Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Verzauberung
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Die Verzauberung
1976
– Werkseintrag –

Die Verzauberung

1976 · Roman

Ein fremder Verführer zieht mit seinen Reden ein ganzes Bergdorf in den Bann – bis selbst die Vernünftigen schweigen.

Überblick

Der Roman Die Verzauberung von Hermann Broch blieb unvollendet und erschien erst nach dem Tod des Autors (1951) in mehreren Anläufen unter wechselnden Titeln: 1953 posthum als Der Versucher (hg. von Felix Stössinger, Rhein-Verlag Zürich), 1967 als Demeter und 1976 erstmals unter dem heutigen Titel Die Verzauberung in Paul Michael Lützelers Kommentierter Werkausgabe bei Suhrkamp. Erzählt wird, wie ein fremder Ankömmling ein abgelegenes Bergdorf in seinen Bann zieht. Nach Deutung Lützelers stehen Religion und Zeitkritik im Mittelpunkt; in einem Gleichnis wird der Aufstieg des Nationalsozialismus dargestellt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Bergdorf Kuppron, gelegen am gleichnamigen Berg, kommt der Erzähler – ein zugezogener Landarzt und ehemaliger Naturforscher – beruflich mit vielen Einwohnern ins Gespräch. So lernt er die kleinen und großen Sorgen der Dorfgemeinschaft kennen: etwa, dass der junge Peter Sabest die sechzehnjährige Agathe Strüm geschwängert hat und sich nun die Frage stellt, wie die Familien damit umgehen.

In dieses Gefüge tritt Marius Ratti, ein hergelaufener Kleinbürger und Landstreicher. Er ist Rutengänger und verbreitet eigentümliche „Zurück-zur-Natur"-Ansichten: Radio und Maschinendrusch will er aus dem Dorf verbannen. Vor allem behauptet er, aus einem alten, stillgelegten Stollen im Berg sei noch Gold zu schürfen. Mit seiner Art zu reden findet er bei vielen Dorfbewohnern offene Ohren; manche halten ihn gar für einen Erlöser. Nur wenige durchschauen ihn – darunter der Arzt sowie die alte Mutter Gisson und ihr Sohn, der Bergmathias.

Während Ratti immer mehr Anhänger gewinnt, formiert sich Widerstand. Es geht um alte Bräuche, um die Macht im Dorf und um die Enkelin der Mutter Gisson, Irmgard Miland, die in Rattis Nähe gerät. Der Erzähler und Mutter Gisson spüren, dass eine Gefahr heranwächst.

Die Handlung im Detail

Der Erzähler, ein Landarzt, ist in das Bergdorf Kuppron zugezogen. Als Naturwissenschaftler tritt er besonnen, gesittet und vernünftig auf. Bei seinen Hausbesuchen erfährt er die Geschichten der Dorfbewohner: Der achtzehnjährige Peter Sabest hat die sechzehnjährige Agathe Strüm geschwängert. Der Häusler Strüm freut sich, Großvater zu werden, scheut aber den Kontakt mit der wohlhabenderen Familie des Wirts und Fleischers Theodor Sabest, die „höher hinaus" wolle.

Das eigentliche Unheil rankt sich um Marius Ratti, einen Landstreicher und Rutengänger. Er hat Agathe eine Hexe gescholten und predigt den Bergbauern, man müsse Radio und Maschinendrusch abschaffen. Vor allem verspricht er, aus dem vermauerten Zwergenstollen im Berg sei noch Gold zu holen. In Sabests Wirtshaus findet er Gehör. Der Arzt aber sagt ihm unter vier Augen ins Gesicht: „Sie wollen die Macht." Ratti bejaht. Untergekommen ist Ratti beim Bauern Miland, dem Schwiegersohn der Mutter Gisson. Dort bringt er auch seinen Gefährten Wenzel unter, einen weiteren Landstreicher.

Mutter Gisson durchschaut Ratti als Zauberer, der den Welterlöser spielen will und mit Worten verführt. Ihre Enkelin Irmgard, die im Unterdorf wohnt, gerät zunehmend in Rattis Bann. Im Dorf lebt der Brauch des Steinsegens fort: Nach einer Prozession zum Berg wird alljährlich eine erwählte Jungfrau, die „Bergbraut", in einer vorzeitlichen Naturbeschwörung mit dem Berg vermählt. Irmgard soll diese Bergbraut werden. Den Marsch bergauf führen die Alteingesessenen an, allen voran Mutter Gisson und der kinderreiche Holzknecht Thomas Suck, der gern Geschichten erzählt.

Zu einer ersten offenen Kraftprobe kommt es, als junge Goldsucher aus dem Unterdorf unter Wenzels Führung den vermauerten Schachteingang öffnen wollen. Wenzel führt sie wie ein General; zu seinen Gehilfen zählt Peter Sabest. Auf der Gegenseite stehen nur der Bergmathias und Suck – doch sie sind mit Gewehren bewaffnet, während die anderen nur Messer tragen. Die beiden schlagen die Übermacht in die Flucht. Suck bedauert hinterher mehrfach, dass er auf Geheiß des Arztes Wenzel nicht erschießen durfte.

