1869
Die Schlucht
Überblick↑
Der letzte Roman Iwan Gontscharows erschien 1869 in den ersten fünf Heften der Sankt Petersburger Monatszeitschrift Westnik Jewropy. Bis heute gilt er als Klassiker der russischen Literatur. Auf breit ausgemalten Seiten schildert Gontscharow das Leben auf einem Gutshof an der Wolga und in Sankt Petersburg. Die Handlung spielt in den Jahren vor der Aufhebung der Leibeigenschaft. Der Autor wendet sich in diesem Werk vom Nihilismus ab. Die titelgebende Schlucht ist für ihn nicht nur ein geografischer Ort. Sie steht für die Selbstsucht der sinnlichen Leidenschaft. Diese soll auf dem Weg aus der Tiefe hinauf zur Höhe überwunden werden.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der Gutsbesitzer Boris Pawlowitsch Raiski lebt seit zehn Jahren sorgenfrei in Sankt Petersburg. Er hat die Offizierslaufbahn und den Staatsdienst hinter sich gelassen. Nun versucht er sich als Maler und Schriftsteller, ohne recht voranzukommen. Nach der Trennung von seiner kühlen, eitlen Geliebten Sofja Belowodowa kehrt er auf sein Gut Malinowka zurück. Das Gut liegt hoch über einem Steilufer der Wolga und wird vom resoluten Tantchen Tatjana Markowna Bereshkowa verwaltet.
Auf dem Gut leben auch seine beiden jüngeren Cousinen, die schlichte Marfa und die belesene, schwarzäugige Wera. Während sich Marfa bald nach einem eigenen Lebensweg umsieht, weicht Wera dem Cousin auffällig aus. Raiski versteht sich als Künstler und sucht in jeder Begegnung den Stoff für seinen Roman. Eifersüchtig beginnt er, nach dem Geheimnis hinter ihrem Verhalten zu fahnden. Spuren führen ihn in die unheimliche Schlucht unterhalb des Gutes. Diesen Ort meiden die Bauern abergläubisch.
Vor diesem Hintergrund entfaltet Gontscharow ein Geflecht aus Verehrern, Werten und Welten. Da ist der herumtreibende Freigeist Mark Wolochow, der unter Polizeiaufsicht steht und sich für einen Vorboten einer neuen Zeit hält. Da ist der biedere, treue Waldbesitzer Tuschin vom jenseitigen Wolgaufer. Und über allem steht das alte Tantchen mit seiner stillen Lebenserfahrung.
Die Handlung im Detail↑
Die Handlung läuft über etwa sechzehn Jahre und spielt vor 1861, denn die Leibeigenschaft besteht noch. Im dritten Romanteil wird auf den Vertrag von Aigun von 1858 angespielt. Schauplätze sind Sankt Petersburg und das Dorf Malinowka an der Wolga.
Boris Pawlowitsch Raiski, früh verwaist und vom fünfzigjährigen Tantchen Tatjana Markowna Bereshkowa auf dem ererbten Gut Malinowka großgezogen, lebt seit zehn Jahren in Sankt Petersburg. Er hat die Offizierslaufbahn in einem Garderegiment und den Staatsdienst als Kollegiensekretär aufgegeben und kommt auch als Maler und Schriftsteller nicht voran. Nun, bereits über dreißig, trennt er sich von der fünfundzwanzigjährigen eitlen Witwe Sofja Nikolajewna Belowodowa; eine frühere Geliebte, die schüchterne Natascha, hatte er vor Jahren durch Krankheit verloren. Raiski reist auf sein Gut. Am liebsten würde er seine Leibeigenen freilassen, im weiteren Verlauf verschenkt er uneigennützig Teile seines Eigentums. Verwaltungsarbeit will er nicht übernehmen; das Gut führt die menschenfreundliche, unverheiratet gebliebene Tante, die nebenbei die Cousinen Wera und Marfa streckenweise ziemlich unnachgiebig diszipliniert.
Wera ist Raiski ausgewichen und hält sich bei einer Popenfrau am Flachufer der Wolga auf. Raiski nähert sich der prallbusigen, naiven Marfa, porträtiert das dickliche Mädchen mit dem weißen Teint. Marfa möchte zunächst Verwalterin werden, findet aber etwas Besseres: Sie wird die Braut des jungen Gutsbesitzers Nikolai Andrejitsch Wikentjew aus dem Dorf Koltschino jenseits der Wolga.
