1837
Die Venus von Ille
Überblick↑
Bei Die Venus von Ille handelt es sich um eine Novelle des französischen Schriftstellers Prosper Mérimée. Sie entstand 1835 und erschien am 15. Mai 1837 unter dem Titel La Vénus d'Ille in der Zeitschrift „Revue des Deux Mondes". Die Erzählung verbindet die nüchterne Beobachtungsgabe eines gelehrten Ich-Erzählers mit einem unheimlichen, ins Phantastische greifenden Geschehen. Sie gilt als kunstvoll gebautes Beispiel der Schauernovelle, in der das Übernatürliche nie ganz greifbar wird.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein Archäologe aus Paris reist in die Ostpyrenäen und wird vom Grundbesitzer Monsieur de Peyrehorade in die Gemeinde Ille-sur-Têt eingeladen. Dort steht die bevorstehende Hochzeit von Peyrehorades Sohn Alphonse mit der jungen Mademoiselle de Puygarrig an. Auf dem Anwesen ist kurz zuvor eine bronzene Venusstatue aus der Römerzeit ausgegraben worden, an der der kunstinteressierte Hausherr großen Gefallen findet.
Schon bald häufen sich kleine Zwischenfälle rund um die Figur, und dem Pariser Gast fällt der seltsam hohnvolle, fast grausame Ausdruck im Gesicht der Statue auf. Während die Vorbereitungen für die Trauung laufen, geschieht eine Reihe von Begebenheiten, die ein wachsendes Unbehagen verbreiten. Mérimée führt den Leser dabei behutsam an die Grenze zwischen Aberglaube und nüchterner Erklärung – was wirklich geschieht, bleibt lange in der Schwebe.
Die Handlung im Detail↑
Der Ich-Erzähler, ein Archäologe aus Paris, klettert in den Ostpyrenäen am Pic du Canigou. Vor der Heimreise wird er von dem Grundbesitzer Monsieur de Peyrehorade in der nahegelegenen Gemeinde Ille-sur-Têt zu einer Hochzeitsfeier eingeladen. Peyrehorades Sohn Alphonse soll die achtzehnjährige Mademoiselle de Puygarrig aus der Nachbarschaft heiraten. Der Vater des Bräutigams führt den Gast durch sein Anwesen. Ganz in der Nähe des Herrenhauses, neben einem Ballspielplatz, steht die Statue einer bronzenen Venus.
Glück bringt dieses Relikt aus der Römerzeit dem Besitzer nicht. Schon beim Ausgraben neben der Wurzel eines alten Olivenbaums wurde einem der Arbeiter durch die umstürzende Statue ein Bein zerschmettert. Nachts beobachtet der Archäologe von seinem Zimmer aus, wie ein junger Katalane die Venus mit einem Stein bewirft – der fluchende Bursche wird kurz darauf von seinem zurückprallenden Geschoss getroffen. Am nächsten Morgen betrachtet der Gast die Figur aus der Nähe und bemerkt in ihrem unglaublich schönen Antlitz einen Ausdruck feinen Hohns, ja sogar von Grausamkeit. Auf dem Sockel findet sich die lateinische Inschrift CAVE AMANTEM.
Der Bräutigam Alphonse ist vor allem auf die Mitgift der Braut aus. Bereits festlich gekleidet, spielt er kurz vor der Kutschfahrt zur Trauung eine Partie Ball gegen Maultiertreiber aus Aragonien. Weil ihn der Diamantring drückt, den er der Braut schenken will, streift er ihn der Statue über den Finger. Er gewinnt das Spiel, gerät jedoch mit dem Anführer der stolzen Aragonier aneinander. Zur Trauung fährt Alphonse ohne den Ring, der an der Hand der Venus zurückbleibt; die Braut erhält ersatzweise einen Ring von einer Pariser Putzmacherin.