Der Erzähler und Mutter Gisson sind sich einig, dass Irmgard in großer Gefahr ist. Mutter Gisson nimmt die Enkelin zu sich ins Oberdorf. Doch der impotente Ratti folgt ihr. Irmgard glaubt, er liebe sie; sie wünscht sich ein Kind von ihm, weiß aber zugleich, dass er sie umbringen werde.

Der Höhepunkt ist ein nächtlicher Ritualmord. Anlässlich einer Bergkirchweih am Kalten Stein wird Irmgard auf einem keltischen Opfertisch mit einem Schlächtermesser getötet. Ratti führt die Tat nicht selbst aus – das tut Theodor Sabest. Fast die gesamte Dorfbevölkerung ist am Tatort versammelt. Unmittelbar vor der Tat wird eine Fackel nach der anderen gelöscht. Niemand tritt gegen die Tötung auf – auch nicht der Erzähler und nicht Mutter Gisson, die beide anwesend sind. Der Erzähler erklärt es damit, dass Ratti das ganze Dorf mit seinem Reden im „Prophetenton" gleichsam betrunken gemacht und verzaubert habe. Der wehrhafte Bergmathias und Suck sind zum Tatzeitpunkt offenbar nicht zugegen.

Nach der Tat, als die Fackeln wieder brennen, zerstreut sich die Menge nicht betroffen, sondern betrinkt sich mit Freibier. Auch im Familienkreis Miland geht man zur Tagesordnung über. Die Behörde wird verständigt. Theodor Sabest, der „Teufelskerl", richtet sich selbst. Dann sucht das Dorf einen Sündenbock: Der völlig schuldlose Wetchy, Agent der Dreschmaschinenfabrik und wie der Erzähler ein Städter, soll gelyncht werden. Der Erzähler verhindert die Untat. Irmgard wird begraben. Ihr Vater Miland aber bleibt Ratti verfallen und schickt ihn nicht fort, gegen den Willen des Arztes. Die Mächtigen des Dorfes verschaffen Ratti sogar einen Platz im Gemeinderat, wo er sich hält.

Unter Wenzels Kommando wird der Zwergenstollen erneut geöffnet und die Goldsuche beginnt. Wenzel und ein weiterer Goldsucher werden verschüttet; der schwer verletzte Wenzel wird gerettet. Die Bergbehörde sperrt die Grube. Wetchy macht einen Rückzieher und siedelt in die Stadt über. Mutter Gisson, gebrochen, gibt den Widerstand gegen Ratti auf und stirbt – in einer Szene im Bergwald, in der die Stimme der toten Irmgard spricht. Zuvor bringt sie noch die jüngere Enkelin vor Ratti in Sicherheit und kümmert sich um Frau Sabest und um Agathe. Diese, die Hoffnungsträgerin des Romans, bringt am Ende ihr Kind zur Welt.

Stil

Erzählt wird durchgehend aus der Sicht des Landarztes, meist im Präteritum. Mitunter springt der Erzähler unvermittelt ins Präsens, fällt aber rasch wieder zurück. Ausführliche Schilderungen der alpinen Natur im Wechsel der Jahreszeiten stehen neben tiefen Blicken in die Psyche der Figuren – und in die des Erzählers selbst.

Aus dem großen Personal hat Broch nur wenige Gestalten erzählerisch voll ausgeformt. Den reichen, geschäftstüchtigen Robert Lax etwa, den „eigentlichen Beherrscher der Gemeinde" und ersten Gemeinderat, lässt er erkennbar erhebliche Mitschuld am Tod Irmgards tragen, ohne ihn dem Leser deutlich auszumalen.

Auffällig ist die Rolle des Erzählers. Seine Autorität wird an keiner Stelle in Zweifel gezogen; selbst die Bösewichter Ratti und Wenzel weichen zurück, sobald der Arzt sein Machtwort spricht. Diese Selbstsicherheit grenzt mitunter an Selbstgefälligkeit und kann den Unmut des Lesers wecken. Zunächst gibt sich der Arzt halbwegs nüchtern – die Verquickung von Gemeindepolitik und Bergzauber kommt ihm „lächerlich" vor. Doch diese Haltung hält er nicht durch: Am Ende, in der Sterbeszene der Mutter Gisson, wechselt er unerwartet ins Mystische.

Rezeption

Religion und Zeitkritik bilden nach dem Forscher Paul Michael Lützeler die zwei großen Themen des Romans. In Form eines Gleichnisses werde der Aufstieg des Nationalsozialismus dargestellt: Ein hergelaufener Verführer zieht eine ganze Gemeinschaft mit Worten in seinen Bann, bis sie zu Gewalt und Mord fähig ist und danach gleichgültig zur Tagesordnung übergeht. Das Werk wurde erst nach dem Tod des Autors veröffentlicht und erschien unter mehreren verschiedenen Titeln.

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