Als Wera endlich heimkehrt, scheitert Raiski mit einem Annäherungsversuch bei dem belesenen dreiundzwanzigjährigen Fräulein. Eifersüchtig sucht er den unbekannten Nebenbuhler. Wera bittet ihn zu bleiben und sie vor einem Unheil zu bewahren. Nach monatelangen Nachforschungen kommt Raiski hinter das Geheimnis. Es hängt mit nächtlichen Gewehrschüssen aus der nahegelegenen Schlucht zusammen. Er erreicht das Wolgaufer über den verwunschenen Ort, vorbei am Grabhügel eines Gattinnenmörders und an einem verfallenen Pavillon. Mit den Schüssen ruft der siebenundzwanzigjährige Mark Iwanytsch Wolochow seine Geliebte Wera zum, wie es im Roman heißt, Siegesfest der Liebe. Mark, ein humorvoller Beamter der fünfzehnten Rangklasse, dem nichts heilig ist, wurde aus Sankt Petersburg in die benachbarte Gouvernementshauptstadt verbannt und steht unter Polizeiaufsicht. Heiraten kommt für ihn nicht in Frage. Er sieht sich als Vorbote einer neuen, kommenden Macht, als moderner Pugatschow oder Stenka Rasin. Raiski hatte ihn zuvor unterstützt, gefüttert und sogar kleinere Straftaten auf sich genommen, doch Dankbarkeit ist Mark fremd; den älter werdenden Cousin verachtet er als grauhaarigen Philosophen. Auch Wera nennt Raiski zwar ihren Lehrmeister in Sachen der Leidenschaft, doch sei er eigentlich nur ein großmütiger Freund und Ritter.
Wera, in einem Zustand moralischer Niedergeschlagenheit, besinnt sich. Sie vertraut allein dem Cousin an, was im verflossenen Jahr zwischen ihr und Mark vorgefallen ist; der Leser erfährt davon nur Andeutungen. Eigentlich will Wera dem Tantchen beichten, doch ihr fehlt die Kraft, und Raiski soll an ihrer Stelle vermitteln; auch ihm fehlt zunächst der Mut. Wera hat einen weiteren Verehrer: den achtunddreißigjährigen biederen Waldbesitzer Iwan Iwanowitsch Tuschin, der mit einer Bauerngenossenschaft und einem deutschen Forstwirt erfolgreich seine Waldungen um das Gut Dymok bewirtschaftet, wie ein eigenwüchsiger Robert Owen. Wera versichert ihm unter vier Augen, zwischen ihr und Mark sei alles vorbei.
Als Mark Wera erneut in den Pavillon der Schlucht bestellt und zur, wie er höhnt, Komödie der Trauung bereit wäre, bringt Raiski schließlich den Mut auf, das Tantchen ins Bild zu setzen und um Beistand zu bitten. Die Tante ist müde geworden, doch dann wendet sie sich Wera zu und beichtet ihrerseits, vor fünfundvierzig Jahren dieselbe Sünde begangen zu haben, mit ihrem gleichaltrigen Freund, dem Gutsbesitzer Tit Nikonytsch Watutin aus der Nachbarschaft. Als das Tantchen anstelle von Wera in den Pavillon hinabsteigen will, schreitet Wera ein und schickt Tuschin vor, nachdem sie klargestellt hat, sie allein trage Schuld und wolle Mark weder anklagen noch Böses wünschen. Tuschin und Mark treffen in der Nähe des Grabhügels aufeinander; den maroden Pavillon hat das Tantchen inzwischen von ihren Bauern abreißen lassen. Tuschin lenkt das Gespräch durch Vernunft in ruhige Bahnen. Mark nimmt von seiner Heiratsabsicht Abstand und will demnächst abreisen, auch weil es ihm behördlicherseits erlaubt wurde.
