1836
Nymphodora Iwanowna
Überblick↑
Bei Nymphodora Iwanowna handelt es sich um einen kurzen Roman des russischen Schriftstellers Iwan Gontscharow. Es ist das früheste bekannte literarische Zeugnis des Autors. Das Werk erschien 1836 anonym in Sankt Petersburg und geriet danach in Vergessenheit. Erst im 20. Jahrhundert wurde der Text wiederentdeckt und 1960 durch die Forscherin Olga Demichowskaja Gontscharow zugeschrieben.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Eine sehr junge Frau erscheint auf einer Polizeiwache am Rand von Sankt Petersburg, um das Verschwinden ihres Mannes zu melden, eines unauffälligen, gänzlich unauffälligen Mannes. Wenige Tage später wird eine Leiche gefunden, die seine sein könnte. Nymphodora wird zur Identifizierung gerufen und erkennt den Ehering, die Brieftasche und den Anzug wieder – doch das Gesicht des Toten ist bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Als Witwe bleibt sie untröstlich zurück.
In den folgenden Monaten lässt sie der Gedanke an den Verstorbenen nicht los. Bei einem Frühlingsspaziergang auf dem Newski-Prospekt glaubt sie für einen Augenblick, sein Gesicht in einer der vorüberfahrenden Kutschen zu erblicken. Dann zerstört ein heftiges Feuer ihr Haus; ein Nachbar namens Astrow, der die junge Frau heimlich liebt, rettet sie und ihr Kind in letzter Not. Ohne andere Zuflucht muss sie fortan mit ihrem Retter unter einem Dach leben – unter strengen Bedingungen, die sie selbst setzt. Mit der Zeit beginnt sie, ihn mit anderen Augen zu sehen. Und immer wieder meint sie, ihren toten Mann unter den Lebenden wiederzuerkennen.
Die Handlung im Detail↑
Eine sehr junge Frau, Nymphodora Iwanowna Serebrowa, meldet auf einer Polizeiwache am Rand von Sankt Petersburg, dass ihr Mann verschwunden sei. Bald wird eine Leiche gefunden, die seine sein könnte. Bei der Identifizierung findet Nymphodora Ehering, Brieftasche und Anzug ihres Mannes – das Gesicht des Toten aber ist völlig entstellt. Sie hält sich für Witwe und ist untröstlich.
Einige Monate später, bei einem Frühlingsspaziergang auf dem Newski-Prospekt, glaubt sie nahe der Kasaner Brücke, das Gesicht ihres verstorbenen Mannes in einer der eleganten Kutschen zu sehen. Eines Abends bricht in ihrem Haus ein Brand aus. Astrow, ein Nachbar, der sie heimlich liebt, rettet Nymphodora und ihr Kind im letzten Moment. Mittellos ist sie gezwungen, mit ihm zusammenzuwohnen, setzt diesem Zusammenleben aber äußerst strenge Grenzen. Mit der Zeit – und obwohl sie es als Verrat empfindet – sieht sie den jungen Mann mit anderen Augen und glaubt schließlich, in ihm Ähnlichkeiten mit ihrem Mann zu erkennen.
Während einer Militärparade auf dem Marsfeld, der Nymphodora und ihr Begleiter vom Sommergarten aus zusehen, meint sie erneut, ihren Mann zu erblicken. Trotz des Gedränges drängt sie sich an den vermeintlichen Gatten heran – sie ist völlig sicher, dass er es ist – und ruft ihn an: „Alexander!" Sofort bildet sich ein Auflauf; die meisten Schaulustigen halten sie für verrückt. Der Fremde weist sie zurück, es entsteht Unruhe, und die Polizei greift ein.
Die Ermittlungen ergeben, dass Nymphodora nicht geisteskrank ist und dass der Unbekannte Fjodor Strelezki heißt, Hofrat ist und nichts mit ihr zu tun hat. Befremdlich erscheint allein ihr ungewöhnliches Zusammenleben mit Astrow. Ein Detail aber fällt dem Ermittler auf: Das Verschwinden von Nymphodoras Mann und der Umzug des Ehepaars Strelezki fanden am selben Tag statt, einem 4. Dezember. Der Beamte ist überzeugt, dass der Schlüssel zum Rätsel in dieser Übereinstimmung liegt.
