Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Hermann Broch
Eingang · Autoren · Hermann Broch
Porträt Hermann Broch
Hermann Broch
1886 – 1951
– Autorenporträt –

Hermann Broch

1886 – 1951 · 64 Jahre

Österreichischer Romancier der Klassischen Moderne, Autor der "Schlafwandler" und des "Tod des Vergil" – 1950 von Thomas Mann für den Nobelpreis vorgeschlagen.

Kurzporträt

Hermann Broch (1886–1951) war ein österreichischer Schriftsteller, Essayist und Kulturphilosoph jüdischer Herkunft. Mit der Romantrilogie Die Schlafwandler legte er Anfang der 1930er Jahre eines der wichtigsten Werke des europäischen modernen Romans vor. Im amerikanischen Exil verfasste er den Roman Der Tod des Vergil. Dort beschäftigte er sich auch theoretisch mit Menschenrechten, Totalitarismus und seiner sogenannten Massenwahntheorie. Thomas Mann schlug ihn 1950 für den Literaturnobelpreis vor.


Biografie

Hermann Broch wurde am 1. November 1886 in Wien geboren. Sein Vater war der Fabrikant Josef Broch, seine Mutter Johanna Schnabel. Er wuchs im Textilviertel des Ersten Bezirks auf. Nach der Volksschule in der Werdertorgasse besuchte er die k. k. Staats-Realschule auf der Schottenbastei. Dort legte er 1904 die Matura ab. Anschließend studierte er kurz Philosophie und Mathematik, bevor er sich der Textiltechnik zuwandte. Zunächst lernte er in Wien an der Höheren Lehr- und Versuchsanstalt für Textilindustrie. Ab 1906 besuchte er die Obere Spinn- und Webeschule im elsässischen Mülhausen, wo er 1907 das Diplom als Textilingenieur erwarb.

Noch im selben Jahr trat er in die väterliche Spinnfabrik in Teesdorf bei Wien ein, die rund 800 Arbeiter beschäftigte. Dort übernahm er die kaufmännische Leitung. 1909 konvertierte er vom Judentum zum Katholizismus, um Franziska von Rothermann heiraten zu können. Die Ehe wurde 1923 geschieden. Während des Ersten Weltkriegs leitete er von 1914 bis 1918 ehrenamtlich ein Rotes-Kreuz-Lazarett für Leichtverwundete in Teesdorf. 1917 begann eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit Ea von Allesch, die bis 1927 währte. Nach der Scheidung zog Broch in ihre Wohnung. In der Wiener Künstlerszene begegnete er auch dem Wanderlehrer und Dichter Gusto Gräser. Dieser prägte ihn nachhaltig und wurde später zur Vorlage mehrerer Figuren in seinem Werk.

Neben der Fabrikarbeit betrieb Broch autodidaktisch das Studium der Philosophie, vor allem des Neukantianismus der Marburger Schule. Zwischen 1913 und 1922 veröffentlichte er Aufsätze, Rezensionen und politische Stellungnahmen in Zeitschriften wie "Der Brenner", "Die Aktion", "Summa", "Prager Presse" und "Neue Rundschau". 1927 verkaufte er die Fabrik und nahm an der Universität Wien ein Studium Generale auf, das er bis 1930 betrieb. Zu seinen Lehrern zählten Moritz Schlick und Rudolf Carnap, die dem Wiener Kreis angehörten. Von 1930 an lebte Broch in Wien, im Salzkammergut und in Tirol als freier Schriftsteller.

1933 gerieten seine Werke in Deutschland auf die Liste der vom nationalsozialistischen Regime verbotenen Bücher. 1936/37 verfasste er eine "Völkerbund-Resolution", die zur Verteidigung der Menschenrechte gegen den Totalitarismus aufrief. Sie konnte jedoch nicht mehr veröffentlicht werden. Am Tag des "Anschlusses" Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde Broch am 13. März 1938 von selbsternannten Ordnungskräften verhaftet. Er wurde für 18 Tage im Gefängnis interniert, nach Angaben der Deutschen Biographie drei Wochen. Als Ort nennt Wikipedia Bad Aussee, die Deutsche Biographie Altaussee. Mit Hilfe von James Joyce und Stephen Hudson erhielt er ein Visum für Großbritannien. Dort traf er am 24. Juli 1938 ein und lebte zwei Monate bei seinen Übersetzern Edwin und Willa Muir in St. Andrews. Mit Unterstützung von Thomas Mann und Albert Einstein konnte er in die USA emigrieren. Am 9. Oktober 1938 traf er in New York ein.

In den Vereinigten Staaten lebte Broch zunächst in New York City. Ab 1942 wohnte er bei der Familie seines Freundes, des Philosophen und Soziologen Erich von Kahler, in Princeton (New Jersey), seit 1949 in New Haven (Connecticut). Er half Hubertus Prinz zu Löwenstein, dem Präsidenten der American Guild for German Cultural Freedom, bei der Unterstützung anderer Flüchtlinge. 1941/42 erhielt er den Guggenheimpreis, 1942/44 eine Förderung der Rockefeller-Stiftung über die Universität Princeton. 1949 heiratete er die Malerin Annemarie Meier-Graefe, die Witwe des Kunsthistorikers Julius Meier-Graefe. Kennengelernt hatte er sie bereits 1937 in Wien. Hermann Broch starb am 30. Mai 1951. Seine Mutter war 1942 in Theresienstadt umgekommen. Wikipedia und die Lebensdaten der Deutschen Biographie geben New Haven als Sterbeort an, der NDB-Artikel von Esther Schöler nennt Princeton.