Marfa heiratet ihren Nikolai Wikentjew. Das Tantchen zieht sich aus Altersgründen auf ihr Gut Nowosselowo zurück. Tuschin übernimmt die Verwaltung von Malinowka. Raiski schreibt an seinem Roman und beurteilt fast jede Person nach ihrer Tauglichkeit für seine Prosa; sich selbst nennt er einen kläglichen Sklaven der Schönheit Weras. Mark hatte ihm übelmeinend prophezeit, er werde den Roman nie beenden. Raiski verlässt Russland und widmet sich in Rom der Bildhauerei. Beim Abschied verspricht er Tuschin, als Brautführer zu kommen, falls dieser Wera heirate. Tuschin antwortet, wünschenswert wäre das schon, doch es müsse auch jemand anders es wollen.
Stil↑
Der Roman Die Schlucht ist episch breit angelegt. Seine Handlung erstreckt sich über etwa sechzehn Jahre und ist in fünf Teile gegliedert. Gontscharow nimmt sich Raum für ausführliche Personenschilderungen, für Landschaftsbilder am Steilufer der Wolga und für die ruhige Beobachtung gutsherrlicher Lebensformen vor der Aufhebung der Leibeigenschaft.
Die titelgebende Schlucht ist mehr als ein Schauplatz. Sie ist zugleich das tragende Sinnbild des Romans: ein verwunschener, von den Bauern gemiedener Ort, an dem ein Grabhügel und ein verfallener Pavillon liegen. Zugleich ist die Schlucht ein Bild für die Selbstsucht der sinnlichen Leidenschaft, die der Autor überwunden sehen will. Der Weg führt in der Anlage des Romans aus der Tiefe der Schlucht hinauf zur Höhe des Gutshauses.
Die Figuren sind als gegensätzliche Pole angelegt: der weltmüde Künstler Raiski, das resolute Tantchen, der herumtreibende Freigeist Mark, der biedere Forstmeister Tuschin, die belesene Wera und die schlichte Marfa. Über sie spielt Gontscharow alte und neue Lebensentwürfe gegeneinander aus. Dabei verzichtet er nicht auf die ausführliche, behagliche Erzählweise, für die er bekannt ist.
Rezeption↑
Schon im Erscheinungsjahr 1869 löste der Roman lebhafte Kritik aus. Saltykow-Schtschedrin warf Gontscharow anonym in den Otetschestwennye Sapiski vor, er werfe den Stein auf die neuen Menschen, die lediglich neue Wege suchten. Nikolai Wassiljewitsch Schelgunow nannte das Thema in der Zeitschrift Delo anachronistisch und meinte, Turgenew habe es längst tiefgründiger behandelt. Alexander Michailowitsch Skabitschewski warf dem Autor in den Otetschestwennye Sapiski eine völlig falsche Auslegung der elementaren Gesetze der menschlichen Kreativität vor. Die Leserschaft des Westnik Jewropy wartete auf eine Entgegnung. Der Herausgeber schickte seinen entfernten Verwandten Jewgeni Utin vor. Dieser vermied jede direkte Verteidigung Gontscharows und besprach stattdessen Vertreter der älteren russischen Literatur.
Spätere Stimmen ordnen die scharfe Ablehnung politisch ein. Lokys schrieb 1965, Gontscharow sei 1867 in hohem Beamtenrang aus dem Staatsdienst entlassen worden. Als Pensionär habe er endlich Muße für die abschließende Überarbeitung gefunden. Nach dem Erscheinen und den ablehnenden Stimmen prominenter russischer Literaten habe der Autor in den ihm noch verbleibenden einundzwanzig Jahren keine weitere Prosa mehr veröffentlicht, Memoiren ausgenommen. Verärgert habe die Kritiker die deutlich erkennbare Wandlung des Autors vom gemäßigten Liberalen zum Konservativen. Dazu sei es unter dem Eindruck der Bauernaufstände und der wachsenden revolutionären Gärung unter der jungen Intelligenz gekommen. Wera sei im Innersten des Romans neben Tatjana Markowna Bereshkowa die eigentliche Hauptfigur. Sie wende sich vom Alten ab und dem Neuen zu, das Mark verkörpert. Angewidert von dessen Nihilismus kehre sie dann in den Umkreis der Tante zurück. Trotz der zeitgenössischen Polemik zählt Die Schlucht heute zu den Klassikern der russischen Literatur.
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