Die Polizei versucht herauszufinden, wer von beiden lügt. Nymphodoras Angabe, sie habe nahe der Alartschin-Brücke gewohnt, bestätigen die Nachbarn, während Strelezki sie bestreitet. Schließlich führt man den angeblichen Strelezki seinem Vorgesetzten vor, der ihn nicht erkennt: Der Mann, der sich für Strelezki ausgibt, ist ein Hochstapler. Damit ist Serebrow entlarvt.
Nun lässt sich der Plan aufdecken. Alexander Serebrows Liebe zu Nymphodora war kurz nach der Hochzeit erkaltet. Er hatte Agrafena Strelezkaja kennengelernt und war bald ihr Geliebter geworden. Um sich am Vermögen von Agrafenas Mann zu bereichern, beschlossen die beiden, ihn zu töten, das Gesicht zu entstellen und die Leiche als Serebrow auszugeben, während der Liebhaber die Rolle des Ehemannes Strelezki übernahm. Um das Verbrechen zu verschleiern, zogen sie am Tag der Tat um und entließen ihre Dienstboten.
Im Epilog steht Alexander kurz davor, zu lebenslanger Zwangsarbeit in die Verbannung geführt zu werden. Nymphodora, weiterhin an Astrows Seite, erreicht, ihren Mann ein letztes Mal zu sehen; man ahnt, dass sie ihn noch immer liebt. Von der Haft so gezeichnet, dass sie ihn kaum wiedererkennt. Gerade als sie ein letztes Gespräch mit ihm führen will, bringt man zwei Frauen heran, die ebenfalls zum Gefangenenzug gehören – darunter Agrafena Strelezkaja. Als Alexander den Namen seiner Komplizin hört, stürzt er sich auf sie und erwürgt sie, überzeugt, sie habe ihn verraten. Als der Zug sich in Bewegung setzt, entreißt der Gefangene einem Soldaten das Bajonett und stößt es sich ins Herz. Er stirbt augenblicklich vor den Augen seiner Frau.
Am Ende deutet der Erzähler an, ein Jahr nach diesem Vorfall habe Nymphodora sich mit Astrow verlobt – er zweifle aber daran, da er die Glut ihrer ersten Liebe kenne. Wer freilich vermöge schon im Herzen einer Frau zu lesen?
Stil↑
Erzählt wird eine Kriminalgeschichte mit doppeltem Boden, deren Spannung aus einem rätselhaften Verschwinden, einer entstellten Leiche und einem geschickt aufgebauten Trug erwächst. Die Handlung folgt der Logik einer polizeilichen Ermittlung: Eine zunächst unerklärliche Wiederbegegnung wird Schritt für Schritt entwirrt, bis sich aus einem unscheinbaren Detail – zwei Ereignisse am selben Tag – die ganze Wahrheit ergibt.
Der Schauplatz ist Sankt Petersburg mit seinen wirklichen Straßen und Plätzen: der Newski-Prospekt, das Marsfeld, der Sommergarten, die Brücken über die Kanäle. Auffällig ist die ironische Erzählerstimme. Am Schluss tritt sie offen hervor, äußert Zweifel am weiteren Schicksal der Heldin und wendet sich mit einer halb spöttischen Bemerkung über die Unergründlichkeit weiblicher Herzen an den Leser.
Rezeption↑
Lange Zeit blieb das Werk unbekannt, da es 1836 ohne Verfassernamen erschienen war. Erst im 20. Jahrhundert wurde der Text wieder aufgefunden. Die Zuschreibung an Gontscharow geht auf die Forscherin Olga Demichowskaja zurück, die das Werk 1960 dem Autor zuordnete. Die Fassung, die einer späteren französischen Übersetzung zugrunde liegt, wurde 1993 im russischen Original erstellt. Damit gilt der kurze Roman als das früheste bekannte literarische Zeugnis Gontscharows.
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