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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Unbekannte Größe
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Die Unbekannte Größe
1933
– Werkseintrag –

Die Unbekannte Größe

1933 · Roman

Ein junger Mathematiker will alles im Leben berechnen – bis er entdeckt, dass sich gerade das Wichtigste in keine Formel fassen lässt.

Überblick↑

Der Roman Die Unbekannte Größe von Hermann Broch erschien 1933 bei S. Fischer in Berlin. Eine erste Fassung war zuvor in der Vossischen Zeitung abgedruckt worden. Zwischen Juli und November 1933 entstanden vier Fassungen; die letzte diente dem Erstdruck. Im Mittelpunkt steht der junge Mathematiker Dr. Richard Hieck, der die dunklen, triebhaften Kräfte in seinem Inneren mit den Mitteln des Berechenbaren begreifen will. Der Roman verbindet so die Frage nach den Grenzen der Wissenschaft mit der Geschichte eines Mannes, der erst spät lernt, dass auch das Gefühl eine Form des Erkennens ist.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Zentrum steht Richard Hieck, ein junger, etwas linkischer Mathematiker, der bei seinem Gönner, dem Professor Heinrich Weitprecht, promoviert. Über den skeptischen Assistenten Kapperbrunn ist er zu einer Stelle an der Sternwarte oberhalb der Stadt gekommen. Richard möchte die Welt vollständig berechnen, doch das Unberechenbare in sich selbst – das Triebhafte, das Animalische – entzieht sich allen Formeln.

Als der erkrankte Professor zur Kur muss, soll dessen umfangreicher wissenschaftlicher Nachlass geordnet werden. Zur Unterstützung wird Richard die einundzwanzigjährige Physikstudentin Ilse Nydhalm zugeteilt. Erstaunt stellt er fest, dass die kluge junge Frau Ideen hat, mit denen sich die schwierige Arbeit bewältigen lässt. Zwischen den beiden entsteht allmählich eine zarte, scheue Annäherung.

Daneben erzählt der Roman von Richards Herkunft. Die Hiecks sind dem Proletariat nahestehende Kleinbürger. Richard muss bei seinem jüngeren Bruder Otto, der Kupferstecher lernt, manchmal den früh verstorbenen Vater ersetzen. Otto und sein Freund träumen von einem Motorrad und geraten über Geldsorgen in eine bedrückende Lage. Bald liegt über dem jungen Mann eine Frustration, die sich nicht allein durch den Geldmangel erklären lässt.

Die Handlung im Detail↑

Richard Hieck, ein kräftig gebauter Junggeselle mit asketischem Gesichtszug und weichem Lächeln, promoviert beim Physiker Professor Heinrich Weitprecht, einem Quantenphysiker und Wellenmechaniker. Den Weg an die Sternwarte oberhalb der Stadt hatte ihm zuvor Dr. Kapperbrunn vermittelt, der mathematische Assistent Weitprechts. Kapperbrunn ist ein reiner Mathematiker und für seine paradoxen Aussprüche bekannt; spöttisch kommentiert er immer wieder Richards Abgleiten in die Niederungen der Physik.

Als der stark gealterte Professor ernstlich erkrankt und sich auswärts einer Kur unterziehen muss, ist sein umfangreiches Lebenswerk zu ordnen. Für die fachmännische Verzeichnung der vielen Papiere teilt Kapperbrunn dem Dr. Hieck eine Hilfskraft zu: die einundzwanzigjährige Ilse Nydhalm, Studentin der Physik im sechsten Semester. Richard stellt erstaunt fest, dass die schlanke, braunhaarige junge Frau mit den grauen Augen Ideen hat, mit denen sich die schwierige Arbeit bewältigen lässt.

Allmählich beginnt Richard, mehr Wert auf sein Äußeres zu legen. Zugleich erkennt er, dass das Sündige in seinem schwitzenden Körper das Unberechenbare ist – jenes Animalische, das sich seinem mathematischen Verstand entzieht. Ilse und Richard kommen sich näher. Unbeholfen doziert er stundenlang unter vier Augen über die Kosmogonie der Relativitätstheorie und die nichteuklidische Geometrie. Es ist schließlich Ilse, die als Erste den Satz „Ich liebe dich“ ausspricht. Richard wäre am liebsten in ein Mauseloch gekrochen. Dem ersten scheuen Kuss folgt das dauernde Händchenhalten, und die Beziehung bleibt im Institut nicht unbemerkt.

Parallel entfaltet sich die Geschichte von Richards Familie. Die Hiecks sind dem Proletariat nahestehende Kleinbürger; Richard muss bei seinem jüngeren Bruder Otto gelegentlich den viel zu früh verstorbenen Vater vertreten. Otto erlernt in einer graphischen Kunstanstalt den Beruf des Kupferstechers und verbringt seine freie Zeit oft mit seinem Freund, dem Lehrling Karl Wohlfahrt. Beide wollen dringend ihre Fahrräder durch ein Motorrad ersetzen und erwägen, Ottos Mutter – die blühende Witwe Katharine Hieck – heimlich um ihr Erspartes zu erleichtern. Ob und von wem der Diebstahl ausgeführt wird, bleibt offen. Otto vermutet, die Mutter könnte Karl das Geld heimlich zugesteckt haben. Da er aus finanziellen Gründen nicht Maler werden darf, will er der Mutter und dem Freund auf die Schliche kommen, doch es gelingt ihm nicht, das ungleiche Paar zu ertappen. Auch der Leser bleibt im Unklaren. Ottos Frustration scheint nicht allein dem ständigen Geldmangel zu entspringen. Schließlich sucht und findet Otto den Tod.

Unmittelbar nach diesem Todesfall legt Richard sein unbeholfenes Gebaren ab. Hatte er als Mathematiker die Welt erkennen wollen und das Animalische in sich weder begreifen noch berechnen können, so wird ihm an der Bahre des toten Bruders klar: Auch die Liebe ist eine Form des Erkennens. Damit findet er unerwartet einen Weg, das innere Kräfteparallelogramm seiner unberechenbaren Antriebe zu fassen – und dieser Weg führt über das Herz. Er bekennt sich zu seiner Liebe zu Ilse, und die beiden werden ein Paar. Kapperbrunn will sich anlässlich der bevorstehenden Emeritierung Weitprechts um eine solidere Stellung für Dr. Hieck bemühen.

Stil↑

Erzählt wird aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers, der sich nicht scheut, mitunter sogar die Psyche der Nebenfiguren grell auszuleuchten. Trotz der spröden Materie – Mathematik, Physik, Relativitätstheorie – gelingt es ihm, die kleinbürgerliche Familie Hieck und deren Umfeld auf knappem Raum sehr plastisch vor dem inneren Auge des Lesers entstehen zu lassen. Der Text ist verhältnismäßig knapp gehalten und verschränkt den wissenschaftlichen Gedankenraum mit dem alltäglichen Milieu seiner Figuren. Wörtliche Reden wie Ilses Bekenntnis oder Kapperbrunns paradoxe Sprüche setzen einzelne, scharf umrissene Akzente.

Rezeption↑

Der Roman erschien 1933 bei S. Fischer in Berlin, nachdem zuvor eine erste Fassung in der Vossischen Zeitung abgedruckt worden war. In den Jahren von 1935 bis 1968 wurde das Werk in englischer, italienischer und französischer Sprache aufgelegt und fand damit über den deutschen Sprachraum hinaus Verbreitung. Die mehrfache Übersetzung über mehrere Jahrzehnte hinweg zeigt, dass das Buch auch im Ausland Beachtung fand.

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