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Porträt Iwan Alexandrowitsch Gontscharow
Iwan Alexandrowitsch Gontscharow
1812 – 1891
– Autorenporträt –

Iwan Alexandrowitsch Gontscharow

1812 – 1891 · 79 Jahre

Russischer Erzähler des 19. Jahrhunderts, dessen Romanheld Oblomow dem Russischen ein eigenes Wort für die Trägheit schenkte.

Kurzporträt

Iwan Alexandrowitsch Gontscharow war ein russischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Sein Name ist bis heute vor allem mit einem Werk verbunden: dem Roman Oblomow von 1859. Sein Titelheld verlässt vor lauter Antriebslosigkeit das Bett kaum. Er wurde so berühmt, dass aus seinem Namen ein eigenes russisches Wort entstand: die Oblomowschtschina, das Versinken im Nichtstun. Neben Oblomow schrieb Gontscharow zwei weitere große Romane. Dazu kam ein viel beachteter Reisebericht von einer Weltreise, die ihn bis nach Japan führte. Sein Leben spielte sich zwischen zwei Polen ab. Als hoher Beamter im Staatsdienst arbeitete er jahrzehntelang als Zensor. Zugleich war er ein Beobachter einer russischen Gesellschaft im Umbruch.


Biografie

Geboren wurde Gontscharow am 6. Juni 1812 als Sohn eines wohlhabenden Getreidehändlers. Beim Geburtsort gibt es eine kleine Unstimmigkeit zwischen den Quellen: Wikidata nennt Uljanowsk, die Deutsche Biographie verzeichnet Simbirsk. Dabei handelt es sich um denselben Ort, denn die Stadt wurde im 20. Jahrhundert in Uljanowsk umbenannt. Der Vater starb bereits 1819, das Geschäft führte die Mutter weiter. Der Großvater war in den erblichen Adel aufgenommen worden. So wuchs Gontscharow in einer Familie auf, in der sich die alte patriarchalische Welt des Landadels mit der neuen, aufstrebenden Welt der gebildeten Kaufleute mischte – eine Erfahrung, die später viele seiner Romane prägen sollte.

Von 1822 bis 1830 besuchte er die Handelsschule in Moskau. 1834 schloss er sein Studium an der Universität Moskau ab und trat in den Staatsdienst. Diesem blieb er volle dreißig Jahre lang treu. Er arbeitete in Sankt Petersburg zunächst als Übersetzer, dann als kleiner Beamter. Ab 1856 war er Oberzensor im Volksbildungsministerium und später leitender Beamter in der obersten Pressebehörde.

Sein literarischer Weg begann mit Versen. Ab 1838 wandte er sich, beeinflusst von Puschkin, Lermontow und Gogol, der realistischen Prosa zu. 1847 erschien sein erster Roman Eine alltägliche Geschichte (Obyknowennaja istorija). Er hatte den Konflikt zwischen dem alten russischen Adel und der aufsteigenden Kaufmannsklasse zum Thema. Ein Jahr später folgte die psychologisch-naturalistische Skizze Iwan Sawitsch Podjabrin.

Zwischen 1852 und 1855 unternahm Gontscharow eine bemerkenswerte Reise. Als Sekretär des Admirals Putjatin segelte er nach England, Afrika und Japan und kehrte über Sibirien nach Russland zurück. Aus dieser Erfahrung entstand der scharf beobachtende Reisebericht Die Fregatte Pallas. Er wurde 1858 veröffentlicht und fand auch im Ausland Aufmerksamkeit. Im Jahr darauf, 1859, erschien sein Hauptwerk Oblomow, das ihm internationalen Ruhm einbrachte. Sein Titelheld wird oft mit Shakespeares Hamlet verglichen. Die Frage „Sein oder Nichtsein?" beantwortet er mit einem entschiedenen Nein.

1860 wurde Gontscharow zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg gewählt. 1867 zog er sich aus dem Staatsdienst zurück. Zwei Jahre später, 1869, erschien sein letzter Roman Die Schlucht (Obryw). Er erzählt die Geschichte einer Rivalität zwischen drei Männern um die Liebe einer geheimnisvollen Frau. Das Buch wurde fast einhellig abgelehnt. In der Aufbruchstimmung nach den Reformen von 1861 konnte das Lesepublikum die konservative Wende des Autors nicht nachvollziehen. Diese Ablehnung traf Gontscharow tief. Den Rest seines Lebens verbrachte er in einsamer Zurückgezogenheit. Er schrieb weiterhin Kurzgeschichten, Kritiken, Essays und Memoiren. Diese wurden jedoch erst 1919 veröffentlicht, lange nach seinem Tod. Am 15. September 1891 starb er in Sankt Petersburg.


Literarische Merkmale

Gontscharows Schreiben ist dem russischen Realismus zuzurechnen. Es ist geprägt von den Vorbildern Puschkin, Lermontow und Gogol, denen er sich ab 1838 zuwandte. Sein Grundthema wird schon in den frühen Werken sichtbar: die grenzenlose Langeweile. Diese Antriebslosigkeit wird in Oblomow so zentral, dass sie sprichwörtlich ins Russische einging – Oblomowschtschina, das Versinken im Nichtstun bis zum endgültigen Verfall.

Schon sein Erstling Eine alltägliche Geschichte zeigt einen genauen Beobachter gesellschaftlicher Umbrüche. Gemeint ist der Konflikt zwischen dem alten Landadel und der aufsteigenden Kaufmannsklasse. Diese gesellschaftliche Aufmerksamkeit konnte er aus eigener Anschauung schöpfen, denn die Familie selbst stand zwischen beiden Welten. Auch der Reisebericht Die Fregatte Pallas wird in den Quellen als „scharf beobachtend" beschrieben. Das verweist auf einen nüchternen, registrierenden Blick. Die Skizze Iwan Sawitsch Podjabrin wird als psychologisch-naturalistisch charakterisiert. Der Blick auf das Innenleben der Figuren spielt also schon früh eine Rolle.


Rezeption

Bereits zu Lebzeiten wurde Gontscharow als bedeutender Autor wahrgenommen. Die Fregatte Pallas fand 1858 internationale Resonanz. Der ein Jahr später erschienene Oblomow wurde auch über die Grenzen Russlands hinaus zu einem großen Erfolg. Auch die Wahl zum korrespondierenden Mitglied der Sankt Petersburger Akademie der Wissenschaften 1860 zeigt die Anerkennung, die ihm zuteilwurde.

Mit dem letzten Roman Die Schlucht 1869 wendete sich das Blatt. In der Aufbruchstimmung nach den Reformen von 1861 stieß die konservative Haltung des Autors auf nahezu einhellige Ablehnung. Die negative Kritik traf nicht nur dieses Buch, sondern auch einige andere späte Arbeiten. Die Enttäuschung trieb Gontscharow für den Rest seines Lebens in eine einsame Zurückgezogenheit. Seine Kurzgeschichten, Kritiken, Essays und Memoiren erschienen erst 1919, also fast drei Jahrzehnte nach seinem Tod.

Nachhaltig wirksam blieb vor allem Oblomow. Der Name des Titelhelden wurde zum geflügelten Wort. Die Oblomowschtschina bezeichnet im Russischen bis heute das Versinken in Trägheit und Nichtstun – ein seltener Fall, in dem eine literarische Figur einer ganzen Lebenshaltung den Namen gegeben hat.

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