1930
Die Schlafwandler
Überblick↑
Die Romantrilogie Die Schlafwandler von Hermann Broch erschien zwischen Dezember 1930 und 1932. Sie gilt als eines der großen Werke der österreichischen Moderne. In drei lose miteinander verbundenen Romanen zeichnet Broch den Zerfall der gesellschaftlichen Werte im wilhelminischen Zeitalter nach. Er reicht von den 1880er Jahren bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Der Titel steht für Menschen, die orientierungslos durch eine Welt taumeln. In ihr zerbrechen die alten Ordnungen, und neue sind noch nicht gefunden.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Drei Romane, drei Hauptfiguren, drei Stationen einer untergehenden Epoche. Im ersten Teil, 1888 Pasenow oder die Romantik, lernen wir den jungen preußischen Leutnant Joachim von Pasenow kennen. Er ist tief verunsichert. Er schwankt zwischen seiner böhmischen Geliebten Ruzena, der schönen Prostituierten aus dem Berliner Vergnügungsviertel, und Elisabeth, der gesellschaftlich passenden Tochter eines benachbarten Gutsbesitzers. Hilfe und zugleich Verwirrung sucht er beim welterfahrenen Geschäftsmann Eduard von Bertrand, der seine eigene Offizierslaufbahn längst hinter sich gelassen hat.
Der zweite Roman, 1903 Esch oder die Anarchie, führt ins rheinische Klein- und Arbeitermilieu. August Esch, ein dreißigjähriger Buchhalter, verliert seine Stellung in Köln. Er gerät in eine Welt aus zwielichtigen Geschäften, gewerkschaftlichen Kämpfen und religiöser Sehnsucht. Esch sucht nach Gerechtigkeit und nach einer festen Linie für sein Leben. Dabei stolpert er immer wieder über die eigenen Widersprüche.
Der dritte Roman schließlich führt die Fäden im Endjahr des Ersten Weltkriegs zusammen. Drei Generationen, drei Stufen einer langsamen Auflösung: Das Buch lädt ein, dem Schwinden alter Sicherheiten zuzusehen, ohne den Ausgang vorweg zu verraten.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Teil, 1888 Pasenow oder die Romantik, spielt in Berlin und auf den ostelbischen Gütern der Adelsfamilien Pasenow und Baddensen. Joachim von Pasenow, jüngerer Sohn, hat nach der Kadettenschule in Culm die Offizierslaufbahn eingeschlagen und dient in Berlin. Sein älterer Bruder Helmuth soll das Gut Stolpin erben. Zweimal im Jahr besucht Joachims Vater ihn in der Hauptstadt; bei einem dieser Aufenthalte laden sie im „Jägerkasino“ die böhmische Animierdame Ruzena ein. Bald wird sie Joachims Geliebte und steht für ihn als Inbegriff körperlicher Lust. Auch sie verliebt sich in ihn und versucht, ihn an sich zu binden.
Helmuth fällt bei einem Duell in Posen. „Er fiel für die Ehre“, wiederholt der Vater immer wieder. Damit soll Joachim das Gut übernehmen und Elisabeth heiraten, die angepasste Tochter des Nachbarn Baron Baddensen, für ihn Sinnbild der Reinheit und Gegenfigur zu Ruzena. In seiner Unsicherheit sucht Joachim Rat bei seinem Freund Eduard von Bertrand, der die Uniform gegen das Leben eines welterfahrenen Kaufmanns getauscht hat. Bertrand verspottet den preußischen „Zirkus“, spricht von Romantik, wenn Joachim sich in militärische und christliche Symbole flüchtet, und übt zugleich eine beunruhigende Faszination auf ihn aus. Joachim macht ihn mit beiden Frauen bekannt – ein riskantes Spiel.
Bertrand nutzt die Lage nicht für sich, sondern wirkt als Katalysator. Er verschafft Ruzena ein Engagement als Chorsängerin und überredet Joachim später, ihr eine Rente zu zahlen. Auf Stolpin wird er von der Familie und von Elisabeth herzlich aufgenommen. Joachims Vater, seit Helmuths Tod verwirrt, sieht in Eduard den besseren Sohn. Bei einem gemeinsamen Ausritt mit Elisabeth lahmt Joachims Pferd; er deutet das als Schicksalswink und überlässt Elisabeth dem Freund. Bertrand gesteht ihr seine platonische Liebe und nimmt zugleich Abschied: Fremde könnten einander uneingeschränkt lieben, Vertrautheit zerstöre das Mysterium. Er rät ihr, sich aus den Konventionen zu lösen.
Joachim folgt Bertrand nach Berlin und versucht, Ruzenas Lage zu „ordnen“: Sie soll das Theater verlassen, er will ihr einen Galanteriewarenladen finanzieren. Sie wittert eine Trennung und lehnt ab. Als der Vater erkrankt, reist Joachim mit einem Nervenarzt nach Stolpin. Ruzena fühlt sich verlassen; sie trifft Bertrand in Joachims Wohnung, beschuldigt ihn, gegen sie zu intrigieren, und richtet Joachims Revolver auf ihn. Im Handgemenge lösen sich zwei Schüsse, Bertrand wird am Arm verletzt und muss ins Krankenhaus. Ruzena läuft in Panik davon, kehrt ins Kasino zurück und arbeitet wieder als Prostituierte. Erst nach langem Bemühen eines Notars nimmt sie eine Rente an.
