1840
Colomba
Überblick↑
Bei Colomba handelt es sich um eine Novelle des französischen Schriftstellers Prosper Mérimée. Sie erschien am 1. Juli 1840 in der Zeitschrift „Revue des Deux Mondes“. Ein Jahr zuvor hatte sich der Verfasser im August und September auf Korsika aufgehalten, dem Schauplatz der Handlung. Im Mittelpunkt steht die korsische Vendetta, also die Blutrache zwischen verfeindeten Familien. In Buchform kam das Werk erstmals 1841 bei Magen & Comon in Paris heraus. Die ersten beiden deutschen Übertragungen, besorgt von Adolf Laun und Ludwig Schneegans, erschienen 1872 in Leipzig und München.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Um das Jahr 1817 reist der verwitwete irische Oberst Sir Thomas Nevil mit seiner Tochter Lydia von Marseille aus per Schiff nach Korsika. An Bord lernen die beiden den jungen Oberleutnant Orso Antonio della Rebbia kennen, der nach Jahren in der Fremde auf seine Heimatinsel zurückkehrt. Schnell entdecken Oberst und Oberleutnant Gemeinsamkeiten: ihre Jagdleidenschaft und die Erfahrung, dass sie bei Quatre-Bras und Waterloo als Feinde auf gegnerischen Seiten gestanden hatten.
Orso kehrt mit einem schweren Erbe heim. Sein Vater, ebenfalls Oberst, war nahe dem Heimatdorf Pietranera ermordet worden. Hinter der Tat steht eine alte Familienfehde zwischen den della Rebbia und dem Haus Barricini, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Als überzeugter Liberaler verurteilt Orso die Blutrache und möchte mit der alten korsischen Sitte nichts zu tun haben. Er will nur seine Schwester verheiraten und seine kleinen Besitzungen verkaufen.
Doch in Pietranera erwartet ihn seine schöne, etwa zwanzigjährige Schwester Colomba, die seit zwei Jahren auf Rache für den Vater sinnt. Sie ist fest davon überzeugt, dass der inzwischen zum Bürgermeister aufgestiegene Rechtsanwalt Giudice Barricini für den Mord verantwortlich ist. Zwischen den nüchternen, an die Zivilisation des Festlands gewöhnten Vorstellungen des Bruders und dem glühenden Ehrgefühl der Schwester entsteht eine Spannung, die das Werk vorantreibt.
Die Handlung im Detail↑
Um 1817 nimmt der verwitwete irische Oberst Sir Thomas Nevil, ein leidenschaftlicher Jäger, von Marseille aus mit seiner einzigen Tochter Lydia einen korsischen Schoner nach Ajaccio. Auf der Fahrt lernen die beiden den jungen Oberleutnant Orso Antonio della Rebbia kennen, der aus der Gegend um Bastia stammt. Neben der gemeinsamen Jagdleidenschaft stellt sich heraus, dass sich die beiden Militärs bei Quatre-Bras und Waterloo als Feinde gegenüberstanden. Orso hatte im 18. Regiment seines Vaters für den Kaiser gekämpft.
Nach dem Krieg war der Vater, Oberst della Rebbia, auf die Insel zurückgekehrt und nahe dem Heimatdorf Pietranera ermordet worden. Die Familienfehde der della Rebbia gegen das Haus Barricini reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Im Jahr 1812 wurde der Rechtsanwalt Giudice Barricini Bürgermeister von Pietranera und intrigierte in mehreren Grundstücksangelegenheiten gegen Orsos Vater. Kurz vor seinem Tod, nach einem Lungenschuss am eigenen Blut erstickend, kritzelte der sterbende Vater den Namen des Todesschützen in sein Notizbüchlein. Der Bürgermeister gelangte an dieses Papier und präsentierte der Strafverfolgungsbehörde einen der meistgesuchten korsischen Banditen als angeblichen Mörder. Dieser wurde wenig später von Feldjägern erschossen.
Orso hatte als Fünfzehnjähriger Korsika verlassen, in Pisa die Schule besucht und war in der Fremde an der Kriegsschule Offizier geworden. Nun kehrt er heim, um seine Schwester zu verheiraten und seinen kleinen Besitz zu verkaufen. Zunächst gehen Orso und Oberst Nevil von Ajaccio aus jeden Morgen früh auf die Jagd, und der Oberst lernt den Oberleutnant schätzen. Orsos etwa zwanzigjährige, schöne Schwester Colomba holt den Bruder zu Pferde ab. Zum Abschied schenkt der Oberst seinem Jagdgenossen eine großkalibrige Mantonbüchse, und Orso lädt die beiden Iren, die auf Korsika „Engländer“ genannt werden, nach Pietranera ein.