Als Alphonse mit seiner angetrauten Frau heimkehrt, will er der Statue den Ring wieder abziehen – doch die Venus hält den bronzenen Finger plötzlich gekrümmt. Verzweifelt bittet Alphonse den Archäologen um Hilfe und meint, die Figur gäbe den Ring nicht her, weil sie sich als seine Vermählte betrachte. Den Archäologen überläuft eine Gänsehaut, und er geht auf das Ersuchen nicht ein.
In der folgenden Nacht geschieht das Unglück. Der Erzähler hört nur ein Trampeln auf Stiege und Gang des Hauses. Am Morgen ist Alphonse tot: Rings um seine Brust ziehen sich Quetschungen, die der kräftige Mann nicht überlebt hat. Seine junge Frau hat offenbar den Verstand verloren, während ihr erst tags zuvor angetrauter Gatte neben ihr erdrückt wurde. Der Diamantring wird in der Brautkammer gefunden; die Venus steht ohne Ring wieder auf ihrem Sockel im Garten. Der Staatsanwalt aus Perpignan muss den verdächtigten Aragonier mangels Beweisen freilassen.
Der Archäologe reist nach Paris zurück. Monate später stirbt Alphonses Vater. Auf Betreiben der abergläubischen Mutter wird die unheilbringende Venus in eine Kirchenglocke umgeschmolzen. Doch seit diese Glocke über Ille läutet, sind die Weinstöcke der Gegend bereits zweimal abgefroren.
Stil↑
Mit großer Sorgfalt ist der Bauplan dieser Novelle angelegt; selbst Kleinigkeiten fügen sich stimmig ein. Mérimée setzt seine Schauerelemente unauffällig und geschickt. Der erzählende Archäologe ist kein Augenzeuge der nächtlichen Tötung – er hört nur das Trampeln im Haus. Der Strafverfolgungsbeamte aus Perpignan erwischt keinen Täter und hat nicht einmal einen Verdächtigen. Nur die abergläubische Mutter des Toten glaubt zu wissen, wer die Täterin war, und lässt darum die Statue einschmelzen.
So bleibt das Übernatürliche stets in der Schwebe. Der Bericht über das schreckliche Geschehen erreicht den Archäologen aus zweiter Hand: Der Staatsanwalt gibt ihn aus dem Munde einer jungen Frau weiter, die gerade den Verstand verloren hat. Diese ehemalige Mademoiselle de Puygarrig wird als hinreißend schön geschildert, und ihr gütiges Gesicht, dem ein leichter Schimmer von Boshaftigkeit nicht ganz fehlt, erinnert den Erzähler an die Venus unten auf dem Rasen. Dennoch mag sich der auf Schauer eingestimmte Leser die zarte junge Ehefrau kaum als Täterin vorstellen. Alphonse dagegen tritt als Mittzwanziger mit kraftgeschwellten Körperformen und ausdruckslosen Zügen auf – Sympathisches findet der Leser an ihm nicht und gibt dem Erzähler recht, der bedauert, das reine junge Mädchen werde einem rohen Trunkenbold preisgegeben.
Auffällig ist auch der spielerische Umgang mit dem Lateinischen. Bevor das unheimliche Geschehen einsetzt, unternehmen Monsieur de Peyrehorade und sein Gast mehr oder weniger geistreiche Übersetzungsversuche zur Inschrift CAVE AMANTEM am Sockel der Statue. Der Hausherr entscheidet sich für „Mißtraue den Liebhabern!", während der Archäologe das treffendere „Hüte dich, wenn sie dich liebt!" bevorzugt.
Rezeption↑
Bei seiner Arbeit griff Mérimée, der sich auch als Denkmalschützer betätigte, auf historische Quellen zur Geschichte solcher Statuen zurück; fündig wurde er unter anderem bei dem mittelalterlichen Chronisten Malmesbury. Die Erzählung wirkte weit über ihre Zeit hinaus und wurde später auch für die Bühne aufgegriffen, etwa in dem dramatisch-musikalischen Werk Venus aus dem Jahr 2000.
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