1891
Nuestra América
Überblick↑
Das politisch-philosophische Essay Nuestra América („Unser Amerika“) stammt von dem kubanischen Schriftsteller José Martí und erschien 1891. Darin kritisiert der Autor die nordamerikanische Interessenpolitik in Lateinamerika. Zugleich wirbt er für ein Bündnis aller mittel- und südamerikanischen Staaten gegen den drohenden Einfluss des mächtigen Nachbarn im Norden. Der Text wurde am 1. Januar 1891 in der New Yorker Zeitschrift Revista Ilustrada veröffentlicht und wenige Wochen später in der mexikanischen El Partido Liberal. Kurz zuvor, 1889/90, hatte Martí in Washington die erste Panamerikanische Konferenz miterlebt, auf der Fragen der Zusammenarbeit zwischen den Ländern des Kontinents verhandelt wurden.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Zu Beginn beschwört Martí eine neue Gefahr herauf, der sich Lateinamerika gegenübersehe. Er malt sie in einem eindringlichen Bild: Die Bäume müssten sich in Reih und Glied aufstellen, damit ein Riese mit Siebenmeilenstiefeln nicht hindurchkomme. Aus dieser Warnung erwächst ein Aufruf an die Völker des Kontinents, ihre Streitigkeiten beizulegen und gemeinsam für ihre Interessen einzustehen.
Von dort führt der Text zu einer schärfer umrissenen Diagnose. Martí benennt eine kulturelle Abhängigkeit von Europa und den USA und fragt, wie die jungen Republiken zu einer eigenen Stimme finden können. Er verbindet Kulturkritik, Bildungsfragen und politische Ordnung zu einem leidenschaftlichen Appell. Wohin dieser Weg führen soll und welches Menschenbild Martí am Ende entwirft, entfaltet der Essay Schritt für Schritt.
Die Handlung im Detail↑
Der Essay beginnt mit einem drohenden Bild. Martí zeichnet eine neue Gefahr, der Lateinamerika gegenüberstehe, und veranschaulicht sie durch Bäume, die nicht mehr friedlich in einer Idylle wachsen. „Die Bäume müssen sich in Reih und Glied aufstellen, damit der Riese mit den Siebenmeilenstiefeln nicht hindurch kann. Es ist die Zeit der Abrechnung und des gemeinsamen Marsches; und wir müssen eng beieinander marschieren." Damit ruft er die Völker Lateinamerikas dazu auf, ihre Zwistigkeiten untereinander zu beenden und gemeinsam für ihre Interessen einzutreten.
Nach diesem Aufruf benennt Martí das eigentliche Problem: die kulturelle Abhängigkeit von Europa und den USA. Die Studenten Lateinamerikas lernten die politischen Theorien Europas und Nordamerikas statt der Gedanken des eigenen Kontinents. Den Schülern werde griechische Geschichte gelehrt statt der Geschichte der indigenen Völker. Als Gegenmittel schlägt er die Ausbildung und Pflege einer eigenen Kultur vor. Viele hätten bereits begonnen, an Lösungen zu arbeiten: „Die jungen Menschen Amerikas krempeln sich die Ärmel hoch, stützen die Hände auf die Tische und erheben sich mit schweißgetränkten Köpfen. Sie verstehen, dass wir zu viel imitieren; und dass die Lösung ist, etwas zu erschaffen." So fordert Martí, eine eigene Kultur zu entfalten und sie auch zur Grundlage der Politik zu machen.
Im weiteren Verlauf verlangt er, dass Indios, Mestizen und Schwarze politisch in die Republiken eingebunden werden, damit diese wirklich frei seien. Schließlich entwickelt Martí seine historisch-materialistische Idee: Durch die Lösung einiger wirtschaftlicher und logistischer Probleme lasse sich ein neuer amerikanischer Mensch erschaffen. Der Text mündet in diese Vision einer selbstbewussten, eigenständigen und geeinten lateinamerikanischen Gemeinschaft.
Stil↑
Geschrieben ist der Text in einer bildhaften, allegorischen Sprache. Immer wieder verdichtet Martí sein Anliegen zu Bildern wie dem Riesen mit den Siebenmeilenstiefeln oder den Bäumen, die sich in Reih und Glied aufstellen müssen. Solche Bilder tragen zahlreiche Aufrufe an die lateinamerikanische Gemeinschaft, zusammenzuhalten und die eigene Kultur gegenüber Nordamerika zu stärken.
Auffällig ist Martís Arbeit mit gegensätzlichen Begriffen. Er stellt das spanisch-portugiesische und das englischsprachige Amerika einander gegenüber und prägt dafür Formeln wie nuestra América (unser Amerika), América mestiza (mestizisches Amerika) oder América nueva (neues Amerika), denen er Yanquis entgegensetzt. Die Gemeinschaft der Eingeborenen wird dabei zu einem Ideal erhoben, dem Martí Identität, Wahrheit und Eigenständigkeit zuschreibt. Zugleich bleibt sein Bild widersprüchlich: Er teilt die Bevölkerung Lateinamerikas in einen kultivierten Teil (los cultos) und einen unkultivierten Teil (los incultos).
Rezeption↑
Mit diesem Essay wies Martí die damals vorherrschende, auf Spanien bezogene Sicht der amerikanischen Geschichtsschreibung zurück und stellte ihr das Ideal einer eigenständigen, mestizischen Kultur entgegen. Zugleich blieb sein Denken zwiespältig. Sein Glaube an einen stetig fortschreitenden technischen und wirtschaftlichen Fortschritt führte dazu, dass er in seiner politischen Arbeit eine Zivilisierung der indigenen Bevölkerung nach westlichem Maßstab befürwortete. Die Einteilung der Menschen in einen kultivierten und einen unkultivierten Teil steht in Spannung zu seiner Verehrung der eingeborenen Gemeinschaft. Als leidenschaftlicher Appell für Einheit und kulturelle Selbstbestimmung Lateinamerikas hat der Text seine Wirkung bewahrt.
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