Vor ihrer Entscheidung besucht Elisabeth den fiebrigen Bertrand im Krankenhaus, um das Gespräch über die wahre Liebe fortzusetzen. Er wiederholt sein Geständnis und zugleich dessen Unmöglichkeit: Er werde ins Ausland gehen, Heiratszeremonien lehne er ab, und er wolle ihr keine „schiefe Situation“ zumuten. Ihre Küsse signalisieren, dass sie ihm folgen würde, doch sie muss seine Haltung hinnehmen. Sie nimmt Joachims Antrag an. In der Aussprache vor der Hochzeit steht der nach Indien reisende Bertrand im Mittelpunkt: Joachim bekennt seine Unterlegenheit und die Anziehungskraft eines Lebens jenseits der Konventionen, Elisabeth entgegnet, sie beide brauchten die schützende Wärme des Beisammenseins. Die Hochzeit wird im kleinen Kreis in Lestow gefeiert. In der Hochzeitsnacht schläft Joachim, symbolisch in Uniform und Lackschuhen, regungslos neben seiner Frau. Nach achtzehn Monaten wird das erste Kind geboren.
Der zweite Roman, 1903 Esch oder die Anarchie, spielt im mittleren Rheingebiet. August Esch, dreißig Jahre alt, Handlungsgehilfe und Buchhalter in der Kölner Weingroßhandlung Stemberg & Co., empfindet die Welt als anarchischen Zustand, „in der keiner weiß, ob er rechts oder links … steht“. Für ihn herrscht die Anarchie der Werte, eine elementare Orientierungslosigkeit, in der Lüge und Betrug expandieren. Er selbst ist Teil dieser widersprüchlichen Welt und sehnt sich nach Sühne, Opfer und Neuanfang. Einerseits setzt er sich für Gerechtigkeit ein, leidet mit dem Gewerkschaftler Martin Geyring und der vom Messerwurf bedrohten Varietékünstlerin Ilona; andererseits verstrickt er sich in zwielichtige Geschäfte, lockt Freunde mit hohen Gewinnversprechen in ein Frauenringkampf-Projekt, wirbt Prostituierte als Kämpferinnen an und spielt mit dem Gedanken, die Truppe nach den USA zu vermitteln.
Esch ist „wohlbewandert in Kneipen, Bordellen und Mädchen“ und verachtet zugleich dieses Leben. Er bewundert die Geradlinigen: den inhaftierten Gewerkschaftler, die schroffe Witwe Hentjen, den christlich tugendhaften Zigarrenhändler Lohberg – und spottet doch über deren Begrenztheit, reagiert jähzornig, stellt Forderungen, die er selbst nicht erfüllt. Vorurteile hegt er gegen Künstler, Kapitalisten, Homosexuelle und Juden. In seiner Einsamkeit träumt er von einer besseren, gerechten Welt; die USA werden für ihn zum Inbegriff von Freiheit und Recht, verkörpert in der Freiheitsstatue. Nach einem Streit mit seinem Chef in Köln verliert er die Stellung und trifft den gehbehinderten Martin Geyring wieder – von dort aus führt der Weg in jenes Geflecht aus Verstrickung und Sehnsucht, das den weiteren Roman trägt.
Die Trilogie schließt mit einem dritten Roman, der im Endjahr des Ersten Weltkriegs spielt und die Figuren der beiden früheren Teile noch einmal aufnimmt. Damit reicht der Handlungsbogen vom Beginn bis zum Ende des wilhelminischen Zeitalters und zeigt den fortschreitenden Zerfall der gesellschaftlichen Werte über drei Generationen hinweg.
Stil↑
Broch erzählt im Wesentlichen chronologisch und in personaler Form. Die Wahrnehmungen, Bewertungen und Reflexionen der jeweiligen Hauptfigur stehen im Mittelpunkt, im ersten Teil also die von Joachim von Pasenow. Dazwischen treten Parallelhandlungen aus den Perspektiven anderer Figuren wie Elisabeth, Bertrand oder der Eltern. Auktoriale Einschübe geben Überblicke über die Familiengeschichten. Sie beschreiben die Wohnungen und Lebenswelten der Personen.
Die Sprache ist getragen, oft sentenzenhaft und durchsetzt mit gedanklich verdichteten Passagen. Wiederkehrende Bilder stehen für den Zustand der Figuren: die enge Uniform als Schutzpanzer, das Schlafwandeln als Bewegung ohne wache Orientierung. Jeder der drei Teile trägt ein Schlagwort im Titel: Romantik, Anarchie, Sachlichkeit. Das sind Stufen einer geistigen Entwicklung, die Broch durch Stil und Tonfall der einzelnen Bände hindurch hörbar machen wollte.
Rezeption↑
Die Trilogie Die Schlafwandler erschien zwischen Dezember 1930 und 1932. Sie gilt seither als eines der zentralen Werke Hermann Brochs sowie als ein Hauptwerk des modernen deutschsprachigen Romans. Die Deutsche Biographie führt Broch in der Neuen Deutschen Biographie (Band 2, 1955). Damit ordnet sie ihn in die Reihe der bedeutenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ein. Sein Bild vom „schlafwandelnden“ Menschen einer auseinanderbrechenden Epoche ist in die literarische Wahrnehmung des wilhelminischen Zeitalters eingegangen. Es gilt als Deutung der Vorkriegsjahre und ihrer geistigen Krise.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →