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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Clarissa
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Clarissa
1748
– Werkseintrag –

Clarissa

1748 · Roman

In lauter Briefen erzählt Richardson die Geschichte einer jungen Frau, die zwischen einer aufgezwungenen Ehe und einem berüchtigten Frauenhelden steht und um ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben ringt.

Überblick

Der Briefroman Clarissa, im Original Clarissa, or, the History of a Young Lady, stammt von Samuel Richardson und erschien 1748 in London. Er gehört zu den zentralen Werken der Empfindsamkeit, jener Strömung des 18. Jahrhunderts, die das Seelenleben in den Mittelpunkt rückte. Im Zentrum steht eine achtzehnjährige junge Frau, die ihre ehrgeizige Familie in eine ungeliebte Ehe zwingen will. Die deutsche Übersetzung besorgte Johann David Michaelis; sie erschien von 1748 bis 1753 bei Vandenhoeck in Göttingen. Die deutschsprachige Literaturgeschichte zählt den Roman zu den Meisterwerken der Epoche.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht die achtzehnjährige Clarissa Harlowe, jüngste Tochter einer wohlhabenden Familie des Landadels. Die Harlowes sind durch Verpachtung reich geworden und streben nach mehr Ansehen und Macht. Der Großvater hat Clarissa in seinem Testament mit Grundbesitz bevorzugt – das weckt Neid unter den Geschwistern. Ihr Bruder James möchte in den höheren Adel aufsteigen, und der Familienbesitz soll durch eine vorteilhafte Heirat weiter wachsen.

Clarissa aber will ledig bleiben. Die Familie duldet keinen Einspruch. Sie soll den begüterten, doch abstoßenden Herrn Solmes heiraten, den Clarissa nur „das Ungeheuer" nennt. Zugleich umwirbt sie der reiche und geistreiche, aber als Wüstling verrufene Lovelace, der sich bereits mit ihrem Bruder duelliert hat. Zwischen dem ungeliebten Freier und dem gefährlichen Verehrer gerät Clarissa in immer größere Bedrängnis. Ihre einzige Vertraute ist die Freundin Anna Howe, mit der sie einen regen Briefwechsel führt.

Der Roman erzählt, wie die Familie das Mädchen mit Stubenarrest und Drohungen zur Ehe zwingen will – und wie Clarissa zwischen Gehorsam, Flucht und ihrem eigenen Gewissen zerrieben wird.

Die Handlung im Detail

Zu Beginn schreibt Clarissa – in der Familie Klärchen genannt – an ihre Vertraute Anna Howe. Mit den Geschwistern habe sie sich stets gut verstanden, bis der Großvater sie testamentarisch mit Grundbesitz bevorzugte. Anna will wissen, warum sich Clarissas Bruder James mit Lovelace duelliert hat.

Lovelace war als begüterter Freier ins Haus gekommen. Zunächst warb er um die ältere Schwester Arabella, die ihm einen Korb gab – obwohl er einmal reich erben und den Titel seines Onkels Lord M. übernehmen könnte. Danach wandte er sich Clarissa zu. Lord M. wünscht, dass sein Neffe in das reiche Haus Harlowe einheiratet. Doch die Mutter lehnt Lovelaces „unordentliche Lebens-Art" ab, und der Vater hat nur Schlechtes über den verschwenderischen jungen Mann gehört. James, der Lovelace schon von der Universität her hasst, beschimpft ihn so heftig, dass der Beleidigte den Degen zieht. Bei diesem Duell wird James verwundet.

Nach seiner Genesung suchen James und Arabella einen neuen Freier für Clarissa aus: den krummen, breitschultrigen Herrn Solmes, der schuldenfreie und einträgliche Güter besitzt. Der Vater nennt ihn seinen Freund; auch die Mutter, auf noch mehr Reichtum erpicht, umschmeichelt ihn. Clarissa dagegen empfindet nur Ekel und nennt Solmes „das Ungeheuer". Sie muss drei Besuche des Mannes auf ihrem Zimmer ertragen. Der Vater fordert Gehorsam – andernfalls verliere sie ihr Erbteil.

Clarissa gesteht Anna, sie ziehe Lovelace dem Herrn Solmes zwar vor, sei aber nicht in ihn verliebt. Sie zeigt der Mutter Lovelaces Briefe; diese zweifelt, ob er der Richtige sei. Solmes bittet sie, sich eine andere Partie zu suchen, doch er gibt nicht auf. Die Mutter fleht die Tochter an, ihm „einige Hoffnung zu geben", und nennt sie das halsstarrigste Mädchen.

James spielt sich zum Herrn im Hause auf. Er ersetzt Clarissas Zofe durch eine ihm ergebene Bedienstete und verhängt Stubenarrest. Lovelace lässt derweil nicht locker und schlägt vor, gemeinsam mit Lord M. bei der Familie um Aussöhnung zu bitten. Bei einem sonntäglichen Kirchgang sucht er die Versöhnung, spürt aber die ganze Abneigung der Harlowes. Als Clarissa Onkel Antony für sich gewinnen will, weist auch dieser sie ab: Lovelace sei ein „Erzbösewicht". Der Vater droht sogar, gegen die eigene Tochter zu prozessieren, sollte sie den liederlichen Lovelace heiraten.

Der Druck wächst. Clarissa soll bei Onkel Antony untergebracht und in einer Kapelle mit Solmes verheiratet werden. Sie bietet der Familie einen Handel an: Sie verzichtet auf ihr Gut, wenn man von der Heirat ablässt. Vergebens. Clarissa sieht Lovelace als Klippe, an der sie scheitert, und Solmes als Sandbank, auf der sie sitzenbleibt; Anna weist sie die Rolle der Lotsin auf dieser stürmischen Fahrt zu. Sie hofft auf die Ankunft des Obersten Morden, der sie als Vormund in ihr Gut einsetzen könnte.

Bei dem gefürchteten Treffen mit dem herausgeputzten Solmes bleibt Clarissa fest und trägt ihm ihre „unüberwindlichen Einwendungen" vor. Die ganze Familie ist von ihrer Heftigkeit abgeschreckt; Solmes muss sich zurückziehen, gesteht aber, ihr Widerstand mache sie ihm nur begehrlicher. Lovelace bietet an, Clarissa zu heiraten und ihr zu ihrem Eigentum zu verhelfen; Anna schlägt vor, heimlich nach London zu gehen, sich unter den Schutz Lord M.s zu begeben oder den Ehevertrag mit Lovelace zu unterzeichnen. Schließlich schreibt Clarissa aus einem Wirtshaus in St Albans: Sie ist mit einer Mannsperson durchgegangen.

Bald bereut sie ihre übereilte Handlung. Die Unterkunft ist unbequem, und ihren frohlockenden „Verführer" kann sie kaum ertragen. Lovelace, der sich unterwegs in Robert Huntingford umbenannt hat, schwärmt seinem Briefpartner Belford von ihrer Schönheit vor. Zugleich gibt er heimlich den Heiratsplan auf. Weil ihn die Harlowes höhnisch abgewiesen haben, will er nun prüfen, ob Clarissa wirklich tugendhaft ist.

Über den Libertin Doleman bringt Lovelace sie im Haus der Witwe Sinclair unter – in Wahrheit ein Bordell, dessen Namen er erfunden hat. Clarissa ahnt nicht, wo sie wohnt, wundert sich aber über das dreiste Geschwätz des weiblichen Personals und über die Herren aus Lovelaces Umkreis: den trunksüchtigen Spieler Belton, den hochmütigen Mowbray mit den zwei Gesichtsnarben, den geckenhaften Tourville, der die Frauen verspottet, und den belesenen Belford, den sie für anständig hält. Sie schreibt Anna, sie müsse dieses Haus „als die Pest fliehen". Unterdessen hat der Vater Clarissa verflucht, die Familie hat sich von ihr losgesagt, und James will sie in London aufspüren.

In Lovelaces Haus kommt es schließlich zur Vergewaltigung. Doch Clarissa ergibt sich dem Mann nicht – weder durch eine Heirat noch auf andere Weise. Sie bewahrt ihre innere Unversehrtheit, indem sie den Weg des Verhungerns wählt und ihn bis zum Tod durchhält. Ein glückliches Ende der Liebesgeschichte gibt es nicht. Gerechtigkeit stellt am Ende Oberst Morden her: Im Duell dringt sein Degen tödlich in Lovelaces Körper.

Stil

Das Werk ist ein reiner Briefroman: Die gesamte Handlung entfaltet sich in den Briefen der Figuren, ohne eine erzählende Zwischenstimme. Getragen wird sie von zwei Briefwechseln – dem vertraulichen zwischen Clarissa und Anna Howe und dem zwischen Lovelace und seinem Freund Belford. So erscheinen dieselben Ereignisse aus gegensätzlichen Blickwinkeln: hier das empfindsame Ringen der bedrängten Clarissa, dort das kühle Kalkül des Verführers.

Weil die Briefe unmittelbar aus der jeweiligen Lage heraus geschrieben sind, wirken Gefühle, Zweifel und Entschlüsse ganz gegenwärtig. Der Roman gehört zur Empfindsamkeit, jener Strömung des 18. Jahrhunderts, die das Seelenleben in den Vordergrund rückte. Besonders die inneren Bewegungen der weiblichen Hauptfigur werden mit großer Genauigkeit ausgebreitet.

Die Sprache ist bildreich. Clarissa fasst ihre ausweglose Lage in Bilder der Seefahrt – Lovelace als Klippe, Solmes als Sandbank, die Freundin Anna als Lotsin. Lovelaces Briefe wiederum entlarven seine Berechnung, wenn er die Umworbene wie eine Beute betrachtet. Aus vielen Hunderten solcher Briefe gefügt, ist das Werk zu einem außerordentlich umfangreichen Roman angewachsen.

Rezeption

Schon bald nach dem Erscheinen fand der Roman zahlreiche Nachahmer. Bereits 1749 veröffentlichte Sarah Fielding ihre Remarks on Clarissa. Es folgten weitere Bearbeitungen, etwa Jeanne-Marie Leprince de Beaumonts Neue Clarissa (1767), Sophia Briscoes Miss Melmoth or the new Clarissa (1771) und Robert Porretts Clarissa or the fatal seduction (1788).

Der französische Aufklärer Denis Diderot bewunderte Richardson. In seiner Schrift Éloge de Richardson (1760) lobte er ihn dafür, den Roman auf ein ernsthaftes Niveau gehoben zu haben. Motive aus Clarissa gingen in Diderots Roman La Religieuse ein. Während Diderot an Le Neveu de Rameau arbeitete, starb Richardson am 4. Juli 1761.

Nicht alle stimmten in das Lob ein. Johann Karl Wezel mokierte sich über „die Richardsonschen Romane, diese Gallerien von idealen Charakteren und moralischen Gemeinplätzen".

Die Literaturgeschichte hebt die für die Mitte des 18. Jahrhunderts ungewöhnlich tiefschürfende „psychologische Analyse der weiblichen Gefühle" hervor. Anders als in Lessings Miss Sara Sampson verweigert sich Clarissa dem Geliebten vor der Ehe. 1995 promovierte der Anglist Pascal Nicklas in Frankfurt über den Roman; er deutet Lovelaces Gewalt und Clarissas Empfindsamkeit als Gegensatz und betont, dass Richardson auf ein glückliches Ende verzichtet und seiner Heldin die innere Unversehrtheit bewahrt. Rund zwei Jahrhunderte nach Wezels Spott gilt Clarissa der deutschsprachigen Literaturgeschichte als Meisterwerk.

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