Literarische Merkmale

Brochs Schaffen ist geprägt von der Einführung neuer Stilelemente wie dem inneren Monolog. Ebenso verarbeitete er wissenschaftliche Erkenntnisse, philosophische Reflexionen und Träume. Er befasste sich intensiv mit James Joyce, über den er 1936 in Wien eine vielbeachtete Rede hielt.

In der Romantrilogie Die Schlafwandler (1930/32) stellte er den Zerfall der Werte und der Persönlichkeit dar. Der erste Teil (Pasenow oder die Romantik) gestaltet eine romantisch-nostalgische Sicht, die die Realität leugnet. Im zweiten (Esch oder die Anarchie) taumelt der Held orientierungslos von einem Wertesystem ins andere. Der dritte (Huguenau oder die Sachlichkeit) führt ein sachlich-zynisches Verhalten vor, in dem alle Werte dem kommerziellen Gewinn untergeordnet werden. Die Forschung stellt das Buch oft neben Joyces Ulysses, Thomas Manns Zauberberg, Döblins Berlin Alexanderplatz, Musils Mann ohne Eigenschaften und Gides Les Faux-monnayeurs. Lange galt es als typisches Werk der Klassischen Moderne. Die jüngere Forschung betont auch Anklänge an postmoderne Schreibweisen.

Auf das Hauptwerk folgte der kleinere Roman Die Unbekannte Größe (1933). Darin werden Fragen rationaler Lebensbewältigung in einer irrationalen Welt diskutiert. Die Umbrüche in Physik und Mathematik der 1920er Jahre, mit denen Broch vertraut war, spielen darin eine große Rolle. Zu den frühen 1930er Jahren gehören auch die Tragödie Die Entsühnung und die Komödie Aus der Luft gegriffen oder Die Geschäfte des Baron Laborde. Beides sind Stücke über eine Gesellschaft unter der Dominanz ökonomischer Mächte. Brochs Naturlyrik aus diesen Jahren blieb dagegen weitgehend unbeachtet.

Am sogenannten Bergroman arbeitete Broch in drei Fassungen, ohne ihn zu vollenden. Das Werk beschreibt den Einbruch einer irrationalen Macht in ein alpines Bergdorf, der zu Ritualmord und Massenwahn führt. Es gilt als Beispiel des symbolisch-parabelhaften antifaschistischen Romans der dreißiger Jahre. Sein zweites großes Werk, Der Tod des Vergil (1945), zieht eine Parallele zwischen dem Augusteischen Zeitalter und der eigenen Gegenwart. In den Monologen des sterbenden Vergil wechseln Szenen derber Realistik mit politischen Diskussionen und hymnisch-lyrischen Passagen. Broch selbst beschrieb die Arbeit am Vergil als eine "private Todesvorbereitung", in die ihn die Gestapo-Haft gedrängt habe. Laut der Deutschen Biographie liegt im Zentrum seines Schaffens die "Konzentration auf das Sterbensphänomen". Am Anfang steht die "gefügelockernde Arbeit des Todes", stilistisch der Zerfall des Romans in eine Vielzahl isolierter Gattungsschichten in den Schlafwandlern. Am Ende steht die neue Einheit einer "lyrischen Prosa" im Vergil.

Sein letzter Roman Die Schuldlosen (1950) ist eine Folge von elf Erzählungen. Er sichtet die Jahrzehnte zwischen 1913 und 1933 in Deutschland zeitkritisch. Broch fragt, wie die kommende Katastrophe erkennbar gewesen sei. Seine Antwort lautet: in der Gleichgültigkeit gegenüber dem Nebenmenschen. Zu seinen essayistischen Glanzleistungen zählt Hofmannsthal und seine Zeit. Darin charakterisierte er die Wiener Moderne als "fröhliche Apokalypse".


Rezeption

Schon zu Lebzeiten genoss Broch im Kreis der literarischen Moderne hohes Ansehen. Thomas Mann schlug ihn 1950 für den Literaturnobelpreis vor. In seinem Todesjahr wurde er von Freunden und literarischen Gesellschaften erneut nominiert. 1941/42 erhielt er den Guggenheimpreis, 1942/44 eine Förderung der Rockefeller-Stiftung über die Universität Princeton.

Der Roman Der Tod des Vergil fand bei Schriftstellern und Publizisten der Emigration großen Zuspruch, darunter Thomas Mann und Hannah Arendt. Die Trilogie Die Schlafwandler gilt als Brochs erfolgreichstes und international verbreitetstes Werk. Durch seinen Anspielungsreichtum, seine Vielschichtigkeit und symbolische Dichte bleibt der Roman bis heute eine Herausforderung für Interpreten. Zu den Intellektuellen, die Brochs Werk geschätzt und über ihn geschrieben haben, zählen Maurice Blanchot, Erich von Kahler, Hannah Arendt, Günther Anders, George Steiner, Villy Sørensen, Milan Kundera und Elias Canetti. In Thomas Bernhards Roman Auslöschung ist Esch oder die Anarchie eines von fünf Büchern, die der Erzähler seinem Schüler empfiehlt.

Die in den Schuldlosen enthaltene Geschichte der Magd Zerline nannte Hannah Arendt bei Erscheinen eine der schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur. Als Einakter wurde sie in Paris seit 1986 mit Jeanne Moreau in der Hauptrolle aufgeführt und erlangte damit weltweite Bekanntheit. Die erste Fassung des Bergromans erschien 1967 unter dem Titel Die Verzauberung. Sie regte Barbara Frischmuth zu ihrer Demeter-Trilogie an. Brochs Nachlass wird heute unter anderem im Deutschen Literaturarchiv Marbach, im Hermann-Broch-Museum in Teesdorf, in der Beinecke Library der Yale University sowie an der Universität Klagenfurt verwahrt. Dort befindet sich seine "Wiener Bibliothek".

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (3 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten