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Werkseintrag · Eine alltägliche Geschichte
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Cover Eine alltägliche Geschichte
Eine alltägliche Geschichte
1847
– Werkseintrag –

Eine alltägliche Geschichte

1847 · Roman

Ein junger Träumer zieht nach Petersburg, um als Dichter berühmt zu werden, und gerät in den Widerstreit mit dem nüchternen Onkel, der ihn zur Vernunft erziehen will.

Überblick

Der Roman Eine alltägliche Geschichte ist das erste größere Werk des russischen Schriftstellers Iwan Gontscharow. Er entstand ab 1844 und erschien 1847 im März- und Aprilheft der Zeitschrift Sowremennik. Erzählt wird der Weg des jungen, gefühlvollen Alexander Adujew, der seine ländliche Heimat verlässt, um in Petersburg Karriere zu machen und als Dichter berühmt zu werden. Im Gegenüber zu seinem nüchternen Onkel erlebt er eine fortschreitende Ernüchterung. Das Buch verschaffte Gontscharow mit einem Schlag die Sympathien der fortschrittlichen russischen Intelligenz. Der einflussreiche Kritiker Belinski sah darin einen „schrecklichen Schlag gegen Romantizismus und Phantasterei, gegen Sentimentalität und Provinzialismus".

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein junger Mann namens Alexander Adujew verlässt das beschützte Leben auf dem ländlichen Gut seiner Mutter. In St. Petersburg will er die große Gesellschaft kennenlernen und als Dichter Ruhm gewinnen. Auf Starthilfe hofft er bei seinem Onkel Pjotr Adujew, einem erfolgreichen, ganz auf Nüchternheit und Vernunft bedachten Mann. Doch der Onkel hält wenig von den schwärmerischen Träumen des Neffen und versucht ihn nach seinem eigenen Vorbild zu einem praktisch denkenden Menschen umzuerziehen.

Zwischen den beiden entspinnt sich ein langer Widerstreit zweier Lebenshaltungen: hier das überschwängliche Gefühl, dort die kühle Berechnung. Alexander stürzt sich mit jugendlicher Begeisterung in die Liebe und in seine dichterischen Pläne, während der Onkel ihn immer wieder vor übersteigerten Erwartungen warnt. Über viele Jahre hinweg begleitet der Roman, wie sich der junge Mann an der Wirklichkeit der Großstadt reibt. Das Werk schildert mit feinem Humor eine ganze Reihe russischer Charaktere jener Zeit und stellt die große Frage, welcher Weg ins Leben der richtige ist.

Die Handlung im Detail

Über etwa fünfzehn Jahre erstreckt sich die Entwicklung Alexander Adujews. Er löst sich von der mütterlichen Fürsorge auf dem Gutshof in Gratschi und reist nach St. Petersburg, um die Großstadtgesellschaft kennenzulernen und als Dichter berühmt zu werden. Von den Beziehungen seines Onkels Pjotr Adujew erhofft er sich Unterstützung. Doch dieser will den selbstbezogenen, gefühlsbetonten Neffen nach eigenem Vorbild zu einem nüchternen Beamten oder Unternehmer erziehen.

Anfangs wehrt sich Alexander gegen die erfolgsorientierte Haltung des Onkels. Unterstützt von Pjotrs junger Frau Lisaweta schreibt er wieder Gedichte und beginnt, während er seinen Dienst vernachlässigt, eine leidenschaftliche Liebe zu Nadjenka Lubetzkaja. Nach anderthalb Jahren zieht Nadjenka ihm jedoch den erfahrenen und gewandten Grafen Nowinskij vor. Alexander ist verzweifelt und will sich mit dem Rivalen duellieren. Während Lisaweta ihn zu beruhigen sucht, sieht der Onkel seine Warnung vor allzu starken Gefühlen bestätigt.

Im zweiten Teil setzt sich die Reihe der Enttäuschungen fort. Alexander ist von seinem Jugendfreund enttäuscht, und die Veröffentlichung seiner Erzählung wird mit dem Hinweis auf mangelndes Talent abgelehnt. Beide Fälle dienen dem Onkel als Beweis für eine unrealistische Lebenseinstellung, vor der er den Neffen in vielen Gesprächen über den Sinn des Lebens warnt. Alexander erkennt, dass er Illusionen nachgejagt ist, und will sich nun der Führung des Onkels anvertrauen. Doch dessen Auftrag, aus geschäftlichem Interesse die junge Witwe Julia Tafajewa dem Kompagnon abzuwerben, führt Alexander erneut in eine leidenschaftliche Liebe, die diesmal ebenso heftig erwidert wird. Diese rund zwei Jahre dauernde Verbindung scheitert jedoch an den überhöhten Ansprüchen beider und an ihrer Eifersucht auf alle gesellschaftlichen Kontakte. Alexander fühlt sich eingeengt und unglücklich.

Nun zweifelt er ganz an seinen romantischen Vorstellungen, lehnt jede Gefühlsbindung ab und zieht sich aus der Gesellschaft zurück. In dieser Stimmung erlebt er ein drittes Mal die Begegnung mit einer jungen Frau: Lisa verliebt sich in ihn, doch er hat nur ein flüchtiges Interesse und wird von ihrem Vater aus dem Haus gewiesen. Nach dieser Demütigung hat Alexander den Lebensmut verloren. Er arbeitet nur das Nötigste und wird nicht befördert. Dem Onkel wirft er vor, ihm mit seiner Erziehung alle Lebensfreude genommen zu haben. Dieser weist den Vorwurf zurück, macht den Neffen für sein Scheitern selbst verantwortlich und rät ihm, nach achtjährigem Stadtaufenthalt nach Gratschi zurückzukehren.

In der ländlichen Umgebung erholt sich Alexander, doch das ruhige Leben langweilt ihn bald. Nach dem Tod seiner Mutter schreibt er dem Onkel, er sei nun gereift und wolle es in Petersburg noch einmal im Staatsdienst versuchen. Nach vier Jahren wird er zum Kollegienrat befördert und heiratet die Tochter eines reichen Gutsbesitzers. Er hat die nüchterne Sicht seines Onkels übernommen und erfolgreich umgesetzt. Lisaweta dagegen ist unter der vernunftbetonten Art ihres Mannes schwermütig geworden. Im Epilog gibt Pjotr seine Laufbahn auf und reist mit ihr zur Kur nach Italien.

Stil

Angelegt ist das Werk als Bildungsroman, der die Reifung eines jungen Menschen über viele Jahre verfolgt. Die Form gliedert sich in zwei Teile mit einem abschließenden Epilog. Den Aufbau bestimmt ein durchgehender Gegensatz: der schwärmerische Neffe auf der einen, der nüchtern berechnende Onkel auf der anderen Seite. Ihr Widerstreit wird über weite Strecken in Gesprächen ausgetragen, in denen die beiden Lebenshaltungen aufeinanderprallen.

Kennzeichnend sind ein feiner Humor und eine ausgeprägte Dialogkomik. Gontscharow führt eine umfängliche Galerie russischer Charaktere jener Zeit vor und zeichnet sie mit plastischer, anschaulicher Sprache. Das Werk wird dem kritischen Realismus zugerechnet und gilt als sozialpsychologischer Roman, der den gesellschaftlichen Hintergrund der 1840er Jahre genau ausleuchtet. Trotz der Enttäuschungen, die den Helden treffen, neigt sich der Schluss eher der Komödie als der Tragödie zu.

Rezeption

Schon die Entstehungsgeschichte zeigt, welchen Eindruck das Manuskript machte. Gontscharow bat 1846 Jasykow um ein Urteil; dieser legte den Text gelangweilt beiseite, reichte ihn aber später an Nekrassow weiter, der ihn Belinski vorlegte. Der Augenzeuge Panajew erinnerte sich, der Kritiker sei über der Entdeckung des neuen Talents vom Stuhl aufgesprungen. Bereits im April 1846 schrieb Dostojewski an seinen Bruder, mit Herzen und Gontscharow seien zwei neue Namen im Vormarsch. Im März 1847 berichtete Belinski von dem großen Erfolg des Romandebüts in Petersburg.

Das Werk verschaffte dem Autor mit einem Schlag die Sympathien der fortschrittlichen russischen Intelligenz. Belinski sah darin einen scharfen Angriff auf Romantik und Sentimentalität. Wie sehr sich Leser wiedererkannten, zeigt eine spätere Erinnerung des Kritikers Alexander Skabitschewski, der sich in dem schwärmerischen Alexander Adujew selbst gespiegelt fand.

Spätere Deutungen ordneten das Buch als Zeitroman der 1840er Jahre ein. Der Onkel gilt darin als der ausgeglichenere der beiden Charaktere und steht für Tatkraft und Bildung, auch wenn seine praktische Lebensphilosophie im Ehelichen versagt. Gelobt werden Gontscharows Humor, seine Dialogkunst und seine plastische Schreibweise, die auch Maxim Gorki bewunderte. Die Wirkung reicht bis auf die Bühne: Das Werk wurde mehrfach für das Theater bearbeitet, eine Moskauer Inszenierung der 1960er Jahre erhielt den Staatspreis der UdSSR und wurde fürs Fernsehen aufgezeichnet.

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