Colomba, die als Klagedichterin auftritt, sinnt seit zwei Jahren auf Rache. Öffentlich hat sie die Barricini des Mordes am Vater bezichtigt. Nach ihrem festen Willen soll Orso den Todesschützen richten. Zwischen Orsos liberaler Zurückhaltung und Colombas Drängen kommt es zu wachsenden Spannungen, und tatsächlich gehen tätliche Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Parteien dem Äußersten voraus. Doch das Faustrecht erscheint Colomba als zu schwaches Mittel. Sie gießt in der Küche Kugeln für die Manton. Heimlich schlitzt sie zudem dem Pferd ihres Bruders ein Ohr auf, um sich darauf lautstark über die niederträchtige Gegenpartei zu empören. Diese vermeintliche Beleidigung bringt Orsos kühles Blut in Wallung. Außerdem glaubt er den Anlass für den Mord am Vater zu kennen: Rechtsanwalt Barricini habe diesen mit einem gefälschten Drohbrief verleumdet.
Die Söhne des Rechtsanwalts lauern Orso schließlich auf. Der kriegserfahrene Oberleutnant erwidert nur das feindliche Feuer, das ihn verwundet, und erschießt dabei beide Söhne. Als daraufhin die Hirten der Barricini gegen die della Rebbia anrücken, tritt ihnen Colomba mit Stolz und Festigkeit entgegen, sodass die Menge erschrocken zurückweicht. Erneut wirft sie dem Vater der beiden getöteten jungen Männer vor, er habe das im Todeskampf bekritzelte Blatt ihres Vaters gefälscht. Mit einem Lächeln der Verachtung sieht sie zu, wie die Leichen ins Vaterhaus der Gegenpartei getragen werden.
Orso muss sich als Geächteter zu den Banditen in die Macchie zurückziehen und wird von den Feldjägern gehetzt. Lydia, die inzwischen mit ihrem Vater der Einladung gefolgt ist, setzt sich für den Verwundeten ein. Nach einigen Monaten wird das Verfahren gegen Orso eingestellt: Es gilt als erwiesen, dass er in Notwehr gehandelt hat.
Lydia und Orso heiraten. Die Hochzeitsreise führt das Paar zusammen mit Sir Nevil und Colomba nach Pisa. In einer Gastwirtschaft begegnet Colomba dort zufällig dem Rechtsanwalt Giudice Barricini. Der Anwalt hat den Verstand verloren und steht in der Obhut von Verwandten. Als der Geistesgestörte Colomba erkennt, gibt er zu, dass der sterbende Oberst della Rebbia tatsächlich den Namen eines der beiden Barricini-Söhne in das Notizbuch geschrieben habe. Doch er fragt verzweifelt, warum beide Söhne sterben mussten. Colomba steht zu ihrer Rache. Sie kann nicht verzeihen.
Stil↑
Geführt wird die Erzählung von einem anonymen Ich-Erzähler, der sich gelegentlich selbst einmischt. So bezeichnet er sein Werk an einer Stelle ausdrücklich als eine „wahrheitsgetreue Erzählung“. Er berichtet von einer Zeit, die Jahre zurückliegt, etwa wenn der reitende Orso hinter Sümpfen verschwindet, an deren Stelle sich „heutzutage eine schöne Baumpflanzung erhebt“. Diese Rückschau aus zeitlicher Distanz gibt dem Geschehen den Anstrich einer verbürgten Begebenheit.
Der Erzähler legt zudem seine Schreibstrategie offen. An einer Stelle erklärt er, er wolle die verworrenen Empfindungen des unglücklichen jungen Mannes gar nicht erst wiederzugeben versuchen. An anderer Stelle blickt er über die Kapitelgrenzen hinaus und kündigt an: „Wer diese Leute waren, wird man gleich erfahren.“ So lenkt er die Aufmerksamkeit des Lesers und steuert dessen Erwartungen.
Trotz dieser Distanz wahrt der Erzähler nicht immer Abstand zum Erzählten. Wiederholt ist von Brusco die Rede, dem findigen Hund der Banditen, der an einer Stelle sogar als „unser“ Hund bezeichnet wird. In solchen kleinen Wendungen rückt der Erzähler näher an die Welt der Figuren heran, als seine sachliche Grundhaltung zunächst vermuten lässt.
Rezeption↑
Das Werk entstand unmittelbar aus Mérimées eigener Anschauung. Im August und September 1839 hatte sich der Verfasser auf Korsika aufgehalten, dem Schauplatz der Novelle. Aus diesem Aufenthalt schöpfte er die Schilderung der Insel und ihrer Sitten, insbesondere der Vendetta. Nach dem Erstdruck in der Zeitschrift folgte rasch die Ausgabe in Buchform, und mit den deutschen Übertragungen von 1872 fand die Erzählung auch ihren Weg ins deutsche Sprachgebiet. Im 20. Jahrhundert wurde der Stoff für das Kino verfilmt.
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