' Geradlinigkeit und Hartnäckigkeit, stellt Thornton ihn ein. Nach und nach nähern sich die beiden Männer an und entwickeln Verständnis für die Position des anderen. Als auch Margarets Vater stirbt, kehrt sie nach London zu ihrer Tante zurück. Ihr Patenonkel Mr. Bell stirbt bald darauf und hinterlässt ihr sein Vermögen. Margaret vermisst Milton und erkennt, dass sie den Süden und seine vermeintlich idyllischen Verhältnisse stets romantisiert hat.

Thornton dagegen kämpft mit wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Weil er wegen des Streiks seine Aufträge nicht erfüllen konnte, kann er seinen Kreditverpflichtungen nicht mehr nachkommen und muss die Fabrik schließen. Um diese Zeit erfährt er von Higgins, dass der Mann am Bahnhof in Wirklichkeit Margarets Bruder war. Margarets Gefühle für Thornton haben sich völlig gewandelt, seit sie annehmen muss, dass er sie nicht mehr liebt und für eine Lügnerin hält. Henry Lennox, Schwager ihrer Cousine Edith und ihr Rechtsanwalt, trifft Thornton in London geschäftlich und lädt ihn zu einer Abendgesellschaft bei Edith ein. Dort sehen sich Margaret und Thornton nach fast einem Jahr wieder. Das Treffen verläuft gezwungen. Als Margaret von Thorntons Not erfährt, will sie ihm helfen und ihr Vermögen in seine Fabrik investieren. Sie bittet Henry Lennox, alles zu regeln und Thornton zu einer geschäftlichen Unterredung mitzubringen. Henry erscheint jedoch nicht, und so muss Margaret allein mit Thornton sprechen. Bei dieser Gelegenheit gestehen sich beide endlich ihre Gefühle füreinander ein.

Stil↑

Das Werk verbindet zwei Erzählformen. Als Entwicklungsroman verfolgt es die innere Reifung Margarets, als Gesellschaftsroman breitet es das Leben einer ganzen Fabrikstadt aus. Schon der Titel North and South ist Programm: Er stellt den ländlichen Süden und den industriellen Norden Englands einander gegenüber. Auffällig ist die Ausgewogenheit der Darstellung. Gaskell schildert die elenden Lebensbedingungen der Arbeiter in allen Einzelheiten, ergreift aber für keine Seite Partei. Sie lässt Arbeiter wie Fabrikbesitzer ihre Gründe darlegen. Ungewöhnlich für ihre Zeit ist, wie genau sie die Gedanken und Gefühle der männlichen Hauptfigur John Thornton nachzeichnet. Er tritt nicht hinter die weibliche Hauptfigur zurück, sondern erhält ein eigenes seelisches Gewicht.

Rezeption↑

Der Roman erschien zunächst ab September 1854 als Fortsetzung und kam 1855 als überarbeitetes Buch heraus. Besondere Faszination geht bis heute von der genauen Zeichnung John Thorntons aus, dessen Innenleben eine Frau so eindringlich beschrieben hat. Für die Fernsehverfilmung von 2004 unter der Regie von Brian Percival verkörperte Richard Armitage diese Figur. Über die Autorin sagte er: „Sie ist für mich wahrscheinlich die aufregendste viktorianische Romanschriftstellerin. Anders als den anderen gelingt es ihr, in den männlichen Verstand einzudringen. Der Mann ist gewöhnlich nur eine Fantasiefigur. Die Vorstellung, daß dieser männliche Verstand von einer Frau beschrieben wurde, war brillant."

Als mögliches Vorbild für die Romanfigur Thornton wird ein englischer Mechaniker gleichen Namens vermutet, der im österreichischen Pottendorf zum Mitbesitzer der ersten Baumwollspinnfabrik aufstieg und 1812 in den Adelsstand erhoben wurde.

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